Hörverlust bei Diabetes: Unter 60-Jährige haben ein dreifach erhöhtes Risiko
Veröffentlicht am: 27.10.2026 um 03:48 Uhr | Redaktion boerse-global.deEine umfassende systematische Übersichtsarbeit verdeutlicht den Zusammenhang zwischen Stoffwechselerkrankungen und sensorischen Einschränkungen. Aus einer Auswertung von 29 Studien aus den Jahren 2000 bis 2025 geht hervor, dass 24 Prozent der erwachsenen Diabetespatienten von einem mittelgradigen bis schweren Hörverlust von mindestens 40 Dezibel betroffen sind.
Zudem ist eine Diabeteserkrankung demnach mit einer 2,41-fach höheren Chance auf einen solchen mittelgradigen oder schweren Hörverlust assoziiert. In 23 der 29 untersuchten Arbeiten wurde ein Hörverlust ab dieser Schwelle von 40 Dezibel dokumentiert.
Erhöhte Anfälligkeit bei jüngeren Patienten und kurzer Krankheitsdauer
Die Auswertungen weisen auf deutliche Unterschiede je nach Altersgruppe und Erkrankungsdauer hin. Bei Erwachsenen im Alter von unter 60 Jahren ist das Risiko für einen entsprechenden Hörverlust dreifach erhöht. Ab einem Alter von 60 Jahren erwies sich dieser Zusammenhang hingegen als statistisch nicht signifikant.
Auch der zeitliche Verlauf der Erkrankung spielt eine Rolle: Beträgt die Diabetesdauer weniger als 10 Jahre, zeigt sich ein 2,68-fach erhöhtes Risiko. Die Autoren der Übersichtsarbeit sprechen sich vor diesem Hintergrund dafür aus, standardmäßige Hörtests fest in die Routineversorgung von Diabetespatienten einzubinden, insbesondere bei jüngeren Erwachsenen.
Hinsichtlich der physiologischen Ursachen verweist der Endokrinologe Simão Augusto Lottenberg vom Hospital Israelita Albert Einstein auf vaskuläre und neuronale Prozesse. Demnach schädigen erhöhte Blutzuckerwerte die feinen Blutgefäße sowie die Nervenstrukturen der Cochlea. Da die Gehörschnecke von kleinsten Gefäßen versorgt wird, können Stoffwechselstörungen und Bluthochdruck das Gehör in vergleichbarer Weise beeinträchtigen wie Herz und Nieren.
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Bestätigende Erkenntnisse aus internationalen Kohorten
Ergänzende Befunde liefert eine in der Fachzeitschrift BMC Public Health veröffentlichte Querschnittsanalyse der Kanadischen Longitudinalstudie zum Altern (CLSA), die auf den Baseline-Daten von 24.048 Teilnehmern aus dem Jahr 2012 beruht.
In dieser Untersuchung lag die Quote einer Hörbeeinträchtigung bei 44,0 Prozent der Personen mit Prädiabetes und bei 42,9 Prozent der Teilnehmenden mit Diabetes, während sie in der Kontrollgruppe 27,3 Prozent betrug. Ein schwerwiegender, im Alltag beeinträchtigender Hörverlust betraf 12,8 Prozent der Prädiabetiker, 11,7 Prozent der Diabetiker und 5,5 Prozent der Kontrollpersonen.
Die adjustierte Odds Ratio der kanadischen Analyse beziffert sich auf 1,27 für eine allgemeine Hörbeeinträchtigung sowie auf 1,56 für einen beeinträchtigenden Hörverlust (jeweils mit einem Konfidenzintervall von 95 Prozent und p < 0,001).
Das Team stellte signifikante Interaktionen mit Alter und Geschlecht fest: Das höchste Risiko fand sich in der jüngsten Altersgruppe, speziell bei Frauen. Ein kausaler Nachweis wird durch das Querschnittsdesign jedoch nicht erbracht.
Ebenso dokumentiert eine internationale Langzeituntersuchung mit Beteiligung von Forschern aus Utrecht, Pretoria, Colorado sowie der University of Western Australia und dem Ear Science Institute Australia vergleichbare Tendenzen.
In der im Fachjournal PLOS ONE publizierten Analyse von 3.596 australischen Erwachsenen im Alter von 45 bis 70 Jahren stieg der Anteil von Personen mit mindestens leichtem Hörverlust über einen Beobachtungszeitraum von etwa sechs Jahren von 14 Prozent auf 26 Prozent; im Hochfrequenzbereich wuchs er von 53 Prozent auf 71 Prozent.
Ein Prozent der zu Beginn normal Hörenden entwickelte mindestens leichte Hörprobleme, während 39 Prozent der Teilnehmenden mit intaktem Gehör im Hochfrequenzbereich Verschlechterungen zeigten. Neben einem höheren Body-Mass-Index, Tabakkonsum und Hypertonie war auch Prädiabetes signifikant mit dem Hörverlust assoziiert.
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Klinische Einstufung und Diagnostik
Medizinisch wird Hörverlust über vier Pfade mit kardiologischen Parametern, dem Blutzuckerstoffwechsel, Schlaf sowie kognitiven Fähigkeiten verknüpft. Die standardmäßige Reintonaudiometrie deckt den Frequenzbereich von 125 bis 8.000 Hertz ab und nimmt üblicherweise 20 bis 30 Minuten in Anspruch.
Tritt ein einseitiger Hörverlust plötzlich auf, verlangt dies sofortige medizinische Abklärung. Bei einem mittleren Hörverlust von über 40 Dezibel im beidohrigen Durchschnitt wird der Einsatz eines Hörgeräts empfohlen, während bei schweren bis hochgradigen Ausfällen Cochlea-Implantate zum Einsatz kommen.
