GLP-1-Klagen, Fälle

GLP-1-Klagen: 216 Fälle in den USA wegen möglichem Sehverlust gebündelt

Veröffentlicht am: 26.09.2026 um 10:48 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Studien liefern unterschiedliche Hinweise zu NAION; FDA-Prüfung und US-Klagen klären einen möglichen Zusammenhang bislang nicht.
Ein leerer, in gedimmtes Licht getauchter Gerichtssaal mit hölzernen Sitzreihen und einem Richterpult. Illustration mit AI erstellt.

Mehrere hundert Klagen in den USA rücken ein seltenes, aber schwerwiegendes Risiko der populären Abnehm- und Diabetesmedikamente in den Fokus: eine mögliche Verbindung zwischen GLP-1-Rezeptoragonisten wie Ozempic, Wegovy, Mounjaro und Zepbound und einer plötzlichen Form der Optikusnervschädigung.

Kläger werfen den Herstellern Novo Nordisk und Eli Lilly vor, nicht ausreichend vor dem Risiko eines nicht-arteriitischen anterioren ischämischen Optikusinfarkts – kurz NAION – gewarnt zu haben, wie einem Bericht vom 24. September 2026 zufolge geschildert wird. Die Erkrankung führt zu plötzlichem, meist einseitigem und schmerzlosem Sehverlust, für den es keine anerkannte Behandlung gibt.

Die Klagewelle vor US-Gerichten

Laut dem Bericht vom 24. September 2026 haben sich in mehreren US-Bundesstaaten Klagen gehäuft: In Arizona wehren sich Eli Lilly und Novo Nordisk gegen Dutzende Klagen wegen behaupteten dauerhaften Sehverlusts, in New Jersey sind es fast 100 Klagen, in Philadelphia weitere Dutzende. Eine US-Personenschadenskanzlei hat demnach seit 2025 mehr als 90 Klagen gegen Novo Nordisk vor einem Gericht in New Jersey eingereicht.

Die Kläger behaupten in Gerichtsdokumenten, die Pharmaunternehmen hätten die Risiken okulärer Komplikationen gekannt oder hätten sie kennen müssen, und werfen ihnen vor, diese absichtlich verschwiegen oder nicht ausreichend klar auf den Etiketten der in den USA vermarkteten Produkte gekennzeichnet zu haben.

Ein Bericht des Judicial Panel on Multidistrict Litigation vom September 2026 listet 216 anhängige Klagen. Die Einzelklagen wurden in der Multidistrict Litigation MDL #3163 zusammengeführt und dem US-Bezirksgericht für den Eastern District of Pennsylvania zugewiesen.

Richterin Karen Spencer Marston überwacht das Verfahren, das parallel auch Ansprüche wegen Gastroparese und anderer gastrointestinaler Verletzungen im Zusammenhang mit GLP-1-Medikamenten (MDL #3094) begleitet.

Novo Nordisk hält die US-Klagen nach eigener Darstellung für unbegründet und verweist auf unternehmensfinanzierte Forschung, die kein erhöhtes NAION-Risiko durch seine Medikamente gefunden habe.

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Die Anwälte des Unternehmens argumentieren vor Gericht zudem, dass die klagenden Patienten an Typ-2-Diabetes leiden – einer Erkrankung, die selbst mit einem höheren Risiko für Erblindung und andere in den Klagen genannte Augenerkrankungen verbunden ist.

Eli Lilly erklärt, die Sicherheitsdaten laufend zu überwachen, und hält daran fest, dass aktuelle Studien nicht belegten, dass GLP-1-Medikamente NAION verursachen.

Was die Studienlage sagt

Die wissenschaftliche Evidenz zeichnet ein uneinheitliches Bild. Eine Studie der Harvard Medical School aus dem Jahr 2024, veröffentlicht in JAMA Ophthalmology, fand bei Typ-2-Diabetes-Patienten, denen Semaglutid verschrieben wurde, ein etwa vierfach höheres relatives Risiko, NAION zu entwickeln – wobei das absolute Risiko den Autoren zufolge sehr gering blieb. Sie betonten zugleich, dass es sich um eine Beobachtungsstudie handle, die keinen Kausalzusammenhang belegen könne.

Eine Datenanalyse von 37 Millionen Erwachsenen aus dem Jahr 2025, ebenfalls in JAMA Ophthalmology publiziert, fand bei Semaglutid-Anwendern ein moderat erhöhtes NAION-Risiko gegenüber Anwendern von SGLT2-Inhibitoren.

