Grundsicherung: 400-Euro-Lücke zwischen Regelsatz und Armutsgrenze
25.06.2026 - 15:56:19 | boerse-global.de
Rund 30 Prozent der Haushalte in der Grundsicherung können sich nicht jeden zweiten Tag eine vollwertige Mahlzeit leisten.
Was Ernährungsarmut wirklich bedeutet
Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) unterscheidet zwischen zwei Dimensionen: materieller und sozialer Ernährungsarmut. Materiell betroffen ist, wer aus finanziellen Gründen keine gesundheitsfördernde Ernährung realisieren kann. Die soziale Komponente beschreibt Einschränkungen bei der gesellschaftlichen Teilhabe – etwa wenn das Geld fehlt, um Gäste einzuladen oder ein Café zu besuchen.
Das Forschungsprojekt SEED untersucht diese Aspekte für den 16. DGE-Ernährungsbericht. Geleitet wird es von Dr. Anja Simmet von der Universität Hohenheim. Parallel dazu zeigt der EuroHealthNet-Jahresbericht 2025/2026: Die Ungleichheit in den Gesellschaften wächst.
400 Euro Lücke zwischen Regelsatz und Armutsgrenze
Der Paritätische Wohlfahrtsverband legte am 23. Juni eine Analyse vor: Die durchschnittliche SGB-II-Leistung liegt bei 907 Euro – die Armutsschwelle aber bereits 2023 bei 1.381 Euro. Eine Differenz von über 400 Euro. Inflationsbereinigt erreicht die Kaufkraft der Regelsätze nur noch das Niveau von 1995.
Das bisherige Statistikmodell erkennt lediglich 74 Prozent der tatsächlichen Ausgaben als regelbedarfsrelevant an. Das führt zu Abschlägen von über 150 Euro. Bereits 2014 hatte das Bundesverfassungsgericht diese Praxis als grenzwertig eingestuft.
Zusätzlicher Druck entsteht auf dem Wohnungsmarkt. Geplant sind Kürzungen beim Wohngeld von fünf auf drei Milliarden Euro. Das könnte rund 400.000 Empfänger treffen. Die Mieten sind historisch hoch, die Zahl der Sozialwohnungen sinkt – für 2025 wird ein Rückgang um 20.000 Einheiten erwartet.
Ostdeutschland besonders betroffen
Rund 30 Prozent der Grundsicherungshaushalte können sich nicht jeden zweiten Tag eine vollwertige Mahlzeit leisten. Die 400-Euro-Lücke zwischen Regelsatz und Armutsgrenze ist real. Mit dem kostenlosen Ernährungsarmut-Check erfahren Sie, welche Mehrbedarfe Ihnen zustehen und wie Sie Widerspruch einlegen. Ernährungsarmut-Check per E-Mail anfordern
In Mecklenburg-Vorpommern sehen 45 Prozent der Wahlberechtigten eine Verschlechterung ihrer wirtschaftlichen Situation. Das ergab eine INSA-Umfrage für den Nordkurier. Die Armutsquote liegt dort bei 16,8 Prozent.
Besonders hart trifft es Menschen über 65: Ihre Armutsgefährdungsquote erreicht mit 21,9 Prozent den bundesweit höchsten Wert. Schuldnerberatungsstellen berichten von einem Anstieg der Nachfrage um 20 bis 30 Prozent. Auch in Magdeburg bestätigen Berichte: Immer mehr Rentner sind auf Tafeln angewiesen, weil ihre Bezüge unter der Armutsgrenze liegen.
Ernährung und kognitive Entwicklung
Eine aktuelle Übersichtsarbeit analysierte 73 Studien zu Kindern und Jugendlichen zwischen 8 und 19 Jahren. Das Ergebnis: Methodische Schwächen erschweren den Nachweis von Kausalitäten. Zwar zeigen Beobachtungsstudien Zusammenhänge zwischen Ernährung im Säuglingsalter und dem späteren IQ – nach Kontrolle von Störfaktoren wie dem IQ der Mutter verringerten sich diese Effekte jedoch deutlich.
Konsistente Hinweise auf eine Verbesserung der kognitiven Leistung gibt es vor allem bei der Behebung von Eisen- und Jodmangel.
Neue Ansätze in der Prävention
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Ein Projekt der Diabetologen-Vereinigung AMD in Rom setzte an Hotelfachschulen an. Schüler entwickelten dort Menüs zur Diabetes-Prävention auf Basis der mediterranen Ernährung. Ziel: frühzeitig Kompetenzen für eine gesunde Gemeinschaftsverpflegung vermitteln.
Ab Juli 2026 untersucht die Medizinische Hochschule Hannover im Projekt EMVIC, wie Umweltbelastungen durch Schadstoffe und Stress das Immunsystem und Mikrobiom beeinflussen. Das mit 1,2 Millionen Euro geförderte Vorhaben konzentriert sich auf Schwangere, Kinder und Jugendliche.
