Herz-Kreislauf-Prävention: EU will Todesfälle bis 2035 um 25 Prozent senken
Veröffentlicht am: 01.10.2026 um 15:30 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die European Society of Cardiology (ESC), die European Association for the Study of Diabetes (EASD) und die European Association for the Study of Obesity (EASO) haben gemeinsam mit EU-Gesundheitskommissar Olivér Várhelyi bei der EASD-Jahrestagung in Mailand die erste EU Screening Week gestartet.
Unter dem Motto „Know Your Numbers“ konzentriert sich die Initiative vom 29. September bis zum 4. Oktober 2026 darauf, die Bevölkerung zur Kontrolle von Blutdruck, Blutzucker und Cholesterinwerten zu bewegen. Die beteiligten Fachgesellschaften fordern, evidenzbasierte Gesundheitschecks und eine frühere Erkennung dauerhaft und strukturell in den Gesundheitssystemen der Mitgliedstaaten zu verankern.
Flankiert wird dieser Vorstoß durch den EU Safe Hearts Plan, der das Ziel verfolgt, vorzeitige kardiovaskuläre Todesfälle bis zum Jahr 2035 um 25 Prozent zu senken.
Hohe Krankheitslast und gravierende Diagnoselücken
Die Notwendigkeit koordinierter Screening-Programme wird durch die statistische Krankheitslast in Europa unterstrichen. Im Jahr 2022 verursachten Herz-Kreislauf-Erkrankungen in der Europäischen Union jeden dritten Todesfall, was 1,7 Millionen Menschen entsprach.
Insgesamt sind Schätzungen zufolge etwa 62 Millionen Bürger in der EU von kardiovaskulären Leiden betroffen. Nach Berechnungen der Europäischen Kommission belaufen sich die damit verbundenen Kosten auf mehr als 282 Milliarden Euro.
Parallel dazu leben rund 35,3 Millionen Menschen in der EU mit Diabetes, während etwa jeder sechste Erwachsene adipös ist. Laut Angaben der International Diabetes Federation ist in Europa zudem jeder vierte Mensch mit Diabetes bisher undiagnostiziert.
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Vorläufige Ergebnisse des italienischen CUORE-Projekts aus der Erhebungswelle 2023 bis 2025 verdeutlichen diese Dunkelziffer: Rund die Hälfte der Menschen mit erhöhtem Blutdruck wusste nichts von den eigenen Werten, wobei der Anteil bei jüngeren Männern noch höher lag.
Empfehlungen der EU-Kommission und nationale Unterschiede
Am 28. September 2026 legte die Europäische Kommission im Vorfeld des Weltherztags Empfehlungen für Früherkennungsuntersuchungen vor. Bis zu 80 Prozent der Herz-Kreislauf-Fälle gelten durch das frühzeitige Angehen von Risikofaktoren als vermeidbar.
Bislang verfügt jedoch weniger als die Hälfte der EU-Mitgliedstaaten über flächendeckende Check-Programme. Die Kommission empfiehlt, Screenings barrierefrei anzulegen, Risikogruppen gezielt einzubinden und personalisierte Prävention zu stärken. Konkret rät die Behörde zu folgenden Untersuchungsintervallen:
- Unter 35 Jahren: Mindestens eine einmalige Messung von Blutdruck, Blutzucker und Cholesterinspiegel.
- 35 bis 64 Jahre: Eine Überprüfung mindestens alle fünf Jahre.
- Ab 65 Jahren: Wiederholte Untersuchungen alle drei bis fünf Jahre.
Die Umsetzung variiert innerhalb der Mitgliedstaaten. In Deutschland besteht für gesetzlich Versicherte ab dem 35. Lebensjahr alle drei Jahre ein Anspruch auf einen Check-up, während zwischen 18 und 35 Jahren Blutuntersuchungen derzeit nur bei dokumentiertem erhöhtem Risiko vorgesehen sind.
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Österreich startete am 29. September 2026 in allen neun Bundesländern das Programm „HerzCheck Österreich“, das sich an Menschen ab 65 Jahren richtet und Blutdruckmessungen, Puls- und Rhythmuskontrollen, Risikoeinschätzungen sowie einen Herz-Pass umfasst.
Datendefizite und strukturelle Herausforderungen
Auf europäischer Ebene bündelt das Projekt JACARDI, das über das EU4Health-Programm mit 53 Millionen Euro finanziert wird, Maßnahmen zur Prävention und Früherkennung. Daran arbeiten 18 EU-Länder sowie Norwegen, Island und die Ukraine im Rahmen von 143 Pilotprojekten, darunter 19 Screening-Piloten in elf Ländern.
Eine Übersichtsarbeit von JACARDI zeigte jedoch erhebliche Wissenslücken auf: Für 69 Prozent der untersuchten Länder existierten keine geeigneten Publikationen zu Risikofaktoren in den jeweiligen Bevölkerungsgruppen.
Auch bei spezifischen Diagnosen offenbart sich der Wert rechtzeitiger Untersuchungen. Schätzungen zufolge leben allein in Deutschland rund zwei Millionen Menschen mit einer Aortenklappenstenose, bis 2040 könnte diese Zahl auf 3,3 Millionen ansteigen. Typische Symptome wie Belastungsluftnot, nachlassende Leistungsfähigkeit, Brustschmerzen oder Schwindel treten häufig erst spät auf.
Ohne einen operativen oder kathetergestützten Klappenersatz überlebt bei einer symptomatischen schweren Aortenklappenstenose nur etwa die Hälfte der Patienten länger als zwei Jahre, weshalb Fachleute bei neuen oder zunehmenden Beschwerden eine zeitnahe Abklärung mittels Herzultraschall betonen.
