Gesundheitsversorgung: Prävention könnte zwei Milliarden Euro sparen
27.05.2026 - 14:48:14 | boerse-global.deDas könnte Milliarden sparen.
Am Mittwoch versammelte sich die Expertengruppe „Gesundheitsstadt Berlin" im Verlagshaus des Tagesspiegels, um für einen Paradigmenwechsel zu werben. Die Botschaft: Wer systematisch auf Bewegung und gesunde Ernährung setzt, könnte allein bei den gesetzlichen Krankenkassen rund zwei Milliarden Euro einsparen. Ein dringend nötiger Schritt – denn die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache.
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Deutsche sind Vielflieger beim Arzt
Im Schnitt besucht jeder Bundesbürger fast zehnmal pro Jahr einen Arzt. Zum Vergleich: In Schweden sind es gerade einmal drei Besuche. Und die Lebenserwartung in Deutschland liegt mit 81 Jahren unter dem EU-Durchschnitt. Die Botschaft der Experten ist klar: Hier muss sich etwas ändern.
Pflege am Scheideweg: Vorbeugen statt verwalten
Besonders dramatisch ist die Lage in der Pflege. Diakonie-Direktorin Maria Katharina Moser forderte am Dienstag eine Abkehr von der reinen Versorgung hin zur Prävention. Die Rechnung ist einfach: Mangelnde Sturzprävention kostet jährlich rund 1,7 Milliarden Euro. Besseres Delir-Management im Krankenhaus könnte weitere 90 Millionen Euro pro Jahr einsparen.
Die Diakonie schlägt ein Bündel an Maßnahmen vor: systematische Sturzprävention, regelmäßige Medikationsüberprüfungen und ein verbesserter Entlassungsprozess aus Krankenhäusern. Ziel ist es, Senioren möglichst lange ein selbstbestimmtes Leben in den eigenen vier Wänden zu ermöglichen.
Erste Erfolge gibt es bereits. Im Burgenland laufen seit 2022 die „Gesundheitstage", seit 2024 das Programm „Gesundheitstage 70 PLUS". Bis zum 1. Mai haben 4.824 Menschen teilgenommen – allein in den ersten vier Monaten dieses Jahres waren es 617. Das Angebot richtet sich an alle ab 40 Jahren mit runden Geburtstagen und an alle über 70-Jährigen.
Digitale Plattform: 369.000 Kurse auf Knopfdruck
Ein Meilenstein für die Prävention ist die zentrale Datenbank der 119 gesetzlichen Krankenkassen. Rund 47 Millionen Versicherte haben Zugriff auf etwa 369.000 zertifizierte Präventionskurse. 116.000 verschiedene Anbieter decken die Bereiche Bewegung, Ernährung, Stressmanagement und Suchtprävention ab.
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Die Qualität wird durch ein zentrales Zertifizierungsverfahren gesichert – alle drei Jahre wird neu geprüft. Für Anbieter bedeutet das: einmal prüfen lassen, und der Kurs ist bei allen Kassen anerkannt.
Parallel dazu stärkt der Gesetzgeber die Apotheken. Der Bundestag verabschiedete das Apothekenversorgung-Weiterentwicklungsgesetz (ApoVWG), das unter anderem die Impfbefugnisse erweitert. Die Festzuschläge für Apotheken steigen zum 1. Juli auf 9,00 Euro, zum 1. Januar auf 9,50 Euro. Gleichzeitig gelten strengere Regeln für Versandapotheken.
Internationale Vorreiter: Vietnam macht Tempo
Auch international gewinnt die Prävention an Fahrt. Vietnam verabschiedete ein neues Gesetz zur Krankheitsvorbeugung, das am 1. Juli in Kraft tritt. Der Staat übernimmt dort 100 Prozent der Betriebskosten für Präventionseinrichtungen. Routine-Checks werden beschleunigt, elektronische Patientenakten ausgebaut. Ein eigener Fonds soll künftig auch Ernährungsberatung und psychische Gesundheit abdecken.
Alarmsignale aus der Sozialkasse
Der Druck auf das deutsche System wächst rasant. Der Sachverständigenrat um Monika Schnitzer warnt: Ohne Reformen könnte der Sozialbeitragssatz von 42,3 Prozent im Jahr 2026 auf 49,7 Prozent im Jahr 2040 steigen.
Besonders akut ist die Lage in der Pflegeversicherung. Im ersten Quartal 2026 verbuchte sie ein Defizit von 667 Millionen Euro. DAK-Chef Andreas Storm hält eine Beitragserhöhung um 0,2 Prozentpunkte in der zweiten Jahreshälfte für notwendig. Das Jahresdefizit wird auf 4,2 Milliarden Euro geschätzt – trotz 3,2 Milliarden Euro Bundeszuschuss.
Experten fordern radikale Reformen
Der Geriater Dr. Becker übt scharfe Kritik am aktuellen System. Die Einstufung der Pflegegrade sei zu subjektiv, die jährlichen Mehrausgaben beziffert er auf rund zehn Milliarden Euro. GKV-Chef Blatt ergänzt: Die Pflege lebe auf Pump – bis 2027 drohe eine Finanzierungslücke von zehn Milliarden Euro.
Der Sachverständigenrat schlägt daher härtere Kriterien für den Bezug von Pflegeleistungen vor, weniger nicht-zielgerichtete Leistungen und eine Ausgabenbremse bei Arzneimitteln. Gesundheitsminister Warken plant offenbar ein großes Reformpaket vor der Sommerpause – mit Entlastungen von rund 16,3 Milliarden Euro bis 2027.
Auch die Verbände stellen sich neu auf. Der Bundesverband Prävention und Gesundheitsförderung (BVPG) wählte am 18. Mai Simone Borchardt zur neuen Präsidentin. Ihre Botschaft: Prävention muss fest im System verankert werden – sonst droht der Kollaps.
Ausblick: Wird die Prävention zur Pflicht?
Die Zeichen stehen auf Wandel. Die demografische Entwicklung und die steigende Zahl chronisch Kranker machen Prävention zur finanziellen Notwendigkeit. Doch die Arbeitgeberverbände warnen: Die geplanten Stabilisierungsgesetze könnten die Unternehmen zusätzlich belasten. Höhere Beitragsbemessungsgrenzen und Abgaben auf Minijobs bedeuten Mehrkosten von 3,2 Milliarden Euro bis 2027.
Ob die Strategie „Prävention statt Reparatur" aufgeht, hängt davon ab, ob die Politik die Maßnahmen in den Kliniken und Praxen verankern kann – und ob die versprochenen Einsparungen schnell genug wirken. In den kommenden Monaten wird sich zeigen, ob Minister Warkens Reformpaket hält, was es verspricht.
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