GlycA, Herzrisiko

GlycA und Herzrisiko: Entzündungsmarker erhöht Infarkt- und Schlaganfallrisiko um 43 Prozent

Veröffentlicht am: 03.10.2026 um 20:18 Uhr | Redaktion boerse-global.de

GlycA und hsCRP ergänzen die Risikoeinschätzung, ersetzen etablierte Scores jedoch nicht; ein Kausalzusammenhang ist nicht belegt.

Herz-Kreislauf-Risiko: Studien zeigen Bedeutung von Entzündungsmarkern
Abstrakte Darstellung eines arteriellen Gefäßquerschnitts in einer klinischen, sterilen Umgebung. Illustration mit AI erstellt.

Mehrere im Jahresverlauf 2026 veröffentlichte Studien verdichten die Hinweise darauf, dass systemische Entzündung ein eigenständiger Treiber für Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist – unabhängig von klassischen Risikofaktoren wie Cholesterin. Besonders bemerkenswert: Die Daten zeigen, dass bereits junge Erwachsene betroffen sein können.

Gefäßplaques schon bei 18- bis 29-Jährigen

Die REACT-Studie, deren erste Phase (REACT-DETECT) 2024 begann, untersuchte 16.808 Teilnehmer im Alter von 18 bis 70 Jahren in Dänemark und Spanien, die zuvor keine bekannte atherosklerotische Erkrankung hatten. Per Bildgebung an Karotis-, Femoral- und Koronararterien wiesen die Forscher bei 57,1 Prozent aller Teilnehmer atherosklerotische Plaques nach.

Schon in der jüngsten Altersgruppe (18 bis 29 Jahre) hatte einer von 13 Teilnehmern Atherosklerose in mindestens einer Arterie – bei den 60- bis 70-Jährigen waren es neun von zehn. Bei Männern setzte der Prävalenzanstieg den Daten zufolge fünf bis zehn Jahre früher ein als bei Frauen, bei denen der stärkste Anstieg zwischen dem 40. und 60. Lebensjahr, also im Bereich des Menopausenübergangs, lag.

Die Studienleiter, Prof. Henning Bundgaard vom Rigshospitalet in Kopenhagen und Dr. Borja Ibáñez vom CNIC in Madrid, betonten zugleich die Grenzen der Befunde: Konventionelle Risikoscores wie SCORE2 identifizieren nur einen kleinen Teil der Betroffenen, und der reine Plaquenachweis sagt keinen individuellen Krankheitsverlauf voraus. Eine generelle Screening-Empfehlung wurde aus den Ergebnissen explizit nicht abgeleitet.

Gefördert wurde die erste Phase von der Novo Nordisk Foundation mit bis zu 23 Millionen Euro; eine zweite Phase (REACT-PROTECT) ist für den Zeitraum 2027 bis 2032 geplant, sofern die Finanzierung gesichert wird. Vorgestellt wurden die Ergebnisse Ende August 2026 beim ESC Congress in München und zeitgleich im New England Journal of Medicine publiziert.

Entzündungsmarker GlycA als Risikosignal in der UK Biobank

Eine im September 2026 im European Journal of Preventive Cardiology erschienene Auswertung unter Leitung von Declan O'Regan (MRC Laboratory of Medical Sciences, Imperial College London) nutzte Daten von rund 480.000 britischen Erwachsenen aus der UK Biobank, die zwischen 2006 und 2010 im Alter von 40 bis 69 Jahren rekrutiert worden waren.

Teilnehmer im höchsten Fünftel des Entzündungsmarkers GlycA hatten gegenüber dem niedrigsten Fünftel ein um 43 Prozent höheres Risiko für Herzinfarkt oder Schlaganfall (adjustierte Hazard Ratio 1,43). Nach zusätzlicher Anpassung für CRP-Werte reduzierte sich der Effekt auf 9 bis 18 Prozent, blieb aber bestehen.

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Bei medianem Follow-up von 15,3 Jahren registrierten die Forscher 74.336 kardiovaskuläre Ereignisse und 55.076 Todesfälle. Unter mehreren Modellen variierte die Hazard Ratio zwischen 1,64 (kovariatenadjustiert) und 1,42 (unter Berücksichtigung konkurrierender Risiken). GlycA erwies sich in der Analyse als stabilerer Marker als das klassische hsCRP.

Von mehr als 70.000 Teilnehmern mit zusätzlichen Herzscans zeigte sich zudem, dass höhere Entzündungswerte mit kleineren Herzkammern, dickeren Herzwänden und schnellerem Puls einhergingen. Unter 177 getesteten Einflussfaktoren fanden die Autoren die stärksten Assoziationen mit Bauchfett, Rauchen, Sozialwohnungsstatus als Armutsmarker sowie Anzeichen von Depression.

