Grönland und Antarktis: Studie zeigt elf Billionen Tonnen Eisverlust seit 1979
Veröffentlicht am: 17.09.2026 um 03:58 Uhr | dpa, AD HOC NEWSDie beiden großen Eisschilde der Erde in Grönland und der Antarktis haben nach neuen Berechnungen in den vergangenen knapp 50 Jahren mehr als elf Billionen Tonnen Eis verloren und den Meeresspiegel dadurch um 3,14 Zentimeter ansteigen lassen.
Langzeitstudie wertet Satellitendaten aus
Ein internationales Team der Ice Sheet Mass Balance Intercomparison Exercise (IMBIE) berichtet im Fachjournal "Scientific Data", dass für die Untersuchung 42 einzelne Erhebungen ausgewertet wurden. Diese stützen sich auf Daten von 27 Satelliten-Missionen, mit denen die Masseentwicklung der Eisschilde über Jahrzehnte hinweg verfolgt wurde. Ziel war ein konsistentes Gesamtbild, das zeigt, wo genau wie viel Eis verloren ging und wie stark sich der Prozess im Laufe der Zeit beschleunigt hat.
Deutlich höherer Eisverlust seit den 1990er Jahren
Die Auswertung ergibt, dass der Eisverlust seit den 1990er Jahren deutlich zugenommen hat. In Grönland gingen in den 1980er Jahren jährlich etwa 60 Milliarden Tonnen Eis verloren, während es in den von Hitzesommern geprägten 2010er Jahren rund 264 Milliarden Tonnen pro Jahr waren. In der Antarktis verzeichnete das Team einen ähnlichen Trend: Dort schrumpfte der Eisschild in den 1980er Jahren im Mittel um etwa 48 Milliarden Tonnen jährlich, in den 2010er Jahren waren es rund 202 Milliarden Tonnen pro Jahr.
Gletscherstrom als Hauptursache des Schwunds
Ein Großteil des Eisschwunds ist nach den Fachleuten nicht auf Schmelzen an der Oberfläche zurückzuführen. Mehr als vier Fünftel des Eisverlusts seien durch schneller strömende Gletscher verursacht worden, die Eis in den Ozean abgeben. Co-Autorin Inès Otosaka von der Northumbria Universität erläutert, dies zeige, dass der langfristige Trend vor allem von der dynamischen Antwort der Eisschilde auf einen sich erwärmenden Ozean getrieben wird. In der Antarktis sei der Verlust von Eis sogar vollständig darauf zurückzuführen, dass sich der Gletscherfluss beschleunigt und Eis im wärmeren Ozean abschmilzt.
Beitrag der Eisschilde zum Meeresspiegelanstieg
Die Eisschilde haben einen erheblichen Einfluss auf den globalen Meeresspiegelanstieg. Nach Angaben der Europäischen Raumfahrtbehörde Esa, die die Untersuchung unterstützte, tragen Grönland und Antarktis etwa ein Viertel zum steigenden Meeresspiegel bei. Die übrigen grob drei Viertel gehen auf die Schmelze von Gebirgsgletschern und vor allem auf die thermische Ausdehnung des wärmer werdenden Meerwassers zurück.
Millionen Menschen stärker gefährdet
Der bisherige Beitrag der Eisschilde zum Meeresspiegelanstieg ist nach Einschätzung der Forschenden beachtlich. Andrew Shepherd von der Northumbria Universität hebt hervor, dass etwas mehr als drei Zentimeter Anstieg des Meeresspiegels zwar gering erscheinen mögen, aber bereits sechs bis neun Millionen Menschen zusätzlich der Gefahr von Überflutungen und Küstenerosion aussetzen. Küstengebiete und niedrig gelegene Inselstaaten müssen sich demnach auf häufigere und intensivere Hochwasserereignisse einstellen.
Keine Trendwende trotz leichter Verlangsamung
In den letzten Jahren der Untersuchung, zwischen 2020 und 2023, ist der Verlust von Eis nach den Daten etwas langsamer geworden. Die Fachleute warnen jedoch davor, darin eine Umkehr des langfristigen Trends zu sehen. Die Eisschilde verlieren weiterhin deutlich mehr Masse, als sie durch Niederschlag hinzugewinnen, und tragen damit fortlaufend zum weiteren Anstieg des Meeresspiegels bei.
Beschleunigter Eisverlust als Langfristtrend
Die neue Auswertung der IMBIE-Gruppe ordnet den Eisverlust der großen Eisschilde in Grönland und der Antarktis über fast fünf Jahrzehnte hinweg ein. Die Daten zeigen, dass sich der Schwund des Eises seit den 1990er Jahren deutlich beschleunigt hat. In den Hitzesommern der 2010er Jahre verloren beide Regionen im Durchschnitt ein Vielfaches der Mengen der 1980er Jahre. Die Forschenden betonen, dass die Eisschilde weiterhin Jahr für Jahr mehr Masse verlieren, als sie durch Schneefall wiedergewinnen.
Meeresspiegelanstieg und Folgen für Küstenräume
Der durch die Eisschilde verursachte Meeresspiegelanstieg von 3,14 Zentimetern seit 1979 wirkt zunächst gering, hat aber erhebliche Konsequenzen für dicht besiedelte Küsten. Schon wenige Zentimeter zusätzliche Wasserhöhe erhöhen die Häufigkeit und Intensität von Sturmfluten und verschärfen Erosion. Nach Einschätzung der Fachleute setzt der dokumentierte Anstieg mehrere Millionen Menschen einem erhöhten Risiko aus. Da Grönland und Antarktis laut der Europäischen Raumfahrtagentur nur für etwa ein Viertel des gesamten Meeresspiegelanstiegs verantwortlich sind, verdeutlicht die Studie zugleich, wie stark zusätzliche Faktoren wie die Erwärmung und Ausdehnung des Meerwassers sowie das Schmelzen von Gebirgsgletschern zur Belastung beitragen.
Wärmerer Ozean als zentrale Triebkraft
Bemerkenswert ist der Befund, dass der Großteil des Eisverlusts nicht durch Abschmelzen an der Oberfläche, sondern durch schneller fließende Gletscher entsteht, die Eis in den Ozean transportieren. In der Antarktis gehe der Verlust sogar vollständig auf diese beschleunigte Dynamik und das Abschmelzen im wärmeren Ozean zurück. Das spricht dafür, dass eine weitere Erwärmung der Meere langfristig zusätzliche Massenverluste nach sich ziehen kann, selbst wenn Lufttemperaturen zeitweise schwächer steigen. Die leichte Verlangsamung der Verluste in den Jahren 2020 bis 2023 wird deshalb ausdrücklich nicht als Trendwende bewertet, sondern als Zwischenphase innerhalb eines anhaltenden Muster von Masseverlust.
