GKV-Reform: 12.000 fehlende Therapeuten schlagen Alarm
21.06.2026 - 01:18:58 | boerse-global.de
Die Bundesregierung will bis 2027 eine Finanzlücke von 18,8 Milliarden Euro in der gesetzlichen Krankenversicherung stopfen. Doch das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz stößt auf massiven Widerstand – von Therapeuten über Pflegekräfte bis zur Opposition.
Therapeuten schlagen Alarm
Vertreter von Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Logopäden und Podologen machten Mitte Juni in Fachgesprächen auf die prekäre Lage ihrer Branchen aufmerksam. Allein in der Physiotherapie fehlen bundesweit 12.000 Fachkräfte. Die Folgen sind konkret: Ergotherapeuten berichten von bis zu 33 wartenden Kindern in einzelnen Praxen.
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Hinzu kommen steigende Betriebskosten und immer mehr Bürokratie. Eine Instrumentenspülmaschine für die Podologie kostet rund 10.000 Euro. Fortbildungen verteuerten sich laut Branchenangaben teils von 150 auf 400 Euro. Die Therapeuten befürchten, dass die geplanten Einsparungen viele Praxen in die Insolvenz treiben.
Pflegekräfte gehen auf die Straße
In Leipzig übergaben Pflegekräfte aus vier Krankenhäusern am 18. Juni eine Petition mit 5.405 Unterschriften an den SPD-Abgeordneten Holger Mann. Sie fordern die Rücknahme der Deckelung von Pflegebudgets und die vollständige Refinanzierung von Tarifsteigerungen.
Die Gewerkschaft ver.di unterstützt die Aktion. In einem offenen Brief an den Gesundheitsausschuss warnt sie vor einer sozialen Schieflage. Denn der aktuelle Gesetzentwurf sichert die Refinanzierung von Tariferhöhungen in der häuslichen Krankenpflege nicht mehr vollständig ab. Die Folge könnte eine weitere Berufsflucht sein. Bereits am 10. Juni demonstrierten in Hannover rund 8.000 Menschen gegen die Kürzungspläne – insgesamt protestierten etwa 15.000.
Bundestag vertagt Entscheidung
Die zweite und dritte Lesung des Gesetzes wurde verschoben. Sie ist nun für den 10. Juli angesetzt – den letzten Sitzungstag vor der Sommerpause. Die Koalition will zunächst die Ergebnisse der öffentlichen Anhörung vom 22. Juni auswerten. Dazu sind über 80 Organisationen geladen.
Eine YouGov-Umfrage unter 2.154 Befragten zeigt: Die Bevölkerung steht dem Vorhaben skeptisch gegenüber. 61 Prozent lehnen die Sparziele ab, 72 Prozent halten die geplante Lastenverteilung für ungerecht. Noch deutlicher fällt die Ablehnung bei höheren Zuzahlungen für Medikamente aus: 72 Prozent sind dagegen.
Zustimmung für andere Maßnahmen
Die Anhebung der Beitragsbemessungsgrenze für Gutverdiener befürworten 69 Prozent der Befragten. Und die Streichung der Homöopathie als Kassenleistung findet mit 53 Prozent eine knappe Mehrheit.
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Grundsätzliche Kritik an der Finanzierung
Josef Hecken, Vorsitzender des Gemeinsamen Bundesausschusses, wirft dem Bund eine Gerechtigkeitslücke vor. Der Staat komme seiner Pflicht nicht nach, die Beiträge für Bürgergeldempfänger vollständig zu übernehmen. Ähnlich sieht es der rheinland-pfälzische Gesundheitsminister Clemens Hoch (SPD). Er warnt vor einem Versorgungszusammenbruch. Allein für die Universitätsmedizin Mainz entstehe durch die fehlende Refinanzierung eine jährliche Belastung von 25 Millionen Euro.
Die Opposition fordert einen kompletten Stopp der Reform. Janine Wissler (Linke) kritisierte am 19. Juni, die Belastungen würden einseitig auf Versicherte und Beschäftigte abgewälzt. Private Klinikbetreiber und die Pharmaindustrie blieben dagegen verschont. Der Berufsverband der Deutschen Dermatologen warnt zudem vor Einsparungen bei der Prävention, etwa beim Hautkrebsscreening. Stattdessen fordert der Verband die Übernahme versicherungsfremder Leistungen durch Bundesmittel.
