Hochbegabtenförderung: Vier AHS-Klassen sollen bis 2030 entstehen
Veröffentlicht am: 12.10.2026 um 00:22 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Trotz überdurchschnittlicher intellektueller Fähigkeiten drohen hochbegabte Schülerinnen und Schüler im regulären Schulbetrieb den Anschluss zu verlieren. Berichte verdeutlichen immer wieder die Problematik, dass Betroffene trotz großen Potenzials durch das Bildungssystem fallen oder durch starre organisatorische Vorgaben in ihren Prüfungsverläufen beeinträchtigt werden.
Chronische Unterforderung, psychische Belastungen und fehlende Fördermodelle führen mitunter zu Schulabbrüchen, während Bildungspolitik und Beratungsstellen nach Wegen suchen, Begabungen flexibler aufzufangen.
Reformansätze öffnen Methoden für alle Standorte
Ein wesentlicher Hebel liegt in der Übertragung bewährter Förderinstrumente in den Regelunterricht. Nach den Erfahrungen aus bisherigen Schulversuchen sollen ausgewählte didaktische und organisatorische Elemente künftig allen Schulen offenstehen.
Bildungsminister Christoph Wiederkehr (NEOS) sieht vor, dass Konzepte wie der Flipped Classroom in die Breite getragen werden können. Ebenso soll es Schulen autonom möglich sein, das Vorziehen von Teilen der Reifeprüfung zu erlauben. Zudem sind ab der 10. Schulstufe flexiblere Anwesenheitsregeln vorgesehen, damit Lernende an längerfristigen Projekten arbeiten können.
Diese Öffnung flankiert einen umfassenderen Gesetzesentwurf Wiederkehrs, der die Hochbegabtenförderung künftig strukturell festigen soll. Bislang existierten in diesem Bereich lediglich Schulversuche. Nun soll die AHS für Hochbegabte als vierte Sonderform dauerhaft ins Regelschulwesen überführt werden.
Bisherige Sonderformen umfassen Angebote für Berufstätige, Schulen mit Musik-, Sport- oder Englischschwerpunkt sowie das Werkschulheim. Der vorliegende Entwurf befindet sich in der Begutachtung, deren Frist bis zum 4. November läuft.
Geplante Sonderformen und Auswahlkriterien
Ab dem Herbst 2027 sollen begabte Schülerinnen und Schüler nach diesem Modell die Unterstufe in drei Jahren abschließen können und strukturiert bis zur Matura geführt werden.
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Laut einer wirkungsorientierten Folgenabschätzung sind bis zum Jahr 2030 vier AHS für Hochbegabte geplant. Diese sollen als einzelne Klassen an bereits bestehenden Schulstandorten eingerichtet werden, wobei der Lehrplan den regulären Abschluss des Gymnasiums oder Realgymnasiums ermöglichen muss.
Für die Aufnahme in diese Klassen sieht der Minister ein mehrstufiges Verfahren vor. Neben einem standardisierten Intelligenztest gehören dazu ein persönliches Kennenlerngespräch sowie Gruppenübungen, mit denen Begabung, Motivation und das Arbeitsverhalten beurteilt werden.
Ein Wechsel zurück in eine reguläre Klasse soll jederzeit offenstehen. Eine Wiederholung von Schulstufen ist in diesen Klassen hingegen streng reglementiert und ausschließlich in Ausnahmefällen wie einer Erkrankung, einem Unfall oder durch höhere Gewalt zulässig.
Risiken chronischer Unterforderung im System
Wie gravierend die Folgen unzureichender Förderung sein können, zeigen individuelle Fallbeispiele. Der Fall von Sam aus Bremen verdeutlicht die typischen Bruchlinien: Dessen IQ wurde bereits im Alter von fünf Jahren ermittelt, woraufhin eine frühe Einschulung folgte.
Dennoch brach er die Schullaufbahn kurz vor dem Abitur ab, trat in das Erwerbsleben ein und erlitt vor einem Jahr einen Zusammenbruch infolge von Depressionen und chronischer Unterforderung. Erst im Alter von 29 Jahren holt er nun sein Abitur nach.
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Demnach gelten in Deutschland rund 1,7 Millionen Menschen – was etwa 2 Prozent der Bevölkerung entspricht – als hochbegabt mit einem Intelligenzquotienten von 130 oder mehr. Beratungsstellen wie das ReBuz Süd, an dem Maria Bergner tätig ist, unterstützen Schüler, Eltern sowie Lehrkräfte bei derartigen Fragestellungen und führen bei Bedarf entsprechende Tests durch.
Die Schulpsychologin Tanja Kaller gibt dabei zu bedenken, dass klassische IQ-Tests lediglich intellektuelle Fähigkeiten abbilden, musische oder sportliche Begabungen jedoch nicht erfassen. Der Blick auf schulische Förderkonzepte erfordert daher differenzierte Kriterien, um Begabungen jenseits starre Schemata zu begleiten.

