Herzinfarkt, Frauen

Herzinfarkt bei Frauen: 14,4% Sterblichkeit durch übersehene Symptome

Veröffentlicht am: 23.09.2026 um 01:30 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Unklare Beschwerden erschweren die Infarkterkennung bei Frauen. Ein Gesundheitsbündnis fordert deshalb verbindliche geschlechtsspezifische Versorgungsdaten.

Herzinfarkt bei Frauen: Warum Diagnosen häufiger zu spät kommen
Ein ruhiger, moderner Krankenhausflur mit steriler Beleuchtung und architektonischen Linien ohne sichtbare Personen. Illustration mit AI erstellt.

Medienberichte thematisieren verstärkt die Problematik, dass Herzinfarkte bei Frauen im klinischen Alltag häufiger übersehen werden, und fordern eine deutlich geschärfte diagnostische Aufmerksamkeit. Da sich die Anzeichen eines Infarkts bei weiblichen Patienten oftmals grundlegend von den klassischen Beschwerden unterscheiden, kommt es immer wieder zu fatalen Verzögerungen bei der Behandlung.

Symptomunterschiede und erhöhte Sterblichkeit im Krankenhaus

Während bei Männern drückende Schmerzen im Brustbereich als Leitsymptom gelten, zeigen Frauen bei einem Herzinfarkt vielfach untypische Beschwerden. Hierzu zählen Übelkeit, Oberbauch-, Rücken- oder Kieferschmerzen sowie Atemnot und ausgeprägte Erschöpfung. Diese unspezifische Symptomatik führt in der Praxis wiederholt zu einer verspäteten oder gänzlich ausbleibenden Diagnose.

Die Folgen dieser Verzögerungen spiegeln sich in den Behandlungsergebnissen wider. Daten belegen deutliche geschlechtsspezifische Unterschiede beim Ausgang eines Infarkts während des Krankenhausaufenthalts: Während 10,1 Prozent der betroffenen Männer versterben, liegt die Mortalität bei Frauen bei 14,4 Prozent.

In Deutschland leben derzeit etwa 4.700.000 Menschen mit der Diagnose einer Koronaren Herzkrankheit. Bei einer unzureichenden Durchblutung gerät der Herzmuskel ab einer Einengung der Herzkranzgefäße von über 70 Prozent in einen kritischen Zustand; kommt es zu einem kompletten Gefäßverschluss, beginnt das unversorgte Muskelgewebe bereits nach etwa 20 Minuten abzusterben.

Mangelndes Risikobewusstsein und internationale Screening-Forderungen

Trotz der klinischen Relevanz wird die Gefährdung in der Öffentlichkeit unterschätzt. Die Kardiologische Liga Belgien weist darauf hin, dass Herz-Kreislauf-Erkrankungen die häufigste Todesursache bei Frauen darstellen, und plädiert für systematische Screenings ab einem Alter von 50 Jahren.

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Laut einer Umfrage in Belgien ist lediglich einem Viertel der Bevölkerung bewusst, dass kardiovaskuläre Leiden für die meisten Todesfälle bei Frauen verantwortlich sind. Rund 40 % der Befragten vermuten fälschlicherweise Brustkrebs an erster Stelle.

Wie die Kardiologin Sofie Brouwers vom Verbund Azorg Aalst und der VUB erläutert, äußere sich ein Infarkt bei Patientinnen vorrangig über Müdigkeit, Kurzatmigkeit oder Magenbeschwerden anstelle von Brustschmerz.

Initiativen für Reformen und verlässliche Versorgungsdaten

Um Versorgungslücken zu schließen, gibt es bereits punktuelle Versorgungsangebote wie Deutschlands erstes Frauenherz-Zentrum am Rhein-Maas-Klinikum Würselen unter Chefarzt Michael Becker, das seit acht Jahren besteht. Zudem formierte sich in Berlin die Allianz für Frauengesundheit, die Eckpunkte für eine nationale Strategie und eine geschlechtersensible Forschung erarbeitet.

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Auf dem 5. Parlamentarischen Abend des 2021 gegründeten Bündnisses Runder Tisch der Frauen im Gesundheitswesen, an dem am 21.09.2026 rund 130 Gäste aus Fachkreisen und Politik teilnahmen, wurden konkrete Forderungen formuliert.

Die elf Organisationen verlangen, das Geschlecht in Registern und digitalen Anwendungen verpflichtend zu erfassen, Versorgungsdaten durch Kliniken und Kostenträger regelmäßig geschlechtsspezifisch zu veröffentlichen und den Europäischen Gesundheitsdatenraum für Qualitätsstandards zu nutzen.

Als Belege für Reformbedarf nannte das Netzwerk neben übersehenen Infarktsymptomen auch Arzneimittel, die vorwiegend an Männern getestet würden, sowie jahrelange Diagnoseverzögerungen bei Endometriose.

Die frühere Brandenburger Gesundheitsministerin Ursula Nonnemacher gab zu bedenken, dass jede Bundesstrategie ohne verbindliche Vorgaben für Kliniken und Kassenärztliche Vereinigungen reine Theorie bleibe. Brenya Adjei von der gematik mahnte, die geschlechtsspezifische Auswertbarkeit bereits beim Aufbau der elektronischen Patientenakte mitzudenken.

Hinsichtlich automatisierter Systeme warnte Prof. Sylvia Thun vom BIH Charité davor, dass Künstliche Intelligenz aus historischen Daten lerne und bestehende blinde Flecken übernehme. Dr. Christiane Groß betonte schließlich, dass eine geschlechtersensible Versorgung ein grundlegendes Qualitätsmerkmal guter Medizin darstelle.

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