Heißhunger auf Süßes: Fachleute sehen meist Fett, Zucker oder Salz als Grund
Veröffentlicht am: 20.10.2026 um 06:04 Uhr | Redaktion boerse-global.dePlötzlicher Appetit auf Braten, Schokolade oder kohlensäurehaltige Erfrischungsgetränke wird im Alltag häufig als Signal des Körpers interpretiert, dass ihm bestimmte Mineralstoffe oder Vitamine fehlen. Fachleute widersprechen dieser Annahme jedoch deutlich.
Nach Angaben der Ernährungswissenschaftlerin Zhang Tian von der Chinesischen Gesellschaft für Ernährung am Luftfahrtkrankenhaus handelt es sich bei Heißhunger auf deftige oder süße Speisen zumeist um ein Verlangen nach Fett, Zucker oder Salz – und keineswegs um einen verlässlichen Indikator für einen Nährstoffmangel.
Besonders verbreitet ist die Annahme, ein starkes Verlangen nach Braten deute auf einen Eisenmangel hin. Laut Zhang Tian ist diese Gleichsetzung jedoch unzuverlässig, da ein tatsächlicher Eisenmangel den Appetit typischerweise eher senkt als steigert. Dies belegt auch eine im Journal of Nutrition im Jahr 2026 veröffentlichte randomisierte Studie an 52 Frauen im gebärfähigen Alter mit diagnostiziertem Eisenmangel: Eine Veränderung der Appetitwerte stellte sich erst ein, nachdem der Eisenstatus der Probandinnen erfolgreich verbessert worden war.
Die Ausnahme: Das Pica-Syndrom
Eine Ausnahme von diesem Grundsatz bildet das sogenannte Pica-Syndrom. Dabei handelt es sich um ein über mindestens einen Monat anhaltendes Verlangen nach nicht-nahrhaften Stoffen wie Eis, Erde, Papier, Haaren oder rohem Reis.
Dieses Verhalten ist laut Zhang Tian häufig durch eine Eisenmangelanämie bedingt. So dokumentiert ein Fallbericht den Verlauf bei einer 19-Jährigen, die über einen Zeitraum von fünf Jahren Haare gegessen hatte, bevor bei ihr eine schwere Eisenmangelanämie diagnostiziert wurde.
Besteht ein derart ungewöhnliches Verlangen über mehr als einen Monat und treten Begleitsymptome wie anhaltende Müdigkeit, Schwindel oder auffallende Blässe auf, rät die Ernährungswissenschaftlerin zu einer Abklärung in einer hämatologischen oder ernährungsmedizinischen Ambulanz, inklusive Blutbild und Überprüfung des Ferritinwerts.
Sensorische Reize und psychologische Auslöser
Häufige Auslöser für das Verlangen nach stark verarbeiteten Lebensmitteln liegen im Gehirn und in der Umwelt. Wie die Psychologin Arpita Kohli vom PSRI Hospital in Neu-Delhi darlegt, erzeugen bereits akustische Reize – etwa das Rascheln einer Chipstüte, das Geräusch beim Hineinbeißen oder das Zischen von Kohlensäure – eine Erwartungshaltung und Verlangen noch vor dem ersten Bissen. Zudem verstärken erlernte Assoziationen, wie Popcorn im Kino oder Süßigkeiten vor dem Fernseher, das Verlangen auch ohne echtes Hungergefühl.
Die Diätassistentin Lovely Singh vom Asian Hospital in Faridabad erklärt, dass insbesondere die Kombination aus Zucker, Salz und Fett in Chips, Keksen, Schokolade und verpackten Snacks dazu führt, dass Menschen trotz fehlenden Hungers weiteressen. Sensorische Reize, Marketingmaßnahmen im Fernsehen oder an Kassenbereichen sowie Produktneuheiten und Verpackungen fördern Routinen und Gewohnheiten anstelle einer echten Hungerantwort.
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Hinzu kommen emotionale Komponenten. Laut Angaben von Harvard Health kann chronischer Stress über Hormone wie Kortisol den Appetit auf energiereiche Nahrung steigern. Während sich körperlicher Hunger schrittweise aufbaut, tritt emotionaler Hunger meist plötzlich auf und richtet sich auf ganz spezifische Lebensmittel.
Eine Untersuchung aus dem Jahr 2026 ergab zudem, dass Personen in einem Zustand der Langeweile mehr Chips aßen als Probanden in einem neutralen Zustand oder bei Trauer; eine weitere Studie aus demselben Jahr stellte allerdings fest, dass kein einfacher, automatischer Zusammenhang zwischen Langeweile und Mehrkonsum besteht.
