Gewalt, Kliniken

Gewalt in Kliniken: 66 Prozent der Ärzte in Deutschland betroffen

Veröffentlicht am: 02.10.2026 um 04:18 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Erhebungen zeigen häufige Überlastung und Gewalt; Politik, Kammern und Kostenträger setzen auf Schutzmaßnahmen und neue Versorgungsangebote.

Psychische Belastung im Gesundheitswesen: Schutz und Hilfe im Fokus
Ein leerer, ruhig wirkender Krankenhausflur im weichen Licht des frühen Morgens ohne Personen. Illustration mit AI erstellt.

Initiativen und Untersuchungen analysieren die anhaltend hohe psychische Belastung von medizinischem Personal und fördern gezielte Programme, um den Zugang zu Angeboten für die seelische Gesundheit für Millionen Beschäftigte verlässlicher zu gestalten. Die Arbeitsbedingungen in Kliniken, Notaufnahmen und Praxen geraten dabei zunehmend in den Fokus von Berufsverbänden, Politik und Sozialversicherungsträgern.

Hohe Belastungsgrenzen und Gewalt im Arbeitsalltag

Die Ausmaße der täglichen Arbeitsbelastung spiegeln sich in mehreren Erhebungen wider. Nach Daten einer Umfrage von karriere.at, über die der rund 1,2 Millionen Beschäftigte vertretende Österreichische Gewerkschaftsbund (ÖGB) berichtete, haben 52 Prozent der Befragten bereits mindestens einmal wegen der Arbeit geweint.

Zudem gaben 64 Prozent an, Wutausbrüche aufgrund beruflicher Überlastung erlebt zu haben. Jeweils 31 Prozent geraten demnach mehrmals im Monat oder mehrmals im Jahr an ihre emotionale Belastungsgrenze.

Als wirksamste Maßnahme zur Entlastung sahen 34 Prozent eine Reduzierung des Arbeitspensums. Der ÖGB dringt daher auf eine konsequente Evaluierung psychischer Belastungen, ausreichende Personalausstattung, mehr Mitbestimmung sowie den Ausbau der betrieblichen Gesundheitsförderung.

Erschwerend kommt das Risiko von Übergriffen hinzu. Eine im Jahr 2025 im European Journal of Emergency Medicine veröffentlichte internationale Erhebung aus 81 Ländern ergab, dass gut drei Viertel des klinischen Personals bereits Gewalt am Arbeitsplatz erlitten haben.

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Die Gewalt äußerte sich zu 88 Prozent verbal, zu 42 Prozent körperlich, zu 26 Prozent in Beschädigungen von Einrichtungsobjekten und zu 15 Prozent in Form sexueller Belästigung. Mit Schusswaffen wurden knapp 3 Prozent konfrontiert, mit sonstigen Waffen 4,5 Prozent. Frauen waren mit 72 Prozent deutlich häufiger von psychischen Schikanen betroffen als Männer mit gut 40 Prozent.

Als Verursacher traten meist Patienten (knapp 68 Prozent) sowie Angehörige oder Freunde (44 Prozent) auf. Gut 48 Prozent der Befragten konstatierten eine Verschlimmerung der Gewalt über die vergangenen fünf Jahre. Als strukturelle Ursachen nannte die freiwillige Untersuchung Überfüllung und schlechte Personalausstattung.

Im ambulanten und stationären Sektor in Deutschland zeigte eine Erhebung des Deutschen Ärzteblattes von Anfang 2026, dass 66 Prozent der befragten Ärztinnen und Ärzte Gewalt im Dienst erfahren haben; 56 Prozent beobachteten eine Zunahme. Brennpunkte bilden demnach Anmelde- und Wartebereiche sowie Notaufnahmen.

Politische Reaktionen und Präventionsprojekte

Die Bundesregierung reagierte mit einem vom Bundeskabinett beschlossenen Gesetzentwurf zur Stärkung des strafrechtlichen Schutzes des Gemeinwesens. Dieser sieht einen besonderen strafrechtlichen Schutz für alle Heilberufe, eine Anhebung der Mindeststrafe bei tätlichen Angriffen und eine stärkere Berücksichtigung gemeinwohlbezogener Aufgaben bei der Strafzumessung vor.

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Klaus Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer, begrüßte diese Verschärfung, forderte jedoch zugleich praxistaugliche Anzeigeverfahren, ausreichend ausgestattete Verfolgungsbehörden und ein bundesweit einheitliches Meldesystem. Die Kammer arbeitet hierzu an einem anonymen Meldetool.

Flankierend widmete sich der Landespräventionsrat Rheinland-Pfalz auf einer Fachtagung gemeinsam mit dem Innen-, Gesundheits- und Sozialministerium dem Schutz von Hilfskräften und medizinischem Personal.

Auch betriebliche Modelle erhalten Unterstützung: Beim 11. Deutschen BGM-Förderpreis 2026 der DAK-Gesundheit gewann der Klinikverbund MZG-Westfalen aus Bad Lippspringe 30.000 Euro für ein digitales Schutzkonzept gegen Übergriffe, Gewalt und Diskriminierung.

Den zweiten Platz belegte das Studentenwerk Schleswig-Holstein mit einem Programm zu Wechseljahren (20.000 Euro), Rang drei ging an die Kindeswohl-Berlin gGmbH für ein assistenzgestütztes Gesundheitssystem (10.000 Euro).

Versorgungslücken und neue Versorgungsmodelle

Im Sommer 2026 legte die Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) ein Impulspapier zur Psychosozialen Notfallversorgung (PSNV) vor. BPtK-Präsidentin Andrea Benecke verwies auf erhebliche Reibungsverluste an den Schnittstellen zwischen Akut- und Regelversorgung, fehlende Dringlichkeitskriterien sowie mangelnde Transparenz bei bestehenden Ressourcen.

Gefordert werden unter anderem krisenfeste Versorgungskonzepte, Sonderbedarfszulassungen, digitale Hilfsmittel, ein datengestütztes Lagebild sowie die rechtliche Verankerung der Notfallversorgung in Katastrophenschutzgesetzen.

Gleichzeitig erproben Kostenträger neue Wege: Die AOK Rheinland/Hamburg setzt nach positiver Evaluation das digitale Nachsorgeprogramm „Phönix“ fort, das über telefonische Coachinggespräche und eine App-Begleitung Rehospitalisierungen signifikant senkt.

Betriebliche Maßnahmen zur Stressbewältigung und psychischen Gesundheit bleiben zudem nach Paragraf 3 Nummer 34 des Einkommensteuergesetzes bis zu 600 Euro pro Beschäftigtem im Kalenderjahr steuer- und sozialabgabenfrei, sofern sie nach den Vorgaben des Sozialgesetzbuchs zertifiziert sind.

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