Gesundheitsrisiko: 26% mit normalem BMI sind tatsächlich adipös
Veröffentlicht am: 20.08.2026 um 18:48 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Der Body-Mass-Index (BMI) galt lange Zeit als Goldstandard zur Bewertung von Gesundheitsrisiken durch Übergewicht. Aktuelle wissenschaftliche Untersuchungen und medizinische Ratgeber deuten jedoch auf einen Paradigmenwechsel hin.
Die Messung des Bauchumfangs sowie des Verhältnisses von Taille zu Hüfte (Waist-to-Hip-Ratio, WHR) oder Taille zu Körpergröße (Waist-to-Height-Ratio, WHtR) erweisen sich in zahlreichen Studien als präzisere Indikatoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und die allgemeine Sterblichkeit.
Die Grenzen des Body-Mass-Index in der Diagnose
Ein zentrales Problem des BMI ist seine Unfähigkeit, zwischen Muskelmasse und Fettgewebe zu unterscheiden. Eine Studie der USC, die in den „Annals of Internal Medicine“ thematisiert wurde, verdeutlicht diese Schwäche: Demnach sind 26 Prozent der Menschen mit einem normalen BMI aufgrund ihres tatsächlichen Körperfettanteils als adipös einzustufen. Bei Personen, die laut BMI lediglich als übergewichtig gelten, liegt dieser Anteil sogar bei 50 Prozent.
Ergänzende Daten der NHANES-Studie, die über 15 Jahre hinweg 4.252 Erwachsene beobachtete, stützen diese Erkenntnisse. Ein hoher Körperfettanteil korrelierte dort mit einem fast doppelt so hohen allgemeinen Sterberisiko und einem mehr als dreifach erhöhten Risiko für einen Herztod, während der BMI kein verlässlicher Prädiktor war. Als kritische Grenzwerte wurden ein Körperfettanteil von mindestens 27 Prozent bei Männern und 44 Prozent bei Frauen identifiziert.
Prognostische Relevanz der Fettverteilung und des Taillenumfangs
Besondere Bedeutung kommt dem viszeralen Fett zu, das die inneren Organe umschließt. Eine im Fachmagazin JACC veröffentlichte Studie aus dem Jahr 2026, die Daten von 259.388 Erwachsenen über einen Zeitraum von 20 Jahren auswertete, zeigt deutliche Zusammenhänge: Personen mit normalem BMI, aber hohem Taillenumfang, wiesen ein um 15 bis 50 Prozent höheres Risiko für Herzinfarkte, Schlaganfälle oder Herzinsuffizienz auf. Im Gegensatz dazu zeigten Personen mit Adipositas laut BMI, aber geringem Taillenumfang, kein entsprechend erhöhtes Risiko.
Experten definieren für die WHR-Werte klare Normen. Bei Frauen gilt ein Wert unter 0,8 als ideal, ab 0,85 wird von einer bauchbetonten Fettverteilung gesprochen. Bei Männern liegt die Grenze bei 0,9; ab einem Wert von 1,0 wird ein erhöhtes gesundheitliches Risiko konstatiert.
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Forscher der Rutgers-Universität wiesen zudem darauf hin, dass der Taillenumfang allein oft genauso präzise Vorhersagen über Diabetes- oder Krebsrisiken erlaubt wie komplexere Kombinationen verschiedener Messwerte.
Auch externe Faktoren beeinflussen die Fettverteilung. So kann Schlafmangel von lediglich vier Stunden pro Tag über zwei Wochen das viszerale Fett bereits um 11 Prozent erhöhen. Eine Studie mit 15.000 Männern ergab zudem, dass Normalgewichtige mit hohem Bauchfettanteil ein 2,42-mal höheres Sterberisiko tragen als Übergewichtige mit einer gleichmäßigen Fettverteilung.
Altersabhängige Unterschiede und neue technologische Ansätze
Besonders im Alter verändert sich die Aussagekraft der Körpermaße. Eine Untersuchung von Medicare-Begünstigten ab 65 Jahren (JAGS-Studie, Datenraum 2011 bis 2024) beobachtete ein sogenanntes Adipositas-Paradoxon: Ein höherer BMI war hier mit einer niedrigeren Sterblichkeit assoziiert.
Ein Taillenumfang von mehr als 40 Zoll bei Männern oder 35 Zoll bei Frauen war hingegen unabhängig vom BMI mit einem um 24 Prozent höheren Sterberisiko verbunden. Fachleute raten älteren Erwachsenen daher verstärkt zu Krafttraining und proteinreicher Ernährung, um die Muskelmasse zu erhalten.
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Zusätzliche Risikofaktoren wie Vitamin-D-Mangel verstärken die Gefahr der Bauchfettleibigkeit. Die ELSA-Studie mit Teilnehmern über 50 Jahren zeigte, dass die Kombination aus einem hohen Taillenumfang und Vitamin-D-Mangel das Sterberisiko um 123 Prozent steigert.
In der medizinischen Forschung werden zudem genetische und technologische Lösungen zur besseren Risikobewertung untersucht. Eine in „Nature“ im August 2026 veröffentlichte Studie identifizierte 59 Gene, die mit dem Verhältnis von Triglyceriden zu HDL-Cholesterin assoziiert sind, wobei bestimmte Varianten (FNIP1) mit niedrigerem viszeralem Fett einhergehen.
Parallel dazu entwickelt Google Research mit PhotoScan AI einen Forschungsprototypen, der mittels Smartphone-Fotos den Körperfettanteil schätzen kann. In Tests war das System mit einer Abweichung von 2,15 Prozentpunkten genauer als herkömmliche bioelektrische Impedanzanalysen.