Suchtmuster und ultraverarbeitete Nahrung
In der Wissenschaft wird zunehmend über suchtartiges Essverhalten diskutiert. Claire Wilcox von der University of New Mexico stellt fest, dass ein wissenschaftlicher Konsens darüber entsteht, dass Lebensmittelabhängigkeit real existiert. Hunderte Studien belegen demnach, dass stark zuckerhaltige und ultraverarbeitete Lebensmittel das Gehirn und das Verhalten mancher Menschen ähnlich beeinflussen wie Nikotin.
Die Mechanismen umfassen die Ausschüttung von Dopamin im Belohnungssystem, klassische Konditionierung sowie Toleranz- und Entzugserscheinungen über das Stresssystem mit Noradrenalin und Endorphinen.
Zudem zeigen sich Auswirkungen auf den präfrontalen Kortex, der für die Impulskontrolle zuständig ist; bei adipösen Personen war dieser Bereich bei der Unterdrückung von Heißhunger aktiver als bei nicht adipösen.
Eine Untersuchung zeigte zudem, dass die neuronale Aktivierung der Belohnungszentren durch Reize aus Lebensmitteln eine künftige Gewichtszunahme vorhersagt. Das abrupte Beenden einer zuckerreichen Ernährung kann Entzugserscheinungen hervorrufen, weshalb Bestrebungen existieren, eine Störung durch den Konsum ultraverarbeiteter Lebensmittel in Klassifikationssysteme wie das DSM und die ICD aufzunehmen.
Vom gelegentlichen Heißhunger abzugrenzen sind manifeste Essstörungen. Die Binge-Eating-Störung äußert sich in wiederkehrenden Heißhungerattacken mit der Aufnahme von mehreren Tausend Kilokalorien.
In Deutschland sind nach Angaben von suchtmittel.de rund 2 Prozent der Bevölkerung betroffen, womit sie die häufigste Essstörung darstellt. Das primäre Ziel einer Behandlung liegt in der Reduzierung der Attacken durch ein geregeltes Essverhalten sowie in der Stabilisierung des Selbstwertgefühls; eine Gewichtsreduktion ist dabei zweitrangig. Nach fünf Jahren Langzeitbeobachtung weisen rund 90 Prozent der Patienten, die abnehmen, wieder ihr vorheriges oder ein höheres Gewicht auf.
Strategien gegen den Restriktionszyklus
Fachleute warnen davor, Heißhunger mit Verboten zu begegnen. Die Psychologin Jane Cabrera von der Universidad de Piura betont, dass eine starre Einteilung in gute und schlechte Lebensmittel Schuldgefühle schürt.
Statt eines Diätwechsels sei zunächst eine Veränderung der eigenen Einstellung erforderlich. Die Ernährungsberaterin Giulianna Saldarriaga von der Clínica Internacional weist darauf hin, dass Verbote das Verlangen nur verstärken und in einen Kreislauf aus Restriktion, Heißhunger, Schuldgefühlen und erneuter Restriktion führen.
Die Ärztin Nancy Vega von Mapfre Perú ergänzt, dass dieses Verhalten oft von einem Alles-oder-nichts-Denken begleitet wird, etwa dem Gefühl, die Diät sei ruiniert. Die Psychotherapeutin Liliana Tuñoque warnt in diesem Zusammenhang, dass wiederkehrende Kompensationshandlungen ein Signal für Essstörungen wie Bulimie sein können.
Auch Versuche, emotionale Probleme mit Nahrung zu bewältigen, greifen zu kurz. Der Psychologe Rafael Santandreu hebt hervor, dass der Genuss beim Essen zur Emotionsregulation nur ein bis zwei Minuten anhalte.
Wer über längere Zeit große Mengen Süßes esse, um Sorgen zu verdrängen, stehe danach vor doppelten Problemen. Emotionales Essen sei unabhängig von der Menge nicht zielführend; entscheidend sei es, gedankliche Strategien vor dem Eintreten einer Belastungssituation zu festigen.
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Als praxistauglichen Ansatz empfiehlt die Ernährungswissenschaftlerin Anna Dandekar ein 80/20-Prinzip: 80 Prozent der Ernährung sollten so gesund wie möglich gestaltet sein, während 20 Prozent ohne restriktive Gedanken genossen werden dürfen. Ein rein intuitives Essen bewertet sie skeptisch, da natürliche Sättigungssignale durch Zucker und Zusatzstoffe überdeckt werden.
Bei spezifischem Verlangen empfiehlt sie naturbelassene Alternativen: Linsen oder Kichererbsen bei Proteinlust sowie Kartoffeln oder Haferflocken bei Kohlenhydratbedarf. Eine abwechslungsreiche, vorwiegend pflanzliche und unverarbeitete Ernährung lasse sich langfristig und ohne übermäßigen Stress umsetzen.
