Herzinfarkt bei Frauen: 35% aller weiblichen Todesfälle, späte Diagnose
04.06.2026 - 02:09:23 | boerse-global.de
Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind die häufigste Todesursache bei Frauen – doch das medizinische System ist auf Männer ausgerichtet. Deutsche Politiker und Ärzte fordern jetzt eine grundlegende Wende.
Die Zahlen sind alarmierend: 35 Prozent aller Todesfälle bei Frauen gehen auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen zurück. Dennoch werden weibliche Patienten systematisch später diagnostiziert und schlechter behandelt als Männer. Der Grund liegt tief im System verankert – im sogenannten „Standardkörper", an dem die gesamte medizinische Ausbildung ausgerichtet ist.
Bundestag fordert Pflichtfach Gendermedizin
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Anfang Juni 2026 haben mehrere Bundestagsabgeordnete einen Kurswechsel gefordert. Die SPD-Politikerin Lina Seitzl und ihre CSU-Kollegin Emmi Zeulner machen sich für verbindliche Lehrinhalte zur geschlechterspezifischen Medizin stark. Ihr Ziel: Ärzte sollen schon im Studium lernen, dass sich Krankheiten bei Frauen und Männern völlig unterschiedlich äußern können.
Der Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Stefan Schwartze (SPD), fordert zudem standardisierte Ersteinschätzungen und mehr Sensibilität für weibliche Gesundheitsprobleme. Zwar schreibt die EU seit 2022 eine geschlechtergerechte Verteilung in klinischen Studien vor – doch in der Praxis hapert es gewaltig.
Ein besonders heikler Punkt: Diagnosegespräche mit Frauen sind oft aufwendiger, weil die Symptome unspezifischer ausfallen. Doch genau diese Gespräche werden ärztlich schlechter vergütet als operative Eingriffe, kritisiert Professorin Dr. Bettina Pfleiderer von der Universität Münster.
Wenn der Herzinfarkt anders kommt
Die klinische Realität zeigt eklatante Unterschiede. Frauen mit Herzinfarkt kommen im Schnitt 30 Minuten später ins Krankenhaus als Männer. Ihre Symptome werden häufig als psychosomatisch abgetan.
Dabei sind die Anzeichen oft grundlegend anders: Statt der klassischen Brustschmerzen leiden Frauen unter Übelkeit, Rückenschmerzen und Atemnot. „Das sind keine atypischen Symptome – sie sind typisch für Frauen", betont Professorin Vera Regitz-Zagrosek. Die Folge: Frauen sterben häufiger an Herzinfarkten und entwickeln öfter eine Herzschwäche mit erhaltener Pumpfunktion (HFpEF).
Ein besonders drastischer Fall zeigt die strukturellen Defizite: Die 24-jährige Maureen litt unter schweren Herzrhythmusstörungen mit Pausen von bis zu 54 Sekunden – und wurde von ihrem Kardiologen nicht ernst genommen.
Neue Diagnostik und Therapieansätze
Trotz der strukturellen Probleme zeichnen sich Fortschritte ab. Forscher der Queen Mary University London und des Berlin Institute of Health haben den OBSCORE entwickelt, einen Risikowert aus 20 Gesundheitsmarkern. In einer Studie mit fast 200.000 Probanden erwies er sich als deutlich präziser als der BMI, um Nierenerkrankungen und Herz-Kreislauf-Tod vorherzusagen.
Auch therapeutisch gibt es Hoffnung: Ein aus Stammzellen gezüchteter „Herzpflaster" hat in einer klinischen Studie mit zwölf Patienten überzeugt. Die Herzwand verdickte sich um 4,5 Millimeter, die Pumpleistung verbesserte sich – einige Patienten leben bereits seit über vier Jahren mit dem Implantat.
Die Deutsche Herzstiftung warnt zudem vor der gefährlichen Kombination von Diabetes und Vorhofflimmern. Sie erhöht das Risiko für einen vorzeitigen Tod um 61 Prozent. Bei rund elf Millionen Diabetikern in Deutschland empfehlen Experten aggressive Risikokontrolle mit SGLT2-Hemmern und Gerinnungshemmern.
Starke Muskeln, langes Leben
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Prävention spielt eine Schlüsselrolle. Eine Studie in JAMA Network Open mit über 5.400 Frauen über durchschnittlich 8,3 Jahre zeigt: Höhere Muskelkraft – gemessen an der Griffstärke – senkt die Sterblichkeit um zwölf Prozent.
Die Harvard Medical School bezeichnet die kardiorespiratorische Fitness als den besten einzelnen Prädiktor für die Lebenserwartung. Empfohlen werden mindestens 7.000 Schritte täglich, kombiniert mit Kraft- und Gleichgewichtsübungen.
Die Grünen haben für den 19. Juni 2026 ein öffentliches Forum in Barsinghausen zum Thema „Gender Health Gap und Geburtsmedizin" angesetzt. Ziel ist der Austausch zwischen Patienten und Experten – ein kleiner Schritt, um die diagnostische und therapeutische Kluft zwischen den Geschlechtern endlich zu schließen.
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