Gesundheitsdaten-Krise: Schweiz bricht Projekt ab, Irland investiert 2 Mrd. Euro
Veröffentlicht: 12.07.2026 um 08:43 Uhr, Redaktion boerse-global.de
Die digitale Gesundheitsinfrastruktur in Europa steckt in der Krise. Während die Schweiz ihr gescheitertes Patienten-Dossier neu aufsetzt, kämpfen Großbritannien und Irland mit technischen Pannen und Milliardenkosten.
Schweiz: Das 80-Millionen-Grab wird geschlossen
Nach fast einem Jahrzehnt Entwicklung und hohen Investitionen zieht die Schweiz die Reißleine. Die Schweizer Post kündigte an, ihr Sanela-Angebot für das elektronische Patientendossier (EPD) bis Ende 2026 einzustellen – trotz Investitionen im niedrigen dreistelligen Millionenbereich.
Die Bilanz ist ernüchternd: Der Bund gab seit 2013 rund 80 Millionen Franken für das Projekt aus, die jährlichen Betriebskosten betrugen bis zu 64 Millionen Franken. Doch die Nutzerzahlen stagnierten bei mageren 1,5 Prozent der Bevölkerung. Eine INFRAS-Studie enthüllte zudem, dass 95 Prozent der teilnehmenden Krankenhäuser und Pflegeheime das System nie aktiv nutzten.
Die Konsequenz: Die Regierung plant einen grundlegenden Neustart. Statt des bisherigen Opt-in-Modells soll ein nationaler Schweizer Gesundheitsdatenraum (E-GD) mit Opt-out-Mechanismus und zentralem Betrieb entstehen. Der Wirtschaftsdachverband Economiesuisse drängt auf einheitliche Standards – nur so könne ein funktionierendes Gesundheitsdaten-Ökosystem entstehen.
Nordirland: 12.000 Überweisungsschreiben verschwunden
Auch Großbritannien kämpft mit schweren technischen Problemen. In Nordirland entschuldigte sich Gesundheitsminister Mike Nesbitt öffentlich für den Verlust von 12.000 Überweisungsschreiben im Encompass-System. Seit dem 8. November 2025 generierte das System keine automatischen Briefe mehr für dringende Krebsverdachtsfälle und andere Notfallüberweisungen.
In England tobt derweil ein Streit um die geplante NHS-Einheitspatientenakte, die ab 2027 schrittweise eingeführt werden soll. Ziel ist die Zusammenführung von Hausarzt-, Krankenhaus- und Sozialdaten. Doch die British Medical Association (BMA) warnt vor massiven Datenschutzproblemen. Besonders umstritten: Die Nutzung der Federated Data Platform des US-Konzerns Palantir. Der Vertrag steht vor einer Überprüfung – ein möglicher Ausstieg ist für Februar 2027 vorgesehen. Kritiker bezweifeln, dass die Plattform tatsächlich zu Verbesserungen führt.
Während die Schweiz ihr EPD nach 80 Millionen Franken Verlust einstellt und Irland 2 Milliarden Euro in einen Neustart investiert, steht Ihr Gesundheitsdaten-Projekt vor ähnlichen Risiken. Unser Report zeigt, wie Sie mit den richtigen Standards und Opt-out-Mechanismen Millionenverluste vermeiden. Jetzt kostenlosen Strategie-Report anfordern
Irland und Norwegen: Zwei Milliarden Euro für die digitale Wende
Irland steht vor einer Herkulesaufgabe. Da es kein nationales digitales Patientenaktensystem gibt, gingen in den letzten drei Jahren fast 100.000 juristische Anträge auf Herausgabe physischer Gesundheitsakten ein. Die Lösung: der "One Health Record"-Plan des Health Service Executive (HSE) mit geschätzten Kosten von zwei Milliarden Euro.
Der Health Information Bill 2024 schafft die rechtliche Grundlage für die Einführung einer Patienten-App und regionaler elektronischer Gesundheitsakten. Das Ziel: Bis 2030 sollen 80 Prozent der Iren digitalen Zugriff auf ihre Gesundheitsdaten haben – im Einklang mit den EU-Vorgaben.
Norwegen rüstet sich derweil für 2027. In Mittelnorwegen wurden bereits 450.000 veraltete Rezepte aus dem System entfernt. Grund ist die Einführung der Pasientens legemiddelliste (PLL) – eine Echtzeit-Medikamentenübersicht, die Ärzten und Pflegekräften einen einheitlichen, aktuellen Blick auf alle Patientenmedikamente ermöglicht. Neu hinzu kommen Antibiotika-Schnelllisten.
EU-Ebene: TEHDAS2 liefert Blaupause für den Datenraum
Auf europäischer Ebene nimmt der Europäische Gesundheitsdatenraum (EHDS) Gestalt an. Das TEHDAS2-Projekt veröffentlichte zehn Leitlinien und technische Spezifikationen – von Datenpseudonymisierung über Gebührenstrukturen bis zu Anforderungen an sichere Verarbeitungsumgebungen. Eine Abschlusskonferenz ist für den 16. November 2026 in Brüssel geplant.
Der EU-Gesundheitsdatenraum (EHDS) kommt – und mit ihm neue Compliance-Pflichten. Wer jetzt nicht auf TEHDAS2-konforme Pseudonymisierung und sichere Verarbeitungsumgebungen setzt, riskiert regulatorische Strafen. Unser Whitepaper liefert die technischen Spezifikationen für einen reibungslosen Übergang. EU-EHDS-Whitepaper jetzt sichern
Privatwirtschaft macht Druck
Während öffentliche Systeme umstrukturieren, treibt die Privatwirtschaft eigene Lösungen voran. In Spanien startete die Stiftung Fundación IDIS den Privaten Gesundheitsdatenraum (EDSP) , der 14 Einrichtungen vernetzt. Das Modell setzt auf Sekundärdatennutzung und ist auf Anschluss an den EHDS ausgelegt. Finanziert über EU-Mittel aus NextGenerationEU, nutzt das System einen Metadatenkatalog, der Datensouveränität sichert und gleichzeitig autorisierten Zugriff für medizinische Forschung und KI-Projekte ermöglicht.
Disclaimer zu unseren Artikeln: Keine Anlageberatung, keine Kauf oder Verkaufsempfehlung. Angaben zu Kursen, Unternehmen und Märkten ohne Gewähr; Änderungen jederzeit möglich. Börsengeschäfte können zu hohen Verlusten führen. Unsere Beiträge werden ganz oder teilweise automatisiert mit Unterstützung von AI erstellt und geprüft.
