Gesundheitssystem, Charité-Chef

Gesundheitssystem: Charité-Chef fordert mehr Digitalisierung und Prävention

Veröffentlicht am: 20.10.2026 um 00:30 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Reformdebatte und Studien zeigen, wie digitale Angebote und Vorbeugung die Versorgung stärken können; beim GeDIG bleiben Datenschutz und Pflegeeinbindung strittig.
Ein heller, minimalistischer Krankenhausflur mit natürlichem Tageslicht und klaren architektonischen Linien. Illustration mit AI erstellt.

Das deutsche Gesundheitssystem steht vor tiefgreifenden strukturellen Belastungen. Nach Einschätzung des Vorstandsvorsitzenden der Berliner Charité, Heyo Kroemer, lässt sich die Versorgung künftig nur noch durch einen konsequenten Ausbau von Digitalisierung und gezielter Prävention aufrechterhalten.

Zugleich mahnte Kroemer zur Vorsicht und warnte vor einer sogenannten Teslaisierung der Medizin. Neben technologischen Weichenstellungen verwies er auch auf die Eigenverantwortung und gab Hinweise für eine dauerhaft gute Gesundheit.

Reformdruck auf die Versorgungsstrukturen wächst

Die Einschätzung aus der Berliner Universitätsmedizin deckt sich mit den Forderungen der Kostenträger. Oliver Blatt vom Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherungen verlangt, Strukturreformen klar auf Prävention und digitale Prozesse auszurichten. Aus Sicht der Kassen müssten entsprechende Gesetzespakete im Jahr 2027 verabschiedet werden, damit die Maßnahmen im Jahr 2028 ihre volle Wirkung in der Praxis entfalten können.

Auch in der Wirtschaftswissenschaft wird dieser Pfad unterstützt. Der Ökonom Boris Augurzky vom RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung bezeichnet Bürokratieabbau, die Reduktion medizinisch unnötiger Behandlungen, eine Stärkung der ambulanten Versorgung sowie den Ausbau präventiver Ansätze als entscheidende Hebel, um das Gesamtsystem finanzier- und steuerbar zu halten.

Gesetzgeberische Weichenstellungen und Kritikpunkte am GeDIG

Auf bundespolitischer Ebene bildet das Gesetz zur Digitalisierung des Gesundheitswesens (GeDIG) das zentrale Handlungsfeld. Nach der ersten Lesung des Kabinettsentwurfs im Bundestag am 7. Oktober 2026 befasste sich der Gesundheitsausschuss am 14. Oktober 2026 in einer öffentlichen Anhörung mit dem Vorhaben. Dabei gaben 31 Verbände sowie fünf von den Fraktionen benannte Sachverständige Stellungnahmen ab, während auch Anträge der Oppositionsparteien beraten wurden.

Während die grundlegende Digitalisierung breite Zustimmung findet, stößt die geplante Erweiterung der Datenverarbeitungsbefugnisse für die Krankenkassen auf deutliche Bedenken. Am 19. Oktober 2026 forderte die AOK in ihrer Stellungnahme zudem, die Potenziale der Krankheitsvermeidung noch entschiedener im Gesetz zu verankern.

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Kritik kommt zudem aus dem Pflegesektor. Die Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege bemängelte, dass die Pflege bei der geplanten digitalen Ersteinschätzung nach Paragraf 360b des Fünften Buches Sozialgesetzbuch bislang unberücksichtigt bleibe.

Pflegeorganisationen müssten verbindlich eingebunden werden, und digitale Werkzeuge dürften weder automatisierte Versorgungsentscheidungen treffen noch persönliche Zugangswege verdrängen.

Für rund 250 nicht ganztägig ambulante Suchtrehabilitations-Einrichtungen, die ab 2027 gesetzlich zur elektronischen Datenübermittlung verpflichtet sind, schlägt die Wohlfahrtspflege einen Kostenausgleich durch Kranken- und Rentenversicherung vor, da die notwendige Software andernfalls nicht finanzierbar sei.

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Praktische Ansätze von Sportinitiativen bis zu klinischen Studien

Dass Prävention im Zusammenspiel mit Bewegung und digitaler Begleitung bereits konkret umgesetzt wird, zeigen Projekte vor Ort. So starteten der 1. FC Union Berlin und die Charité zum Beginn der Berliner Herbstferien eine 30-tägige Mitmachaktion unter dem Titel „move the future“.

Über die Plattform Instagram vermitteln Nachwuchs- und Profisportler tägliche Übungen für Kinder und Jugendliche. Die Initiative wird im Rahmen des Wissenschaftsjahres 2026 vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt gefördert.

Auf wissenschaftlicher Ebene belegen internationale Untersuchungen das Potenzial vernetzter Systeme: Die US-amerikanische eSTEPS-Studie zeigte, dass eine in die elektronische Patientenakte integrierte Entscheidungshilfe für Hausarztpraxen zu knapp 10 Prozent weniger Stürzen bei älteren Menschen führte.

Eine Befragung der Unternehmensberatung Roland Berger unter 486 Fachleuten unterstreicht die Dringlichkeit dieser Ansätze: 81 Prozent der Experten erwarten eine weiter steigende Bedeutung robuster Versorgungsstrukturen, in Deutschland liegt dieser Wort bei 86 Prozent. Gleichzeitig investieren laut Erhebung bereits 43 Prozent der Institutionen in Automatisierung, künstliche Intelligenz und digitale Angebote.

Mehr zum Thema bei Süddeutsche Zeitung: „Charité-Chef: Digitalisierung und Prävention retten das Gesundheitssystem“

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