GLP-1-Abnehmmedikamente: 43 Prozent der Anwender essen zu wenig Eiweiß
Veröffentlicht am: 28.10.2026 um 17:30 Uhr | Redaktion boerse-global.deDie weltweite Nachfrage nach GLP-1-basierten Abnehmmedikamenten wie Semaglutid, bekannt unter den Handelsnamen Ozempic und Wegovy, wächst rasant. Allein in den USA nehmen rund 30 Mio. Menschen GLP-1-Präparate zur Behandlung von Adipositas oder Diabetes ein, während in Deutschland rund 4 Mio. Haushalte die Medikamente bereits nutzen oder ihre Einnahme planen.
Doch wissenschaftliche Untersuchungen weisen verstärkt auf gesundheitliche Begleiterscheinungen hin: Ein im August 2026 im Fachjournal Journal of Nutrition veröffentlichter Review der Harvard T.H. Chan School of Public Health und der Universität Kopenhagen zeigt, dass Anwender dieser Wirkstoffklasse einem erheblichen Risiko für eine unzureichende Versorgung mit Vitamin B12, Protein und Ballaststoffen ausgesetzt sind. Demnach nehmen 43% der GLP-1-Anwender unzureichend Eiweiß zu sich.
Reduzierte Nahrungsaufnahme und Verlust an Muskelmasse
GLP-1-Medikamente dämpfen das Hungergefühl und senken die tägliche Kalorienaufnahme um durchschnittlich 16–39%. Mit dem reduzierten Appetit sinkt jedoch auch die Zufuhr essenzieller Mikronährstoffe und Makronährstoffe. Zudem ist etwa 25% des verlorenen Gewichts Muskelmasse.
Bestätigt wird dies unter anderem durch die Studie SURMOUNT-1 im Journal Diabetes, Obesity and Metabolism: Bei 160 Erwachsenen mit Übergewicht oder Adipositas über 72 Wochen einer Tirzepatid-Therapie bestanden ca. 75% des Gewichtsverlusts aus Fettmasse und 25% aus Magermasse.
Studien zufolge kann der Magermasse-Anteil sogar variabel bis zu 40% des gesamten Gewichtsverlusts ausmachen. In diesem Zusammenhang wird vor Risiken wie Sarkopenie, einer sinkenden Basalrate sowie einer erhöhten Sturzgefahr gewarnt.
Ernährungsmediziner des Uniklinikums Erlangen erläutern hierzu, dass der Verlust von Muskelmasse beim Abnehmen zugleich den allgemeinen Kalorienverbrauch reduziere. Ausreichend Eiweiß und gezieltes Krafttraining mit zwei bis drei Einheiten pro Woche könnten helfen, die Muskulatur zu erhalten.
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Die Dosis solle keinesfalls eigenmächtig erhöht oder das Präparat ohne ärztliche Rücksprache abgesetzt werden. Als Gegenmaßnahmen werden zudem eine priorisierte Proteinzufuhr sowie die Kontrolle der Körperzusammensetzung per DXA-Messung oder Bioimpedanzanalyse empfohlen.
Mikronährstoffdefizite und Auswirkungen auf Kinder
Der Nährstoffmangel betrifft nicht nur Erwachsene. Nach Erkenntnissen der Ohio State University erhalten in den USA generell bereits etwa 10 Mio. Menschen nicht die erforderliche Menge an Vitamin B12. Eine im September 2026 vorgestellte Northwestern-Studie ergab zudem, dass fast jedes sechste Kind im Alter von 10 bis 17 Jahren, das über den Zeitraum eines Jahres GLP-1 einnahm, einen Nährstoffmangel entwickelte – am häufigsten handelte es sich um einen Mangel an Vitamin D.
Eine im Journal Childhood Obesity veröffentlichte, von Abbott finanzierte Untersuchung analysierte Abrechnungsdaten von über 100 Mio. Patienten aus den Jahren 2017 bis 2022 und erfasste 2.031 GLP-1-Nutzer im Alter von 10 bis 17 Jahren.
Exakt 16,88% der Kinder entwickelten innerhalb eines Jahres nach dem Therapiebeginn ein Defizit: Ein Vitamin-D-Mangel trat bei 12,4% auf, eine Ernährungsanämie bei 1,55% und eine Eisenmangelanämie bei 1,44%. Gleichzeitig erhielten nur 5% der jungen Patienten innerhalb von 30 Tagen eine dokumentierte Ernährungstherapie, nach sechs Monaten waren es 23,3%.
Die Verordnungen nehmen unterdessen stark zu: Kinder unter 12 Jahren nutzen GLP-1 zur Therapie von Fettleibigkeit 300-mal häufiger als vor sieben Jahren. Im Oktober 2026 warnte die Weltgesundheitsorganisation in ihren ersten globalen Leitlinien vor der Verschreibung von GLP-1 an Kinder unter 10 Jahren.
Die Organisation wies darauf hin, dass im Jahr 2024 rund 170 Mio. Kinder und Jugendliche im Alter von 5 bis 19 Jahren mit Adipositas lebten; die Prävalenz habe sich seit 1990 von 2 auf 8% vervierfacht.
Warnzeichen erkennen und Ernährung überwachen
Zu den typischen Symptomen eines Nährstoffmangels gehören Müdigkeit, Schwäche, Konzentrationsprobleme, trockene Haut, Haarausfall, eine niedrige Körpertemperatur sowie ein verlangsamter Herzschlag. Eine dauerhaft niedrige Zufuhr von Ballaststoffen kann zudem Übelkeit, Blähungen und Verstopfung hervorrufen.
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Fachleute raten daher dringend zu einer ausgewogenen Ernährung mit ausreichend Protein und Ballaststoffen. Bei anhaltenden Symptomen oder dem Verdacht auf eine Unterversorgung sollte medizinisches Personal oder eine Ernährungsfachkraft konsultiert werden. Weder die Medikamentendosis noch die Einnahme zusätzlicher Vitamine sollten eigenmächtig ohne professionellen Rat angepasst werden.
Viele Konsumenten reagieren bereits auf die veränderten Bedürfnisse: Laut einer Umfrage des Nutrition Business Journal begann fast die Hälfte der GLP-1-Nutzer nach Therapiebeginn mit neuen Vitaminen und Nahrungsergänzungsmitteln, vor allem mit Probiotika, Proteinen und Ballaststoffen.
Zahlen der Boston Consulting Group belegen zudem, dass Behandelte rund 20% mehr für Proteine, Ballaststoffe und Kollagen ausgeben als vor dem Start der Medikation.
