Heilpflanzen in Uttarakhand: Klimaszenario bedroht bis zu 67,7 Prozent
Veröffentlicht am: 04.10.2026 um 07:39 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die Kultivierung traditioneller Heilpflanzen gewinnt weltweit an Bedeutung, um bedrohte Wildbestände zu schützen und gleichzeitig pharmazeutische Wirkstoffe wissenschaftlich zu erschließen. Am 2. Oktober 2026 wurde die Apothekerin Nguy?n Thanh Tuy?n und ihre Genossenschaft im vietnamesischen Sóc S?n als „Wissenschaftlerin der Landwirte“ ausgezeichnet.
Die Genossenschaft bewirtschaftet über 30 Hektar nach nachhaltigen Bio-Standards und widmet sich dem Erhalt sowie der Vermehrung von fast 100 Heilpflanzenarten. Das Projekt steht beispielhaft für globale Bemühungen, landwirtschaftliche Praxis, biologischen Schutz und pharmazeutische Forschung zu verknüpfen.
Bio-Anbau und Wirkstoffforschung in Vietnam
In Sóc S?n bildet die Goldene Kamelie die Hauptkultur der Genossenschaft: Sie nimmt 13 Hektar ein und umfasst über 26 Sorten. Neben der landwirtschaftlichen Praxis legt der Betrieb großen Wert auf wissenschaftliche Analysen.
Im Rahmen von Forschungsarbeiten von 2019 bis 2024 zu Camellia hakodae identifizierten die Fachleute 32 chemische Verbindungen, darunter vier bisher unbekannte Substanzen. Für zwei entwickelte Verfahren wurden Patente erteilt.
Zugleich erfüllt der Anbau eine regionale Beschäftigungsfunktion: Der Betrieb beschäftigt jährlich etwa 15 Festangestellte und greift auf 20 bis 30 Saisonkräfte zurück. Auch auf regionalpolitischer Ebene investiert Vietnam in forstwirtschaftliche Nutzungskonzepte.
Die Provinz Gia Lai genehmigte ein Programm für den Heilpflanzenanbau unter dem Kronendach von Wäldern für den Zeitraum von 2026 bis 2030 mit einer Perspektive bis 2050. Bis 2030 sollen dafür geeignete Gebiete von 31.000 Hektar ermittelt und kartiert werden.
Zudem sind zwei Zentren für Versuchsanbau und Saatgutproduktion sowie ein Zentrum für traditionelles Heilwissen und wertvolle Pflanzengene geplant. Bis 2050 sieht das Vorhaben eine Gesamtfläche von rund 50.000 Hektar vor, um die Biodiversität zu schützen, die Wertschöpfung im Wald zu erhöhen und das Einkommen der lokalen Bevölkerung zu sichern.
Schutz traditioneller Bestände im Himalaya-Raum
Der Druck auf traditionelle Medizinpflanzen durch Übernutzung und klimatische Veränderungen ist Gegenstand mehrerer internationaler Studien. Eine Untersuchung in Azad Kashmir zeigt, dass sich die Artenverteilung signifikant nach der Höhenlage unterscheidet (H=13,72; p=0,003), wobei die meisten Nachweise zwischen 1.800 und 2.600 Metern erbracht wurden.
Die Pflanzen dienten traditionell der Behandlung von 27 Krankheitsgruppen, am häufigsten von Magen-Darm-Beschwerden. Dabei dokumentierte das Wissen der Pahari-Gemeinschaft 15 ausschließlich dort bekannte Taxa, während sich Gujjar und Pahari 64 Taxa teilten. Die Autoren mahnen den Schutz dieser Lebensräume und des überlieferten Erfahrungswissens an.
Auch im indischen Bundesstaat Uttarakhand verändern sich die Bedingungen dramatisch. Eine in Plant Biosystems veröffentlichte Modellierung von 17 bedrohten Arten anhand von 471 Funddaten ergab, dass unter dem Klimaszenario SSP126 der geeignete Lebensraum bis 2040 bei stark gefährdeten Arten um 31,3 Prozent und bei gefährdeten Arten um 25,9 Prozent schrumpft.
