Herzinfarkte bei Jungen: 42 Prozent mehr Fälle durch Extremarbeit
12.06.2026 - 13:23:01 | boerse-global.de
Mediziner sehen die Ursachen in extremen Arbeitsmodellen, chronischem Schlafmangel und Dauerstress.
Besonders in dynamischen Wirtschaftsumgebungen und bei akademischen Nachwuchskräften verfestigen sich Strukturen, die das Risiko für akute kardiovaskuläre Ereignisse erhöhen.
Steigende Fallzahlen in Ho-Chi-Minh-Stadt
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Das Gia Dinh Volkskrankenhaus in Ho-Chi-Minh-Stadt registrierte innerhalb von zwei Wochen 24 akute Myokardinfarkte. Das entspricht einer Steigerung von 42 Prozent gegenüber dem vorherigen Durchschnitt.
Besonders auffällig: 38 Prozent der Betroffenen waren unter 50 Jahre alt. In der Vergangenheit lag dieser Wert stabil zwischen 10 und 15 Prozent.
Dr. Chau Do Truong Son führt die Entwicklung auf das sogenannte „996“-Arbeitsmodell zurück. Dabei arbeiten Beschäftigte von 9 Uhr morgens bis 21 Uhr abends, an sechs Tagen pro Woche.
Die extreme Belastung geht mit chronischem Schlafmangel, Dauerstress und Bewegungsmangel einher. In mehreren Fällen traten schwere Infarkte auf, obwohl keine klassischen Risikofaktoren vorlagen. Dr. Nguyen Do Anh ergänzte, dass viele junge Patienten bereits mit kardiogenem Schock oder Herzstillstand eingeliefert wurden.
Die Gefahren der „Grindset“-Kultur
Im Umfeld von Startups und Hochleistungsteams ist eine Arbeitsweise verbreitet, die unter dem Begriff „Grindset“ bekannt ist. Ein prominentes Beispiel: Nico Laqua, Gründer des KI-Versicherungs-Startups Corgi.
Das Unternehmen erreichte im Mai 2026 eine Bewertung von 1,3 Milliarden US-Dollar, die innerhalb weniger Wochen auf 2,6 Milliarden US-Dollar anstieg. Laqua beschrieb in einem Podcast sein Arbeitspensum: sieben Tage pro Woche bei drei bis vier Stunden Schlaf pro Nacht. Er betonte die Bereitschaft, gesundheitliche Risiken zugunsten des Unternehmenserfolgs in Kauf zu nehmen.
Wissenschaftliche Erkenntnisse mahnen zur Vorsicht. Eine Studie zeigt: Bereits 14 Tage mit nur sechs Stunden Schlaf pro Nacht führen zu geistigen Einschränkungen, die mit 24 Stunden ohne Schlaf vergleichbar sind. Die Gefahr: Betroffene nehmen den kognitiven Abbau durch Gewöhnungseffekte selbst nicht mehr wahr.
Belastungsdruck in Studium und Ausbildung
Auch im akademischen Bereich ist der Druck auf junge Menschen messbar gestiegen. Eine Forsa-Umfrage im Auftrag der Techniker Krankenkasse unter 1.000 Studierenden belegt: 41 Prozent leiden häufig unter Stress. 2015 lag dieser Wert noch bei 23 Prozent.
Als Hauptbelastungsfaktoren nannten die Befragten Prüfungsdruck (49 Prozent) und die Doppelbelastung durch Studium und Erwerbsarbeit (34 Prozent). Zudem wiesen 35 Prozent der Studierenden Anzeichen hoher emotionaler Erschöpfung auf – ein Hinweis auf erhöhtes Burnout-Risiko.
TK-Chef Jens Baas betonte: „Gesundheit muss die Basis für einen erfolgreichen Berufsstart sein."
Debatte um Arbeitszeitgesetze und Prävention
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In Deutschland wird vor diesem Hintergrund eine politische Debatte über Arbeitszeitgestaltung geführt. Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas plant für Juni 2026 einen Gesetzentwurf, der flexiblere Arbeitszeiten ermöglichen soll. Die Höchstgrenzen könnten künftig auf die Woche statt auf den Tag bezogen werden.
Bas sprach sich jedoch deutlich gegen reguläre 12-Stunden-Tage aus. Arbeitsrechtler und Gewerkschaften warnen vor einer Aufweichung des Achtstundentags – das Unfallrisiko steige nach acht Stunden statistisch an. Eine WSI-Befragung ergab: 75 Prozent der Beschäftigten befürchten negative Auswirkungen auf ihre Work-Life-Balance.
Parallel dazu rücken medizinische Fachgesellschaften die Prävention in den Fokus. Experten empfehlen eine wöchentliche körperliche Aktivität von mindestens 150 Minuten, gesunde Ernährung und Tabakverzicht. Besonders der LDL-Wert sollte streng kontrolliert werden – Risikopatienten sollten Zielwerte unter 55 mg/dl anstreben.
