Herzinsuffizienz: ESC-Leitlinien bringen sieben Änderungen für die Praxis
Veröffentlicht am: 30.09.2026 um 06:48 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die klinische Behandlung der Herzinsuffizienz steht vor einer Neuausrichtung. Nach einem Zeitraum von fünf Jahren wurden die europäischen Leitlinien der ESC (European Society of Cardiology) aktualisiert.
Wie Fachmedien Ende September 2026 berichteten, enthält das neue Regelwerk sieben zentrale Änderungen, die unmittelbare Auswirkungen auf die klinische Praxis haben. Die aktualisierten Empfehlungen wurden im European Heart Journal veröffentlicht und im Rahmen des ESC-Kongresses 2026 der Fachöffentlichkeit vorgestellt.
Die Relevanz dieser Anpassungen verdeutlichen aktuelle Schätzungen zur Krankheitslast: Demnach sind etwa 1 bis 3 % der erwachsenen Allgemeinbevölkerung von einer Herzinsuffizienz betroffen. Die Prognose bleibt trotz medizinischer Fortschritte ernst; weniger als 60 % der Patientinnen und Patienten überleben die ersten fünf Jahre nach der Diagnosestellung.
Vereinfachte Klassifikation und neue Stadien
Eine der wesentlichen Neuerungen betrifft die strukturelle Einteilung der Erkrankung. Die Leitlinien definieren nun Stadien, die von der Prävention (Stadium A) bis hin zur fortgeschrittenen Herzinsuffizienz (Stadium D) reichen. Diese differenzierte Betrachtung soll eine frühzeitige Identifikation von Risikopatienten ermöglichen und den Verlauf der Erkrankung präziser abbilden.
Parallel dazu wurde die Einteilung nach der linksventrikulären Ejektionsfraktion (LVEF) deutlich vereinfacht. Die Klassifikation unterscheidet nun primär zwischen einer reduzierten LVEF von unter 50 % und einer erhaltenen LVEF von 50 % oder mehr.
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Auch in der Nomenklatur der klinischen Zustandsbilder gibt es eine signifikante Änderung: Der Begriff „akut“ wird in den neuen Leitlinien durch die Bezeichnung „dekompensiert“ ersetzt, was die pathophysiologischen Vorgänge bei einer plötzlichen Verschlechterung genauer beschreiben soll.
Neue Therapiestrukturen und medikamentöse Empfehlungen
Die therapeutische Herangehensweise wurde ebenfalls neu strukturiert. Die Experten führen neue Begrifflichkeiten ein, um die Behandlungsstrategien zu ordnen. Dabei wird zwischen der Basistherapie, der zusätzlichen Therapie und der leitliniengerechten interventionellen Therapie unterschieden. Diese Dreiteilung soll Ärzten eine klarere Orientierung bei der Eskalation der Behandlung bieten.
Im Bereich der medikamentösen Versorgung stechen zwei Anpassungen hervor. Mineralokortikoid-Rezeptor-Antagonisten (MRA) haben eine Klasse-I-Empfehlung für die Behandlung der chronischen Herzinsuffizienz erhalten, und zwar unabhängig von der gemessenen LVEF. Dies unterstreicht den hohen Stellenwert dieser Wirkstoffgruppe im gesamten Spektrum der Erkrankung.
MRA haben jetzt Klasse-I-Empfehlung bei chronischer Herzinsuffizienz — unabhängig von der LVEF. Wer diese Konstellation bisher zurückgestellt hat, braucht eine klare Verordnungs-Checkliste, ebenso bei Semaglutid oder Tirzepatid unter Klasse IIa bei erhaltener LVEF und Adipositas. Verordnungs-Checkliste jetzt sichern
Zudem berücksichtigen die Leitlinien die wachsende Bedeutung von Inkretin-Mimetika bei Patienten mit Komorbiditäten. Für Betroffene, die unter einer Herzinsuffizienz mit erhaltener LVEF sowie unter Adipositas leiden, wird der Einsatz von Semaglutid oder Tirzepatid nun mit einer Klasse-IIa-Empfehlung belegt. Damit reagiert die ESC auf neuere Erkenntnisse zum Management von Übergewicht als wesentlichem Risikofaktor im Kontext kardiologischer Erkrankungen.
Die Aktualisierung zielt insgesamt darauf ab, die Diagnose und Therapie durch präzisere Begrifflichkeiten und evidenzbasierte Behandlungspfade zu optimieren.