Die Modellierung von 17 bedrohten Heilpflanzenarten in Uttarakhand zeigt: Unter dem Szenario SSP245 schrumpft der geeignete Lebensraum stark gefährdeter Arten bis 2040 um 67,7 Prozent — ohne Erholung bis 2080. Wer Wirkstoffpflanzen aus dem Himalaya bezieht, sollte die verbleibenden Anbauflächen jetzt kennen. Kostenlosen Klimarisiko-Report für Heilpflanzen sichern
Unter dem Szenario SSP245 liegen die prognostizierten Verluste bei 67,7 Prozent beziehungsweise 64,6 Prozent – ohne Erholung bis zum Jahr 2080. Für einen gezielten Anbau blieben lediglich 23,5 Prozent des geeigneten Lebensraums der stark gefährdeten Arten (rund 6.495 Quadratkilometer) und 19,2 Prozent der gefährdeten Arten (rund 6.140 Quadratkilometer) nutzbar. Als geografische Schwerpunkte gelten die Distrikte Chamoli, Uttarkashi, Pithoragarh und Bageshwar.
In Jammu und Kaschmir wachsen laut floristischen Erhebungen weit über 1.000 Heilpflanzenarten, von denen bisher nur ein Bruchteil kultiviert wird. Fachleute weisen unter anderem auf Kuth (Saussurea costus) hin, das auf der Roten Liste der Weltnaturschutzunion als kritisch gefährdet gilt und im CITES-Anhang I geführt wird.
Das Forschungsinstitut CSIR-IIIM Jammu entwickelte gemeinsam mit regionalen Agraruniversitäten Anbauprotokolle für die Pflanze, um die Wildbestände vor unkontrollierter Sammlung zu bewahren. Weitere relevante Arten der Region sind das mehrjährige Pushkarmool (Inula racemosa), das gefährdete Patrees (Aconitum heterophyllum) sowie Tethwan (Artemisia absinthium).
Im Nordosten Indiens forderte Dr. Joram Aniya von der Institution NITI Aayog eine stärkere wissenschaftliche Dokumentation indigenen Wissens. Aniya verwies dabei auf das Apatani-System im Tal von Ziro, das Reisanbau, Fischzucht und weitere Feldfrüchte kombiniert; wissenschaftliche Forschung müsse solche Systeme stärken statt sie abzulösen.
Passend dazu meldete das Institute of Bioresources and Sustainable Development (IBSD) Anträge auf geschützte geografische Angaben für zwei schwarze Reissorten aus Manipur an und stellte ein Kompendium zu Heilpflanzen der Ingwerfamilie aus der Region vor.
Nachhaltige Erntemethoden und europäische Initiativen
Neben Anbauprogrammen rücken zunehmend schonende Ernteverfahren in den Fokus der Forschung. Eine Übersichtsarbeit im Fachjournal Discover Plants hebt hervor, dass weltweit rund 30 Prozent der Rohstoffe für die Heil- und Aromapflanzenindustrie aus Wurzeln und etwa 13 Prozent aus Baumrinden bestehen.
Die Autoren schlagen vor, bei mindestens fünf Heilpflanzenarten die zerstörerische Ernte von Wurzeln oder Rinde durch Blätter, Zweige oder Stängel zu ersetzen, sofern die Wirkstoffprofile gleichwertig sind.
So wiesen wilde oberirdische Teile von Pelargonium sidoides 231,08 Mikrogramm Gallussäure pro Gramm Trockengewicht auf, verglichen mit 72,7 Mikrogramm in den unterirdischen Pflanzenteilen.
Bei Warburgia salutaris enthielten die Blätter 0,05 Prozent Polygodial und 0,06 Prozent Warburganal, während die Rinde 0,03 Prozent beziehungsweise 0,06 Prozent aufwies. Klinische Belege für die therapeutische Gleichwertigkeit dieser alternativen Pflanzenteile stehen allerdings noch aus.
Kuth steht auf der Roten Liste als kritisch gefährdet und im CITES-Anhang I — Wildsammlung wird für Pharma-Einkäufer zunehmend zum Compliance-Risiko. Der Report zeigt, welche Anbauprotokolle und Beschaffungswege für kritisch gefährdete Arten heute tragfähig sind. CITES-Beschaffungs-Checkliste jetzt anfordern
In Europa gewinnt der strukturierte Austausch über traditionelle Nutzpflanzen ebenfalls an Dynamik. Die Freie Universität Bozen führte am 30. September 2026 erstmals landesweit Betriebe, Forschende und Beratungsstellen zu Anbau, Verarbeitung und Nutzung von Heilpflanzen zusammen.
Eingebettet sind diese Bestrebungen unter anderem in das seit 2025 laufende, von der Humboldt-Universität zu Berlin koordinierte EU-Projekt EcoFABULAnds. Es untersucht in Südtirol das Potenzial regionaler Heilpflanzen für eine nachhaltige Landwirtschaft, die Stärkung lokaler Wertschöpfungsketten sowie den Erhalt biologischer Vielfalt und traditionellen Wissens.
