Gesundheitssysteme: 81 Prozent der Experten sehen Resilienz als wichtiger
Veröffentlicht am: 16.10.2026 um 10:00 Uhr | Redaktion boerse-global.deIn Politik, Wirtschaft und Verwaltung gewinnt Resilienz zunehmend an Gewicht als zentrales strategisches Konzept zur Krisenvorsorge. Angesichts geopolitischer Spannungen, technologischer Umbrüche und struktureller Engpässe rückt die Fähigkeit, unerwartete Schocks abzufedern und anpassungsfähig zu bleiben, in den Mittelpunkt strategischer Planungen.
Geopolitische Verschiebungen und neue Allianzen
Wissenschaftliche Analysen unterstreichen die dringlichkeit umfassender Vorkehrungen. Nach Einschätzung von Prof. Dr. Stefan Fröhlich von der FAU Erlangen-Nürnberg müssen Europa und Deutschland ihre strategische Autonomie, wirtschaftliche Resilienz sowie militärische Verteidigungsfähigkeit spürbar stärken.
Fröhlich verweist auf drei globale Entwicklungen: die Rückkehr der Geopolitik mitsamt dem Krieg in Europa, eine geoökonomische Zeitenwende sowie den Systemwettbewerb zwischen Autokratien und Demokratien. Während der Anteil westlicher Industrienationen am globalen Bruttoinlandsprodukt zur Jahrtausendwende noch bei rund 75 Prozent lag, beläuft er sich inzwischen auf rund 40 Prozent.
Zudem regieren Fröhlich zufolge in elf von 27 EU-Staaten rechtspopulistische Parteien mit, während Experten vor Bedrohungen des NATO-Territoriums in vier bis fünf Jahren warnen. Er fordert gemeinsame europäische Anstrengungen bei Entwicklung, Beschaffung und Ausbildung in der Verteidigungsindustrie sowie den gezielten Ausbau von Kapazitäten bei Offensivdrohnen, Cyber-Technologien und künstlicher Intelligenz.
Gleichzeitig formieren sich wirtschaftliche Bündnisse zur Risikobewältigung. Marsh und Bloomberg New Economy riefen eine Koalition für wettbewerbsfähige Resilienz ins Leben, die Unternehmen und Volkswirtschaften bei Risikovorhersagen unterstützen soll.
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Erhebungen der Initiative zeigen, dass Führungskräfte disruptive Wettbewerbsveränderungen als größte Chance, makroökonomische Rahmenbedingungen hingegen als größte Bedrohung einstufen. Zudem verzeichnen 96 Prozent eine stärkere Einbindung ihrer Aufsichtsgremien.
Auf internationaler Ebene verabschiedeten Vertreter aus Deutschland, Japan und Thailand die Bangkok-Declaration 2026, um unter anderem widerstandsfähigere Lieferketten und trinationale Investitionskorridore zu etablieren. Hessens Finanzminister Prof. Dr. R. Alexander Lorz hob in diesem Rahmen hervor, dass Resilienz nicht ausschließlich Kosten verursachen dürfe, und plädiert für das Prinzip einer resilienten Interdependenz.
Risikomanagement in Finanzwelt und Informationstechnik
Auch im Finanz- und IT-Sektor steigen die Anforderungen. EZB-Direktor Frank Elderson mahnte auf einer gemeinsamen Konferenz mit der Bank of England an, dass Banken im Euroraum Klima- und Naturrisiken zwar in ihrer Eigenkapitalplanung berücksichtigen, jedoch oft nicht entschlossen genug.
Im internen Kapitaladäquanzprozess (ICAAP) würden lediglich in 15 Prozent der Fälle alle von den Instituten selbst als wesentlich identifizierten Risiken abgedeckt. Elderson forderte den Aufbau verlässlicher Puffer bei Kapital, Liquidität und operativer Kapazität, um auf rasch verlaufende Umwelt- und Technologieumbrüche reagieren zu können.
Im IT-Bereich analysiert die Marktforschungsgesellschaft ISG in ihrem europäischen Nachhaltigkeitsbericht, dass Firmen digitale Vorhaben zunehmend selektiver angehen. Investitionen werden demnach vorrangig auf Maßnahmen gelenkt, die Ausfallsicherheit und betriebliche Widerstandskraft unmittelbar verbessern.
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Belastungen im Gesundheitssektor und auf kommunaler Ebene
Besonders sichtbar wird der Handlungsdruck im Gesundheitswesen. Laut der Roland-Berger-Studie „Future of Health 8“, für die 486 Branchenexperten befragt wurden, messen 81 Prozent der Resilienz von Gesundheitssystemen eine wachsende Bedeutung bei.
Gleichzeitig hält kein einziger Befragter das eigene System für vollkommen vorbereitet auf geopolitische Konflikte. In Europa droht bis 2030 ein Mangel von 4,1 Millionen Gesundheitskräften, während die OECD-Altersabhängigkeitsquote von 31 Prozent im Jahr 2023 auf 52 Prozent im Jahr 2060 steigen soll.
In Deutschland prüft die Bundeswehr bereits Kapazitäten für die Versorgung von bis zu 1.000 schwerverwundeten Soldaten pro Tag. Passend dazu verabschiedete die Bundesapothekerkammer ein Konzeptpapier, um Vor-Ort-Apotheken als krisenfeste Versorgungsanker und Frühwarnsysteme in Notfallpläne einzubinden.
Für die Zivilgesellschaft warnen Branchenverbände wie der Bitkom vor Lücken im Krisenmanagement: Eine umfrage unter 1.004 Personen ergab, dass lediglich 32 Prozent die öffentliche Verwaltung auf hybride Bedrohungen gut vorbereitet sehen. Entsprechende Leitfäden sollen Kommunen und Betrieben nun helfen, organisatorische Vorkehrungen strukturiert hochzufahren.