Aus dem Jahr 2026 liegt zudem eine systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse zu mehr als 14 Millionen Menschen mit Typ-2-Diabetes vor, die ebenfalls ein erhöhtes Risiko bei Semaglutid-Anwendern feststellte; eine weitere Metaanalyse aus demselben Jahr zu acht Beobachtungskohorten mit fast 5,9 Millionen Menschen kam zu ähnlichen Ergebnissen. Auch hier gilt: Beobachtungsstudien können eine Assoziation zeigen, aber nicht beweisen, dass Semaglutid die Erkrankung tatsächlich verursacht.

Dem stehen von Novo Nordisk vorgelegte Daten gegenüber: Eine gepoolte Analyse mit Stand vom 24. September 2026 umfasste 96.829 Teilnehmer und mehr als 205.000 Teilnehmerjahre aus randomisierten Studien mit GLP-1-Medikamenten und Placebo. Sie identifizierte drei bestätigte NAION-Fälle unter GLP-1-Behandelten gegenüber fünf unter Placebo – eine Inzidenz von etwa drei Fällen pro 100.000 Teilnehmerjahre in der GLP-1-Gruppe gegenüber etwa sechs pro 100.000 in der Placebogruppe.

Reaktionen von Behörden und Fachgesellschaften

Die US-Arzneimittelbehörde FDA prüft nach eigenen Angaben verfügbare Evidenz zu einem möglichen Zusammenhang zwischen Semaglutid und NAION, hat aber bislang nicht festgestellt, dass das Medikament die Erkrankung verursacht, und keine entsprechende Sicherheitswarnung für die in den USA verkauften Produkte herausgegeben.

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Die britische Arzneimittelbehörde ging bereits 2025 einen Schritt weiter und nahm eine NAION-Warnung in die Produktinformation auf, verbunden mit dem Rat an Patienten, bei plötzlich auftretender oder sich schnell verschlechternder Sehkraft dringend ärztliche Hilfe zu suchen.

Die American Optometric Association veröffentlichte 2025 einen klinischen Bericht ihres evidenzbasierten Optometrie-Komitees, der vor möglichen schweren okulären Komplikationen von GLP-1-Rezeptoragonisten warnt – darunter Verschlimmerung altersbedingter Makuladegeneration, Progression diabetischer Retinopathie und seltenes NAION.

Co-Autor Andrew Morgenstern, Optometrist, brachte das Risiko auf den Punkt: Ein geringes Risiko schwerer okulärer Nebenwirkungen bestehe zwar, doch ein geringes Risiko bei einer großen Zahl von Anwendern summiere sich zu einem großen Risiko. Die Fachgesellschaft empfiehlt seither Patienten vor Beginn einer GLP-1-Behandlung eine Augenuntersuchung zur Kontrolle des Sehnervs.

Einordnung des Risikos und Entschädigungspraxis in Dänemark

Laut American Academy of Ophthalmology und National Eye Institute ist NAION die häufigste Ursache akuter Optikusnervschädigung bei Erwachsenen über 50 Jahren und wird gelegentlich als „Augeninfarkt" bezeichnet.

Die Erkrankung ist mit etwa zwei bis zehn Fällen pro 100.000 Menschen pro Jahr selten; die größten Risikofaktoren sind Alter, Diabetes, Bluthochdruck, hoher Cholesterinspiegel, obstruktive Schlafapnoe und Rauchen. Der Sehverlust ist häufig dauerhaft, eine bewiesene Behandlung existiert nicht.

Dr. Douglas Lazzaro, Ophthalmologe am NYU Langone Health, verwies darauf, dass es bei NAION keine Behandlung gebe und die Erkrankung sehr schweren Sehverlust verursachen könne. Seine Gesamteinschätzung: Es gebe wahrscheinlich ein leicht erhöhtes NAION-Risiko bei der Anwendung von Semaglutiden, doch die gesundheitlichen Vorteile der Medikamente überwögen die Risiken.

Konkrete Entschädigungen gibt es bereits in Dänemark: Laut der Danish Patient Compensation Association haben 27 Patienten, die nach der Anwendung von Ozempic oder Wegovy NAION entwickelten, eine Gesamtentschädigung von mehr als 1,5 Millionen US-Dollar erhalten. Weitere 38 Anträge werden dort geprüft, wobei die Entschädigungshöhe nicht vom Arzneimittelhersteller festgelegt wird.

Angesichts der divergierenden Einschätzungen raten Gesundheitsexperten Patienten, ihre laufende Behandlung fortzusetzen, aber regelmäßig einen Augenarzt für Sehtests aufzusuchen.

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