Glucosamin und Demenz: Studien finden 25 Prozent höheres Fortschrittsrisiko
Veröffentlicht am: 01.10.2026 um 15:09 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Vitamin D, Omega-3-Fettsäuren und Glucosamin gehören zu den meistverkauften Nahrungsergänzungsmitteln weltweit – auch bei älteren Menschen, die sich von ihnen einen Schutz für Gehirn und Gedächtnis erhoffen.
Mehrere vorläufige, überwiegend beobachtende Studien, über die unter anderem die Washington Post laut einem Bericht vom 1. Oktober 2026 berichtete, zeichnen jedoch ein unerwartetes Bild: Statt eines Nutzens zeigten sich bei einigen Präparaten Zusammenhänge mit einem schnelleren kognitiven Abbau.
Die Forscher betonen zugleich, dass diese Befunde keine Ursache-Wirkung belegen – es ist möglich, dass sich mit dem Alter verändert, wie das Gehirn Nährstoffe verarbeitet.
Vitamin D, Omega-3 und Glucosamin im Fokus
Laut den beschriebenen Untersuchungen war die Nutzung von Vitamin D bei älteren Erwachsenen mit ohnehin normalen Vitamin-D-Werten über einen Zeitraum von sechs Jahren mit einem schnelleren kognitiven Abbau verbunden. Bei Omega-3-Nutzern ab 55 Jahren zeigte sich über einen medianen Zeitraum von fünf Jahren ein stärkerer Abbau.
Besonders detailliert fiel die Datenlage zu Glucosamin aus: Eine Auswertung von Krankenakten aus den Jahren 2012 bis 2024 durch UF Health fand bei 2.750 Menschen mit leichter kognitiver Beeinträchtigung einen Zusammenhang zwischen Glucosamin-Nutzung und einer um 25 Prozent höheren Wahrscheinlichkeit, dass sich die Beeinträchtigung zu einer Demenz weiterentwickelt.
Bei 1.896 Menschen mit bereits diagnostizierter Alzheimer-Erkrankung oder verwandten Demenzformen war die Nutzung mit einem um 25 Prozent höheren Sterberisiko verbunden, wobei für die Gruppe mit leichter kognitiver Beeinträchtigung kein erhöhtes Sterberisiko festgestellt wurde. Rund 8 Prozent der jeweiligen Gruppen gaben an, Glucosamin zu nutzen.
Eine ergänzende, in Nature Metabolism veröffentlichte Studie kam in einer kombinierten Kohorte von 24.000 Demenz- und 41.000 MCI-Patienten zu übereinstimmenden Werten: 25 Prozent höhere Progressionswahrscheinlichkeit beziehungsweise 25 Prozent höheres Sterberisiko innerhalb von fünf Jahren, bei ebenfalls rund 8 Prozent Glucosamin-Nutzern.
Ergänzende Mausversuche zeigten ein verschlechtertes Gedächtnis bei Alzheimer-Modellen, nicht jedoch bei gesunden Tieren. Beide Forschergruppen betonen jedoch ausdrücklich, dass es sich um Beobachtungsdaten handelt, kontrollierte Studien am Menschen fehlen bislang, und die Daten belegen keine Kausalität.
Weitere Präparate unter Beobachtung
Auch andere populäre Supplemente stehen in der aktuellen Forschung auf dem Prüfstand. Zu Creatin, wie eine im September 2026 veröffentlichte Analyse von 19thnews.org unter Rückgriff auf einen Tufts-Forscher zeigt, gibt es gute Belege für eine Verbesserung kurzfristiger Hochintensitätsleistung: 5 Gramm täglich können diesem Forscher zufolge einen kleinen, klinisch bedeutsamen Effekt auf Krafttraining haben. Für mögliche kognitive Vorteile reichen die bislang vorliegenden kleinen, vorläufigen Studien jedoch nicht für eine Einnahmeempfehlung aus.
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Zu Cholin verweist die Krankenkasse CSS auf den EFSA-Richtwert von 400 Milligramm täglich für Erwachsene ab 15 Jahren, in der Schwangerschaft 480 Milligramm, in der Stillzeit 520 Milligramm. Cholin findet sich natürlich in Eiern, Leber, Fisch, Soja und Hülsenfrüchten.
Für eine Wirkung von Cholin-Supplementen auf Gewichtsabnahme oder geistige Leistungsfähigkeit gibt es laut CSS keine überzeugenden Belege; mehr als 3,5 Gramm täglich können zudem Nebenwirkungen wie fischartigen Körpergeruch, Magen-Darm-Beschwerden, Schwitzen, niedrigen Blutdruck oder Leberschäden verursachen.
Eine in der Fachzeitschrift Cells veröffentlichte Laborstudie der SRH University und der Universität des Saarlandes untersuchte CBD an kultivierten Nervenzellen und stellte Veränderungen mehrerer Membranlipide fest – Phosphatidylcholine nahmen zu, mehrfach ungesättigte Fette ab.