Das Entzündungsprotein IL-6 erklärte den Angaben zufolge etwa ein Drittel des Zusammenhangs zwischen GlycA und schweren Herzereignissen, IL-1 rund 27 Prozent des Zusammenhangs mit der Herzkammergröße. Die Autoren betonen, dass es sich um eine Beobachtungsstudie ohne Kausalitätsnachweis handelt.

CRP als etablierter, aber zusätzlicher Marker

Ein wissenschaftliches Statement des American College of Cardiology empfiehlt, hochsensitives CRP (hsCRP) ergänzend zu Cholesterinwerten in die kardiovaskuläre Risikobewertung einzubeziehen – sowohl in der Primär- als auch in der Sekundärprävention.

Bei bereits bestehender atherosklerotischer Erkrankung sage hsCRP künftige Ereignisse und die Sterblichkeit demnach mindestens so gut voraus wie LDL-Cholesterin.

Als Risikokategorien gelten niedrig (unter 1 mg/L), moderat (1 bis 3 mg/L) und hoch (über 3 mg/L), wobei Werte über 2 mg/L häufig auf ein erhöhtes Restrisiko hindeuten. Nach Angaben des Statements weisen etwa 52 Prozent der erwachsenen US-Bevölkerung einen hsCRP-Wert von mindestens 2 mg/L auf.

Eine Studie des CHRU de Nancy und der Université de Lorraine, veröffentlicht im International Journal of Cardiology, untersuchte 64.743 Erwachsene zwischen 40 und 80 Jahren mit mindestens zwei kardiovaskulären Risikofaktoren.

Verglichen wurden je 19.547 Personen mit niedrigem CRP (0,1 bis 3,0 mg/L) und erhöhtem CRP (3,1 bis 10,0 mg/L) über eine mediane Beobachtungszeit von 3,9 Jahren. In der Gruppe mit erhöhtem CRP lag das Zehn-Jahres-Risiko für Herzinsuffizienz bei 10,8 Prozent gegenüber 8,3 Prozent in der Niedrig-CRP-Gruppe; die Gesamtsterblichkeit betrug 7,7 Prozent gegenüber 4,3 Prozent.

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Die Hazard Ratio für Herzinsuffizienz lag bei 1,34, für die Gesamtmortalität bei 1,90. Der Zusammenhang zeigte sich den Autoren zufolge vor allem bei nicht-adipösen Teilnehmern; auch hier handelt es sich um eine Beobachtungsstudie ohne Kausalitätsbeweis.

Entzündung als vernetztes Geschehen

Eine Übersichtsarbeit, über die der Wissenschaftsdienst EurekAlert berichtete, beschreibt Entzündung und Immunreaktion bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen als dynamisches Netzwerk aus Signalwegen, Immunzellzuständen, programmiertem Zelltod und metabolischer Umprogrammierung.

Klinisch relevante Biomarker sind demnach weiterhin hsCRP, Interleukin-6 und Lp-PLA2, während pro-inflammatorische Botenstoffe wie IL-6, IL-1?, TNF-? und CCL2 über Signalwege wie NF-?B oder das NLRP3-Inflammasom wirken.

Therapien, die einzelne Entzündungsmediatoren gezielt blockieren, zeigten laut der Übersicht bislang jedoch uneinheitliche, stark kontextabhängige Effekte – ein Hinweis darauf, dass biomarker-gestützte, individualisierte Ansätze künftig an Bedeutung gewinnen könnten.

Ergänzend dazu fand die niederländische NESDA-Studie, veröffentlicht in Brain, Behavior, and Immunity, bei 2.716 Teilnehmern über drei Messzeitpunkte innerhalb von sechs Jahren, dass höhere Werte von CRP, IL-6 und TNF-? mit höherem BMI, größerem Taillenumfang, höheren Triglyceriden und niedrigerem HDL-Cholesterin einhergingen. CRP und IL-6 zeigten zudem Zusammenhänge mit Blutdruck und Blutzuckerwerten.

In der Summe deuten die verschiedenen Studienlinien darauf hin, dass Entzündungsmarker – ob GlycA, hsCRP oder Interleukine – ein ergänzendes Instrument zur frühzeitigeren Einschätzung des kardiovaskulären Risikos darstellen könnten. Ein Ersatz für etablierte Risikoscores sind sie den Autoren zufolge jedoch nicht, und konkrete Screening-Empfehlungen stehen weiterhin aus.

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