Hörverlust, Demenz

Hörverlust und Demenz: Unbehandelte Hörminderung erhöht das Risiko um bis zu 50 Prozent

Veröffentlicht am: 24.10.2026 um 20:30 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Forschung verbindet eingeschränktes Hören mit höherer Demenzgefahr; Fachgesellschaften raten zu regelmäßigen Hörtests ab 50 Jahren.
Ein ruhiger, leerer Wohnraum mit sanftem Morgenlicht, das durch ein Fenster auf einen Holzboden fällt. Illustration mit AI erstellt.

Ein unbehandelter Hörverlust könnte das Risiko für die Entwicklung einer Demenz um bis zu 50 Prozent gegenüber Normalhörenden erhöhen. Angesichts der weiten Verbreitung von Hörminderungen im Alter rückt dieser Zusammenhang zunehmend in den Fokus der medizinischen Forschung.

Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) weist etwa jeder dritte Erwachsene über 65 Jahren einen Hörverlust auf. Bei Personen im Alter von über 80 Jahren ist bereits die Hälfte der Bevölkerung betroffen.

Ein maßgeblicher modifizierbarer Faktor

Die Lancet-Kommission unter Leitung des University College London identifizierte in ihrem Bericht 14 modifizierbare Demenz-Risikofaktoren. Durch eine gezielte Beeinflussung dieser Faktoren könnten rein rechnerisch rund 45 Prozent aller weltweiten Demenzfälle auf Bevölkerungsebene verhindert oder verzögert werden.

Die Kommission stufte eine Hörminderung dabei als den größten modifizierbaren Risikofaktor im mittleren Lebensalter ein, auf den weltweit etwa 7 Prozent aller Demenzfälle entfallen. Zum Vergleich machen hohes LDL-Cholesterin ebenfalls rund 7 Prozent und ein unbehandelter Sehverlust etwa 2 Prozent aus; beide Faktoren wurden von der Kommission neu ergänzt.

Anzeige

Unbehandelter Hörverlust gilt heute als einer der größten vermeidbaren Risikofaktoren für geistigen Abbau. Dieser kostenlose Ratgeber erklärt den unterschätzten Zusammenhang zwischen dem Gehör und der mentalen Fitness und zeigt, wie Sie selbst aktiv vorbeugen können. Gratis PDF-Ratgeber zur Demenzprävention anfordern

Epidemiologische Erhebungen weisen darauf hin, dass das Risiko eng an das Ausmaß der Höreinschränkung gekoppelt ist: Ein leichter Hörverlust verdoppelt das Demenzrisiko, eine mittlere Einschränkung verdreifacht es, und bei einem schweren Hörverlust steigt es auf das bis zu Fünffache an.

In der Framingham Heart Study ging jeglicher Hörverlust mit einem um 71 Prozent erhöhten Demenzrisiko einher, was sich besonders bei Trägern des APOE-e4-Gens zeigte. Weltweit könnte nach epidemiologischen Schätzungen Hörverlust für ein Zehntel der rund 47 Millionen Demenzfälle verantwortlich sein.

Anzeige

Wer seine geistige Vitalität bis ins hohe Alter erhalten möchte, kann sein Gehirn bereits mit wenigen Minuten täglichem Training gezielt unterstützen. Erfahren Sie in diesem kostenlosen Report, wie einfache Übungen ohne Technik den Gedächtnisabbau spürbar verlangsamen können. 7 einfache Übungen für die geistige Fitness kostenlos herunterladen

Auch nationale Zahlen verdeutlichen die Dimension: In Großbritannien leben über 944.000 Menschen mit Demenz, was rund einer von elf Personen über 65 Jahren entspricht. In Griechenland sind über 160.000 Menschen betroffen, während dort oft sieben bis zehn Jahre vergehen, ehe Betroffene Hilfe in Anspruch nehmen.

Neurobiologische Mechanismen und Begleitrisiken

Experten verweisen auf mehrere zentrale Mechanismen, über die ein Hörverlust geistige Einbußen begünstigt. Dr. Stephanie Rogers von der University of California, San Francisco, nennt hierbei die erhöhte kognitive Belastung, Hirnatrophie sowie soziale Isolation als wesentliche Treiber. Wenn das Gehirn dauerhaft zusätzliche Kapazitäten aufwenden muss, um akustische Signale zu entschlüsseln, fehlen diese Ressourcen an anderer Stelle.

Bereits 2020 stellte ein Forscherteam der Newcastle University im Fachjournal Neuron die Hypothese auf, dass das bei anstrengendem Hören beanspruchte Speichersystem im tiefen Temporallappen mit jenem Areal übereinstimmt, an dem die Alzheimer-Erkrankung ihren Anfang nimmt. Eine veränderte Aktivität durch Hörverlust und pathologische Demenzprozesse könnten sich somit wechselseitig beeinflussen.

Zudem zieht eine Hörminderung erhebliche Begleitfolgen nach sich. Laut dem Journal of the American Geriatrics Society verdoppelt ein unbehandelter Hörverlust das Risiko für Depressionen mehr als und steigert sturzbedingte Krankenhausaufenthalte um 50 Prozent. Pro 10 Dezibel Hörverlust nehmen das Sturzrisiko um 20 Prozent, das Schlaganfallrisiko um 17 Prozent und die Wahrscheinlichkeit einer Mangelernährung um 15 Prozent zu.

Früherkennung und Handlungsbedarf

Fachgesellschaften wie die American Academy of Otolaryngology-Head and Neck Surgery empfehlen ein systematisches Hör-Screening ab dem 50. Lebensjahr. Bis zum 65. Lebensjahr sollte die Überprüfung alle drei bis fünf Jahre wiederholt werden, danach in Abständen von ein bis drei Jahren.

Als typische Warnzeichen gelten Verständigungsprobleme beim Telefonieren, eine schleichend erhöhte Lautstärke des Fernsehgeräts oder das wiederholte Nachfragen im Gespräch. Zur genauen Abklärung empfiehlt sich in solchen Fällen eine Reintonaudiometrie in einer HNO-Praxis.

Disclaimer...
de | wissenschaft | 70406145 |