Die Gesamtwirkung bleibt unklar, und die Zellversuche belegen weder eine Wirkung auf Alzheimer beim Menschen noch einen Effekt auf Gedächtnis oder Demenzverlauf. Laut dem Bericht lebten Ende 2025 rund 1,8 Millionen Menschen in Deutschland mit Demenz.
Regulatorische Lücken bei pflanzlichen Präparaten
Parallel zu den Forschungsergebnissen rückt auch die Kontrolle von Nahrungsergänzungsmitteln in den Blick. Wissenschaftler, Ärzte und Verbraucherschützer warnten in einem Brief an Bundesministerien laut einem Bericht von welt.de vor Qualitäts- und Sicherheitsrisiken bei pflanzlichen, algen-, pilz- und flechtenbasierten Präparaten.
In Deutschland müssen Hersteller ihre Produkte vor dem Verkauf lediglich beim BVL registrieren – eine behördliche Prüfung ist dabei nicht vorgesehen. Die Unterzeichner fordern korrekte Produktinformationen, laufende Rohstoff- und Produktprüfungen sowie eine bessere Kontrolle irreführender Gesundheitsversprechen. Laut Andreas Hensel wurden im Vorjahr in Deutschland über 30.000 Nahrungsergänzungsmittel angemeldet.
Ernährung als Alternative zu Präparaten
Während die Datenlage zu Supplementen uneinheitlich bleibt, deutet Forschung zu Ernährungsmustern auf konsistentere Zusammenhänge hin. Eine Studie der Bond University, veröffentlicht in Frontiers in Nutrition, brachte die mediterrane Ernährung und die MIND-Diät mit langsamerem kognitivem Abbau beziehungsweise geringerem Alzheimer-Risiko in Verbindung.
Die DASH-Diät allein zeigte laut den Forschern keine konsistenten kognitiven Vorteile; eine Berichtigung vom 21. September 2026 stellte zudem klar, dass die Studie DASH ursprünglich fälschlich mit einem geringeren Alzheimer-Risiko verknüpft hatte. Auch hier gilt: Korrelation belegt keine Kausalität, eine eindeutige Studie zum Schutz durch Ernährung fehlt bislang.
Eine Übersichtsarbeit von Owen Carmichael und einem internationalen Team im Annual Review of Nutrition mit dem Titel „Ultraprocessed Foods and the Aging Brain: State of the Science“ bündelt Human- und Grundlagenforschung zum Zusammenhang zwischen Ernährung und Gehirngesundheit.
Einige der ausgewerteten Studien verbinden einen höheren Konsum hochverarbeiteter Lebensmittel mit schlechteren kognitiven Ergebnissen, ein ursächlicher Zusammenhang ist jedoch nicht belegt.
Eine Auswertung von Studien mit mehr als 500.000 Teilnehmenden, über die n-tv berichtete, fand zudem, dass der tägliche Verzehr von 25 Gramm verarbeitetem Fleisch – etwa zwei Scheiben Putenbrustaufschnitt oder einer Scheibe Speck – mit einem um 44 bis 52 Prozent höheren Demenzrisiko verbunden sein kann.
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Eine UK-Biobank-Studie verband den Ersatz von 10 Prozent der Kalorien aus hochverarbeiteten Lebensmitteln durch unverarbeitete Lebensmittel mit einem um 19 Prozent geringeren Demenzrisiko. In Deutschland liegt der Fleischwarenverbrauch bei rund 25 Kilogramm pro Kopf und Jahr, die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt höchstens 300 Gramm Wurst und Fleisch pro Woche.
Was Neurologen stattdessen raten
Neurologen verweisen in diesem Zusammenhang eher auf etablierte Faktoren der Gehirngesundheit: Bewegung, Schlaf, Stoffwechsel und soziale Kontakte. In Deutschland leben über 1,8 Millionen Menschen mit Demenz, die meisten mit Alzheimer – die Zahl soll weiter steigen, wobei die Tendenz in Europa sich abflacht, während sie global zunimmt.
Als beeinflussbare Risikofaktoren gelten Bluthochdruck, Diabetes, Bewegungsmangel, Übergewicht, Schlafmangel, regelmäßiger Alkoholkonsum und ungesundes Essverhalten. Wiederholte Probleme bei Alltagsaufgaben oder entsprechende Hinweise aus dem Umfeld sollten ärztlich abgeklärt werden, da frühe familiäre Alzheimerformen bereits Mitte oder Ende 30 beginnen können.
Insgesamt zeichnen die vorliegenden Untersuchungen ein vorsichtiges Bild: Weder bei Vitamin D, Omega-3 noch bei Glucosamin lässt sich aus den Beobachtungsdaten ein eindeutig schädlicher Effekt ableiten – aber auch der erhoffte Schutz für das alternde Gehirn ist bislang nicht belegt.
Für ältere Menschen, die auf eigene Initiative zu solchen Präparaten greifen, dürfte die wichtigste Konsequenz aus der aktuellen Forschungslage sein, Nutzen und mögliche Risiken individuell ärztlich abzuwägen, statt sich allein auf Nahrungsergänzungsmittel zu verlassen.
