Herzstillstand: 10.000 Leben pro Jahr durch Laienreanimation rettbar
Veröffentlicht am: 21.09.2026 um 12:30 Uhr | Redaktion boerse-global.de
In Deutschland erleiden jährlich rund 130.000 bis knapp 140.000 Menschen einen Herz-Kreislauf-Stillstand außerhalb eines Krankenhauses. Im Jahr 2024 lag die Zahl bei rund 136.000 Betroffenen, was einem Durchschnitt von etwa 370 Fällen pro Tag entspricht.
Bislang überlebt diesen Vorfall nur gut jeder Zehnte. Rund 70 Prozent der Ereignisse ereignen sich in den eigenen vier Wänden, wobei bei knapp der Hälfte andere Personen in der Nähe sind. Zwei Drittel der Betroffenen sind Männer im durchschnittlichen Alter von etwas über 65 Jahren.
Rund um die bundesweite Woche der Wiederbelebung vom 21. bis 27. September 2026, die seit 2012 zum 15. Mal stattfindet, setzen Organisationen wie das Nationale Aktionsbündnis Wiederbelebung (NAWIB), das Bundesgesundheitsministerium, das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit, die ADAC Stiftung, der Deutsche Rat für Wiederbelebung, die Björn-Steiger-Stiftung, die Deutsche Herzstiftung sowie Hilfsorganisationen und Landesministerien auf verbesserte Strategien und praktische Schulungen.
Relevanz der ersten Minuten
Das Gehirn nimmt nach Angaben des NAWIB und des Deutschen Rates für Wiederbelebung bereits nach drei bis fünf Minuten ohne Sauerstoff irreversible Schäden und stirbt ab.
Ein Zuwarten auf professionelle Einsatzkräfte sei laut Bernd Böttiger vom Deutschen Rat für Wiederbelebung fast immer ein Todesurteil, da die Hilfsfrist des Rettungsdienstes in den meisten Bundesländern bei 10 bis 15 Minuten liege und in ländlichen Regionen oft verfehlt werde. Nach Angaben des NAWIB benötigt der Rettungsdienst im Durchschnitt häufig 8 bis 12 Minuten.
Eine sofortige Laienreanimation kann die Überlebenschancen der Betroffenen verdoppeln bis verdreifachen. Bei der Herzdruckmassage empfiehlt der Deutsche Rat für Wiederbelebung eine Drucktiefe von 5 bis 6 Zentimetern bei einer Frequenz von 100 bis 120 Mal pro Minute, was zwei Kompressionen pro Sekunde entspricht.
Nach Daten des Deutschen Reanimationsregisters, über die das Bundesgesundheitsministerium berichtete, wird jedoch bisher nur in 55,4 Prozent der Fälle eine Laienreanimation eingeleitet. Durch rascheres Handeln ließen sich jährlich schätzungsweise 10.000 Menschenleben zusätzlich retten.
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Vier Handlungsfelder und Schulunterricht
Gemeinsam mit dem Bundesgesundheitsministerium und dem Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit fokussiert das NAWIB vier zentrale Handlungsfelder: frühzeitige Bildung an Schulen, die Sensibilisierung nach dem Schema „Prüfen – Rufen – Drücken“, die Verbreitung automatisierter externer Defibrillatoren (AED) im öffentlichen Raum sowie den Ausbau von Ersthelfer-Apps.
Geplant ist laut Bundesgesundheitsministerium zudem, die telefonische Anleitung zur Wiederbelebung durch Leitstellen im Rahmen einer Notfallreform gesetzlich zu verankern.
Im Bildungsbereich ist Reanimationsunterricht in der Sekundarstufe I inzwischen in sechs Bundesländern verpflichtend: Hessen, Saarland, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz, Bayern und Nordrhein-Westfalen.
Im Land Nordrhein-Westfalen ist das Training seit dem Schuljahr 2026/27 verpflichtend. Schüler der Klassen 7 bis 9 an rund 2.100 allgemeinbildenden Schulen absolvieren dort mindestens einmal eine 90-minütige Einheit.
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Der NRW-Landeshaushalt 2026 sieht dafür 400.000 Euro vor, gefolgt von jährlich 300.000 Euro ab 2027. Weitere Mittel stammen von der Björn-Steiger-Stiftung und der Deutschen Herzstiftung, die Phantome im Wort von 400.000 Euro bereitstellen, sowie von der ADAC Stiftung mit 100.000 Euro.
Begleitende Strukturen und Hürden
Nach einer Umfrage des Instituts Norstat im Auftrag der ADAC Stiftung vom 24. April bis 8. Mai 2026 unter 2.066 Personen ab 16 Jahren befürworten 82 Prozent ein Reanimationstraining ab Klasse 7. Allerdings besitzen nur 27 Prozent der über 60-Jährigen ein Training innerhalb der vergangenen zehn Jahre; weniger als zehn Prozent trainierten innerhalb von zwei Jahren. Zudem wissen lediglich 23 Prozent, wann eine Reanimation notwendig ist.
Die Aussicht auf telefonische Anleitung steigert die Bereitschaft laut ADAC Stiftung von 64 auf 83 Prozent. Ersthelfer-Apps zeigen dabei weiteres Potenzial: Registrierte Helfer sind nach durchschnittlich vier Minuten vor Ort, während Rettungsdienste durchschnittlich sieben Minuten benötigen. Bundesweit sind bislang 185.000 Personen in solchen Systemen registriert.
