Herzrisiko: Taillenumfang schlägt BMI um 50% bei Normalgewicht
Veröffentlicht am: 12.08.2026 um 17:09 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die Erforschung von Entzündungsprozessen als Ursache für Gefäßerkrankungen hat im Sommer 2026 einen bedeutenden Dämpfer erhalten. Während Entzündungswerte lange Zeit als zentrale Prädiktoren für Herz-Kreislauf-Ereignisse galten, werfen neue klinische Daten Fragen zur Wirksamkeit einer isolierten Senkung dieser Marker auf. Insbesondere die Ergebnisse einer großangelegten Studie des dänischen Pharmakonzerns Novo Nordisk zwingen Mediziner dazu, den Zusammenhang zwischen Entzündungsreaktionen und Arteriosklerose neu zu bewerten.
Unerwartete Ergebnisse der ZEUS-Studie
Ende Juli 2026 wurden die Ergebnisse der ZEUS-Studie bekannt, in der die Wirkung des Wirkstoffs Ziltivekimab untersucht wurde. An der Untersuchung nahmen mehr als 6.300 Patienten teil, die bereits an Gefäßerkrankungen sowie chronischen Nierenerkrankungen litten und erhöhte Entzündungswerte aufwiesen. Das Ziel war die Senkung des kardiovaskulären Risikos durch eine gezielte Hemmung der Entzündungsmarker Interleukin-6 (IL-6) und des C-reaktiven Proteins (CRP).
Obwohl Ziltivekimab diese Marker wie geplant reduzierte, blieb der klinische Nutzen aus. Die statistische Auswertung ergab eine Hazard Ratio (HR) von 0,99 im Vergleich zur Placebo-Gruppe. Damit konnte keine Reduktion von Herzinfarkten, Schlaganfällen oder Todesfällen nachgewiesen werden. Dieses Ergebnis stellt die bisherige Entzündungstheorie bei Arteriosklerose vor neue Herausforderungen, da die Senkung der Biomarker allein offenbar nicht ausreicht, um das Risiko schwerer kardiovaskulärer Vorfälle maßgeblich zu senken.
Entzündungsrisiken bei rheumatischen und seltenen Erkrankungen
Trotz der Rückschläge bei der direkten medikamentösen Intervention bleibt die Überwachung entzündlicher Prozesse in der klinischen Praxis essenziell. Am 11. August 2026 veröffentlichte die Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie (DGRh) eine neue S3-Leitlinie. Diese empfiehlt, das kardiovaskuläre Risiko bei Patienten mit entzündlich-rheumatischen Erkrankungen mindestens alle fünf Jahre zu prüfen, bei besonders hohen Risikoprofilen sogar jährlich. Hierbei wird zu besonderer Vorsicht bei der Anwendung von Glukokortikoiden, nichtsteroidalen Antirheumatika (NSAR) und JAK-Inhibitoren geraten.
Zudem verdeutlicht eine Studie der Medizinischen Universität Innsbruck vom August 2026 die Komplexität entzündlicher Systemerkrankungen. Forscher wiesen bei 7,7 Prozent der untersuchten Knochenmarksproben das VEXAS-Syndrom nach. Diese nicht vererbbare Krankheit betrifft vor allem Männer ab 50 Jahren und äußert sich durch Symptome wie Fieber, Erschöpfung und Hautausschläge. Da eine Stammzelltransplantation oft als zu invasiv gilt, konzentriert sich die Behandlung hier weiterhin auf Entzündungshemmer und milde Chemotherapien.
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Fokus auf Stoffwechselindikatoren und den Taillenumfang
Parallel zur Diskussion um Entzündungswerte rücken morphologische Parameter stärker in den Fokus der Prävention. Eine im Journal of the American College of Cardiology (JACC) veröffentlichte Analyse der Johns Hopkins University vom 12. August 2026 belegt, dass der Taillenumfang ein präziserer Indikator für Herz-Kreislauf-Risiken ist als der Body-Mass-Index (BMI). Daten von 260.000 Personen über einen Zeitraum von 20 Jahren zeigen, dass normalgewichtige Personen mit erhöhtem Taillenumfang ein bis zu 50 Prozent höheres Risiko für Herzinfarkte, Schlaganfälle oder Herzschwäche tragen.
Als kritische Werte gelten ein Umfang von mehr als 88 Zentimetern bei Frauen und mehr als 102 Zentimetern bei Männern. Interessanterweise weisen adipöse Personen mit niedrigem Taillenumfang laut der Studie kein erhöhtes Risiko auf. In diesem Kontext lieferte eine Untersuchung der Technischen Universität München und der Harvard University vom 5. August 2026 positive Daten zu modernen Diabetes-Medikamenten. Der Einsatz von Tirzepatid senkte das Risiko für Herzinfarkte, Schlaganfälle oder Todesfälle auf 2,9 Prozent, verglichen mit 4,4 Prozent in der Kontrollgruppe.
Fortschritte in der Frühdiagnostik und Prävention
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Die künftige Risikoeinschätzung könnte zunehmend durch KI-gestützte Verfahren ergänzt werden. Die Universität Hongkong stellte im August 2026 den sogenannten CardiOmicScore vor. Das System analysiert 2.920 Proteine und 168 Metaboliten aus einer einzigen Blutprobe und soll Risiken für sechs verschiedene Herz-Kreislauf-Erkrankungen bis zu 15 Jahre vor dem Auftreten erster Symptome erkennen können.
Ergänzend betonen Mediziner die Bedeutung des Lipoprotein(a)-Werts. Da dieser genetisch bedingt ist, wird eine einmalige Messung empfohlen. Während Werte unter 30 mg/dl als normal gelten, beginnt ein sehr hohes Risiko ab 180 mg/dl. Etwa 20 bis 30 Prozent der Bevölkerung weisen erhöhte Werte auf. Während in Extremfällen eine Lipidapherese zum Einsatz kommt, befinden sich spezifische neue Medikamente derzeit in der klinischen Phase III. Auch bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen wie Morbus Crohn raten Gastroenterologen zu einer frühen Diagnose, da zunehmend jüngere Patienten betroffen sind und eine zeitnahe Behandlung die Krankheitskontrolle signifikant verbessert.
