Grüntee-Extrakte: LiverTox dokumentiert über 100 Fälle von Leberschäden
Veröffentlicht am: 21.10.2026 um 09:09 Uhr | Redaktion boerse-global.deDie unkontrollierte Einnahme gängiger Arzneimittel sowie pflanzlicher Präparate rückt zunehmend in den Fokus medizinischer Warnungen. Was viele Verbraucher als harmlos einstufen, stellt für den Leberstoffwechsel oft eine erhebliche Belastung dar. Berichte zeigen, dass Selbstmedikation ohne fachliche Begleitung das Risiko akuter und chronischer Leberschäden drastisch erhöht.
Schmerzmittel und rezeptfreie Arzneien als Auslöser
Unter den leberschädigenden Medikamenten werden vier Hauptgruppen unterschieden: Analgetika, Antiinfektiva, Lipidsenker sowie pflanzliche Mittel der traditionellen chinesischen Medizin. Als häufigste Ursache akuter Leberschäden gilt eine Überdosierung von Paracetamol. Das Schmerzmittel ist beispielsweise in 60 Prozent der US-Haushalte vorhanden.
Dort wurde über einen Zeitraum von 24 Jahren ein Anstieg der Leberschäden um 400 Prozent verzeichnet, wobei Frauen 45 Prozent und Männer 33 Prozent der Fälle ausmachen. Zwar senkte eine regulatorische Beschränkung von Kombinationspräparaten durch die US-Arzneimittelbehörde FDA in den 2010er-Jahren die Verletzungen um 85 Prozent, Einzelpräparate blieben jedoch ungeregelt.
Die maximale Tagesdosis von 4.000 Milligramm gilt für Verbraucher oft als schwer nachvollziehbar, weshalb bei der gleichzeitigen Einnahme mehrerer rezeptfreier Erkältungsmittel die Gefahr einer versehentlichen Überdosierung besteht.
Als toxisch für die Leber gelten neben Paracetamol auch Wirkstoffe wie Diclofenac und Ibuprofen sowie Antiinfektiva wie Isoniazid, Rifampicin und Pyrazinamid, für die monatliche Kontrollen genannt werden.
Weitere leberschädigende Substanzen sind unter anderem Erythromycin, Tetracyclin, Amoxicillin-Clavulansäure, Ketoconazol, Itraconazol, Statine wie Atorvastatin sowie Onkologika wie Methotrexat. Bei bestehender chronischer Hepatitis B, Fettleber oder Zirrhose ist das Schädigungsrisiko besonders hoch.
Auch Dosierungsfehler bergen Gefahren: Ursula Funke, Vizepräsidentin der Bundesapothekerkammer, wies darauf hin, dass die eigenmächtige Einnahme zweier 400-Milligramm-Tabletten Ibuprofen die ärztliche Kontrolle umgehe, obwohl sie wie eine verschreibungspflichtige 800-Milligramm-Dosis wirke.
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Höhere dichte belasten Nieren und Leber und steigern das Risiko von Magenblutungen. Empfohlen werden maximal drei Einzeldosen à 400 Milligramm innerhalb von 24 Stunden über einen kurzen Zeitraum.
Gefahrenpotenzial pflanzlicher Präparate und Supplemente
Parallel zu Schmerzmitteln gewinnen Leberschäden durch Nahrungsergänzungsmittel und Kräuterpräparate an Bedeutung, in der Medizin als HILI (Herbal and Supplement-Induced Liver Injury) bezeichnet.
Dr. Hubert Grabowski vom Universitätsklinikum Danzig (UCK) beobachtet mit steigendem Konsum von Supplementen eine Zunahme schwerer Leberschäden bis hin zur Notwendigkeit einer Lebertransplantation. Am UCK Danzig gab es im vergangenen Jahr mehrere schwere Fälle, darunter zwei Patienten, die ein Spenderorgan benötigten.
Das Kernproblem liegt in der gegenüber Arzneimitteln weniger strengen Registrierung, falschen Deklarationen, Verunreinigungen und unkontrollierten Importen. Als lebertoxisch eingestuft werden unter anderem Ashwagandha, Yohimbin, Schöllkraut, Abnehm-Kräutermischungen sowie Sportpräparate; in Kreatin eines Herstellers wurden Schwermetalle festgestellt.
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Kräuter wie Polygonum multiflorum, Gynura oder Senecio bergen durch Pyrrolizidinalkaloide und Anthrachinone Risiken für Leberzellnekrosen und Venenverschlusskrankheiten. Auch konzentrierte Grüntee-Extrakte in Diätprodukten können schwere Schäden verursachen.
Die US-Datenbank LiverTox dokumentiert über 100 Fälle klinisch manifester Leberschäden durch solche Extrakte, ausgelöst vermutlich durch den Stoff Epigallocatechingallat (EGCG) in Verbindung mit genetischen Faktoren, während normaler Teegenuss als unbedenklich gilt.
Ein dokumentierter Fall betrifft eine 41-jährige Frau, die nach mehrwöchiger Einnahme eines Abnehmprodukts mit rund 800 Milligramm Grüntee-Extrakt pro Tag eine schwere akute Hepatitis mit Nekrosen und massiv erhöhtem Bilirubinwert entwickelte.
In einem weiteren Fall erlitt Lois Kinder nach der Einnahme von Supplementen ein Leberversagen; sie wurde am 13. Juli bewusstlos aufgefunden und erhielt am 22. Juli am Queen Elizabeth Hospital Birmingham eine Lebertransplantation, bei der es zu schweren Komplikationen kam.
Im Bodybuilding birgt zudem das oral eingenommene anabole Steroid Methyltestosteron erhebliche Gefahren, da die Leberpassage das Organ belastet und zu Cholestase, Gelbsucht, Fibrose oder Tumoren führen kann.
Wechselwirkungen und typische Fehler der Selbstmedikation
Akutes Leberversagen resultiert neben Paracetamol-Überdosierungen häufig aus toxischen Reaktionen auf pflanzliche Stoffe wie Kava oder Ephedra. Die Pharmazeutin Pemika Chansonthi von der Universitätsklinik Maharaj Nakorn Chiang Mai betont, dass insbesondere die Kombination von Paracetamol mit Erkältungsmitteln oder Alkohol zu Leberversagen führen kann.
Zudem verstärken doppelte nichtsteroidale Antirheumatika (NSAIDs) Nierenschäden, während die gleichzeitige Einnahme von NSAIDs, Fischöl, Ginkgo oder Knoblauchpräparaten mit Antikoagulantien wie Warfarin das Blutungsrisiko erhöht. Ein zeitlicher Einnahmeabstand von zwei Stunden reicht oft nicht aus, um Wechselwirkungen zu verhindern.
Dr. Pedro Araguez vom Gesundheitsdienstleister Leve Saúde warnt vor fünf typischen Fehlern bei der Selbstmedikation: die unkontrollierte Wiederholung alter Behandlungen, eigenmächtige Dosissteigerungen, das unbedachte Mischen von Arzneien, die Einnahme von Antibiotika ohne Rezept sowie das reine Unterdrücken anhaltender Symptome.
Typische Warnzeichen für Leberschäden sind Schmerzen im rechten Oberbauch, Gelbsucht, Hautjucken und chronische Erschöpfung; bei akuten Alarmzeichen wie Atemnot, Verwirrtheit oder Ohnmacht ist unverzüglich medizinische Hilfe erforderlich.
