Grönlandwal-Gene, FOXO-Varianten

Grönlandwal-Gene: FOXO-Varianten bremsen Krebszellen um 53 Prozent

Veröffentlicht am: 10.10.2026 um 15:48 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Studien beleuchten den CMA-Rückgang bei Mäusen und genetische Schutzmechanismen bei Riesenschildkröten und Grönlandwalen.

Alternsforschung: Zellrecycling und Genetik langlebiger Tiere im Fokus
Mikroskopische Aufnahme von biologischem Zellgewebe zur Veranschaulichung der zellulären Alterungsprozesse. Illustration mit AI erstellt.

In der biomedizinischen Alternsforschung gewinnen zwei komplementäre Ansätze an Bedeutung: das Verständnis schädlicher Zellveränderungen im menschlichen Körper und die genetische Analyse extrem langlebiger Tierarten.

Aktuelle wissenschaftliche Untersuchungen widmen sich dabei vor allem der Anhäufung sogenannter seneszenter Zellen – oft als Zombie-Zellen bezeichnet – sowie den evolutionären Mechanismen, die Individuen wie die fast zwei Jahrhunderte alte Riesenschildkröte Jonathan vor altersbedingtem Verfall schützen.

Wenn das zelluläre Recyclingsystem versagt

Ein zentraler Treiber des Alterns ist das Versagen körpereigener Abwehrmechanismen gegen seneszente Zellen. Eine im Fachjournal Nature Aging erschienene Studie einer Forschungsgruppe um Ana Maria Cuervo vom Albert Einstein College of Medicine sowie Erstautoren wie Sereda, Lindenau und Diaz beschreibt, wie der altersbedingte Rückgang der Chaperon-vermittelten Autophagie (CMA) diesen Prozess beschleunigt. Bei der CMA handelt es sich um ein lysosomales Abbausystem, das beschädigte Proteine gezielt recycelt.

In Experimenten mit Fibroblasten vier Monate alter Mäuse steigerte eine medikamentös induzierte Seneszenz die CMA-Aktivität noch deutlich. Bei 23 Monate alten Tieren wiesen die Zellen hingegen eine niedrigere Grundaktivität auf und konnten das Recyclingsystem nicht mehr hochregulieren.

Ein künstlich herbeigeführter Mangel an CMA über einen Knockdown des Transportproteins LAMP2A führte in den Versuchen zu typischen Seneszenzmerkmalen und einer 45-prozentigen Übereinstimmung im veränderten Proteom mit natürlich gealterten Zellen. Zudem wurden 64 Proteine nicht mehr lysosomal abgebaut, von denen über die Hälfte direkte CMA-Substrate waren.

Dieser Mangel verändert zudem das Sekret der seneszenten Zellen und überträgt schädliche Signale auf das Nachbargewebe. Auch Fresszellen des Immunsystems sind betroffen: Makrophagen ohne LAMP2A akkumulierten das Signalprotein SIRPalpha und zeigten eine verringerte Phagozytose sowie eine verzögerte Wundheilung.

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Die Forscher testeten den oral verabreichten CMA-Aktivator CA77.1 über fünf Monate bei 18 Monate alten Mäusen. Der Wirkstoff reduzierte seneszente Zellen in Fettgewebe, Leber und Lunge, senkte Fibrose- sowie Entzündungsmarker und verbesserte die Makrophagenfunktion.

Beim Menschen sinkt der CMA-Score in Lungenzellen mit dem Alter ebenfalls und ist insbesondere bei idiopathischer Lungenfibrose reduziert. Die Autoren betonen jedoch, dass CA77.1 bisher nicht klinisch am Menschen getestet wurde und durch ein US-Patent geschützt ist.

Genetische Schutzschilde bei extrem langlebigen Arten

Während bei Säugetieren das Recycling versagt, zeigen einige Tierarten bemerkenswerte Schutzmechanismen. Eine im Oktober 2026 in Science Advances veröffentlichte Studie der University of Cambridge, der Kallel Foundation und des Vanderbilt University Medical Center untersuchte das Erbgut der Aldabra-Riesenschildkröte Jonathan. Das rund 180 Kilogramm schwere Tier schlüpfte um 1832 und gilt mit geschätzten 194 Jahren als ältestes lebendes Landtier der Welt.

Die Analyse seiner per Wangenabstrich gewonnenen DNA ergab 287 Genvarianten, die bei keiner der verglichenen Referenzschildkröten auftraten. Diese Gene steuern unter anderem DNA-Reparatur, Entzündungshemmung, Krebssuppression und Insulinstoffwechsel.

Zudem wiesen regulatorische Regionen für Mitochondrien und RNA-Prozessierung eine extrem niedrige Methylierungs-Entropie auf, die der eines fünfjährigen Jungtiers ähnelte. Co-Autor Justin Gerlach von der University of Cambridge hob hervor, dass die Zellen des Tiers die genetische Kontrolle eines weitaus jüngeren Organismus aufwiesen und sich die Mitochondrien in optimalem Zustand befänden.

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Stephen Clark von der Kallel Foundation plant, auf diesen mitochondrialen Mechanismen basierende Wirkstoffe innerhalb der nächsten ein bis zwei Jahre in klinische Studien zu überführen.

Ähnliche Schutzprogramme identifizierte ein Team der Nanjing Normal University im September 2026 bei Grönlandwalen, die bis zu 211 Jahre alt werden können. Bei der Analyse von 137 Säugetierarten stießen die Wissenschaftler auf 18 positiv selektierte Mutationsstellen in FOXO-Genen.

Das Einbringen von Grönlandwal-Varianten der Proteine FOXO3 und FOXO4 in menschliche Krebszellen senkte deren Proliferation um rund 53 Prozent und die Invasion um fast 60 Prozent.

Fazit der vergleichenden Biologie

Trotz dieser Einzelfunde warnt ein Review des Instituts FORTH im Fachjournal Aging vor vereinfachten Annahmen. Die Analyse von 101 extrem langlebigen mehrzelligen Arten mit einer Lebensdauer von mindestens 250 Jahren verdeutlicht, dass weder Stoffwechselraten noch Telomerlängen oder Antioxidantien das hohe Alter universell erklären.

Vielmehr basiere extreme Langlebigkeit stets auf einem komplexen Zusammenspiel verbesserter DNA-Reparatur, Geweberegeneration und robuster Stressresistenz.

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