Hausarztversorgung: 44% nehmen Verschlechterung wahr
Veröffentlicht am: 12.09.2026 um 07:11 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Angesichts eines drohenden Versorgungsnotstandes in der medizinischen Grundversorgung debattieren Experten und Politiker verstärkt über strukturelle Reformen.
Im Mittelpunkt der Diskussionen steht das geplante Primärversorgungsgesetz, dessen Referentenentwurf nach Angaben aus politischen Kreisen in Berlin bis Ende November 2026 vorliegen soll. Ziel der Maßnahmen ist es, die hausärztliche Versorgung zu stabilisieren und zukunftsfähig auszugestalten.
Gesetzliche Neuausrichtung und zeitlicher Rahmen
Die Abgeordneten Emmi Zeulner (CSU) und Christos Pantazis (SPD) konkretisierten den Zeitplan für das Primärversorgungsgesetz. Ein verbindlicher Start des neuen Systems wird für den 1. Januar 2028 angestrebt, wobei die Umsetzung auch in Teilschritten erfolgen könne. Schwerpunkte des Gesetzentwurfs liegen auf der Entlastung von Hausarztpraxen, der Förderung von Primärversorgungszentren sowie einer verbesserten interprofessionellen Zusammenarbeit.
Serdar Yüksel (SPD) betonte im Rahmen einer Fachveranstaltung, dass eine Verabschiedung des Gesetzes noch im Jahr 2026 angestrebt werde, sofern keine gegenteiligen Anweisungen aus dem Gesundheitsministerium erfolgten. Dabei stellte er klar, dass es sich bei dem geplanten System nicht um ein reines Primärarztmodell handele.
Ergänzend dazu soll im Dezember 2026 ein Bericht der Fachkommission für Strukturreformen (FKG) mit weiteren Vorschlägen an die Bundesregierung übergeben werden.
Finanzierung und Steuerungsmechanismen
In der Debatte um die künftige Finanzierung fordert Janosch Dahmen (Bündnis 90/Die Grünen) eine grundlegende Abkehr von der bisherigen Quartalslogik und von Jahresüberweisungen.
Nach seiner Einschätzung ist nicht zwingend mehr Kapital erforderlich; stattdessen müssten die vorhandenen Finanzströme effizienter umgesteuert werden. Dahmen verwies darauf, dass rund 90 % der medizinischen Fälle abschließend in der Primärversorgung gelöst werden könnten.
Gleichzeitig werden neue Steuerungselemente für Patienten diskutiert. Christos Pantazis schloss die Einführung von Bonus- und Malussystemen nicht aus, um die Inanspruchnahme von Leistungen gezielter zu steuern. Die finanzielle Dringlichkeit wird durch Daten des GKV-Spitzenverbandes untermauert.
44 % der Bundesbürger sehen die hausärztliche Versorgung in ihrer Region bereits schlechter als vor fünf Jahren — nur 13 % eine Verbesserung. Wer jetzt vorsorgt, hat es später leichter. Der kostenlose Leitfaden zeigt Ihnen, wie Sie Ihre Praxis vor Ort prüfen, einen Termin sichern und die geplante Reform ab 2028 einordnen. Kostenlosen Leitfaden jetzt anfordern
Während die beitragspflichtigen Einnahmen im ersten Halbjahr 2026 um 4,1 % gegenüber dem Vorjahreszeitraum stiegen, legten die Leistungsausgaben um 7,4 % zu. Für das Jahr 2027 wird eine Finanzierungslücke in der gesetzlichen Krankenversicherung von 18 Milliarden Euro prognostiziert.
Versorgungsrealität und Patientenwahrnehmung
Eine im August 2026 durchgeführte Civey-Umfrage unter 5.000 Bundesbürgern verdeutlicht die Sorgen der Bevölkerung. 44 % der Befragten nehmen eine Verschlechterung der hausärztlichen Versorgung in ihrer Region innerhalb der letzten fünf Jahre wahr, während nur 13 % eine Verbesserung sehen.
Besonders deutlich ist die Skepsis in ostdeutschen Bundesländern wie Sachsen-Anhalt (55 %) oder Thüringen und Brandenburg (je 54 %). Im Saarland liegt dieser Wert sogar bei 58 %.
Die Verfügbarkeit medizinischer Betreuung wird zunehmend zu einem politischen Faktor: 51 % der Umfrageteilnehmer gaben an, dass die hausärztliche Versorgung ihre künftige Wahlentscheidung beeinflusse – ein deutlicher Anstieg im Vergleich zu Werten von vor zwei Jahren. Der Hausärzteverband forderte im Rahmen des 47. Hausärztinnen- und Hausärztetages in Berlin schnelle Reformen von Gesundheitsminister Carsten Linnemann.
Fachkräftemangel und internationale Lösungsansätze
Bundesärztekammer-Präsident Klaus Reinhardt warnte vor einem akuten Versorgungsnotstand und wies darauf hin, dass Deutschland mit durchschnittlich 9,6 Arztkontakten pro Person und Jahr international eine Spitzenposition einnimmt. Er plädierte für ein verbindliches Hausarztmodell zur besseren Koordination von Terminen.
Unterstützt wird die Sorge durch Personalstatistiken: Im Jahr 2024 besaß rund jeder achte Arzt in Deutschland keine deutsche Staatsangehörigkeit, in der Pflege stammte jede fünfte Kraft aus dem Ausland.
Lange Wartezeiten, weniger Arztzeit: 62 % der Befragten rechnen mit längeren Wartezeiten auf einen Termin. Mit der richtigen Terminstrategie und einem klaren Plan für den Praxiswechsel verlieren Sie keine Zeit. Der kostenlose Leitfaden führt Sie in drei Schritten durch die Vorbereitung. Terminstrategie jetzt kostenlos sichern
Ein Blick in die Schweiz zeigt ähnliche Herausforderungen. Eine Workforce-Studie vom Oktober 2025 prognostiziert, dass bis 2035 rund 40 % der dortigen Hausärzte in den Ruhestand treten werden.
Als Lösungsansatz wird dort unter anderem ein eigenständiges Grundversorgungsstudium diskutiert, das durch eine Straffung der Ausbildung einen Abschluss rund zwei Jahre früher ermöglichen könnte. Dies würde jedoch eine grundlegende Änderung des Medizinalberufegesetzes erfordern.
