Gesunde Lebensjahre in der EU: Soziale Kluft beträgt bis zu 18 Jahre
Veröffentlicht am: 03.11.2026 um 15:18 Uhr | Redaktion boerse-global.deTrotz eines insgesamt hohen Lebensstandards klafft beim Thema Gesundheit in der Europäischen Union eine tiefgreifende soziale Kluft. Ein gemeinsamer Bericht des Centre for Health Equity Analytics und der Organisation EuroHealthNet verdeutlicht die strukturellen Diskrepanzen: Sozioökonomisch benachteiligte Gruppen in der EU weisen eine um bis zu acht Jahre kürzere Lebenserwartung auf als privilegierte Bevölkerungsschichten. Bei den in guter Gesundheit verbrachten Lebensjahren vergrößert sich dieser Abstand sogar auf bis zu 18 Jahre.
Deutliche Diskrepanzen im allgemeinen Wohlbefinden
Im Durchschnitt erreichen die Menschen in der Europäischen Union zwar eine Lebenserwartung von 81 Jahren, und Daten von Eurostat zufolge bewerten zwei von drei Bürgern über 16 Jahren ihren Gesundheitszustand als gut oder sehr gut. Hinter diesen Mittelwerten verbergen sich jedoch erhebliche Unterschiede zwischen und innerhalb der Mitgliedstaaten.
Auswertungen des Berichts zufolge sank der Anteil der Menschen mit einem guten oder sehr guten subjektiven Gesundheitszustand in Schweden seit 2021 um 6,1 Prozent.
Nach Erkenntnissen des European Social Survey (ESS) 2023/24 schätzt zudem jeder dritte Befragte in der EU die eigene Gesundheit als mittelmäßig bis sehr schlecht ein, was knapp zwei Prozent weniger sind als im Zeitraum 2013/14. Jeder achte Teilnehmer berichtete von einer schlechten mentalen Gesundheit; in Portugal und Litauen war sogar jede vierte Person davon betroffen.
Lediglich in Polen und Slowenien zeigte sich die Bevölkerung gesünder als zehn Jahre zuvor. Als eine Gegenmaßnahme zur Reduzierung dieser gesundheitlichen Schieflage empfiehlt der Bericht unter anderem die Einführung eines Mindesteinkommens.
Finanzielle Hürden und funktionale Einschränkungen
Zahlen der europäischen Statistikbehörde Eurostat für das Bezugsjahr 2025 untermauern den direkten Zusammenhang zwischen materieller Benachteiligung und körperlichen Beeinträchtigungen. Bei armutsgefährdeten Menschen in der EU klagten 24,9 Prozent über mittelschwere bis schwere Gehschwierigkeiten, verglichen mit 16,9 Prozent bei Personen ohne Armutsgefährdung.
Erinnerungs- und Konzentrationsprobleme zeigten sich bei 20,6 Prozent der Armutsgefährdeten gegenüber 14,5 Prozent in der Vergleichsgruppe. Schwierigkeiten bei der alltäglichen Selbstversorgung wurden von 10,1 Prozent gegenüber 5,8 Prozent gemeldet, Sehprobleme von 23,8 Prozent im Vergleich zu 18,9 Prozent.
Wer sich mit dem Thema Gesundheit befasst, sollte auch die Bedeutung der eigenen Blutwerte kennen, um Risiken frühzeitig zu minimieren. Dieser kostenlose Report erklärt verständlich, welche Werte wirklich wichtig sind und wie Sie Ihre Vitalstoff-Versorgung gezielt optimieren können. Kostenlosen Laborwerte-Selbstcheck jetzt sichern
Gleichzeitig erschweren finanzielle Barrieren den Zugang zu Hilfsangeboten. Laut Eurostat gaben 19,1 Prozent der von Armut bedrohten Personen an, dass die medizinische Versorgung eine schwere finanzielle Belastung für sie darstelle. Bei den nicht armutsgefährdeten Bürgern lag dieser Anteil bei 12,5 Prozent.
Im untersten Einkommensfünftel stuften 18,7 Prozent die Ausgaben für das Gesundheitssystem als schwere Bürde ein, während es im obersten Fünftel 8,5 Prozent waren. Auch zwischen den Mitgliedstaaten zeigen sich extreme Unterschiede: Während in Italien 47,6 Prozent der Betroffenen über diese finanzielle Belastung berichteten, waren es in Slowenien lediglich 5,6 Prozent.
Besonders bei Konzentrationsproblemen und der allgemeinen geistigen Fitness ist präventives Handeln entscheidend für die Lebensqualität im Alter. Erfahren Sie in diesem kostenlosen Ratgeber, mit welchen 11 Alltagsübungen Sie Ihr Gehirn aktiv stärken und Demenz gezielt vorbeugen können. Gratis-Ratgeber Gehirntraining hier herunterladen
Ungleiche Lebensbedingungen in der Gesundheitspolitik
Fachleute weisen auf die politischen Ursachen dieser Schieflage hin. Die Gesundheitspolitik-Beraterin Katri Bertram kritisierte, die Gesundheitsbudgets auf EU-Ebene seien mickrig bemessen und die Mitgliedstaaten zeigten sich nicht bereit, gleiche Gesundheitschancen ausreichend zu finanzieren.
Bertram verdeutlichte das geografische Gefälle mit dem Hinweis, dass eine Spanierin eine um rund 18 Jahre längere Lebenserwartung habe als ein Mann in Bulgarien. Behörden wie das ECDC und die Krisenbehörde HERA seien zudem unterfinanziert und personell schwach ausgestattet, da die Mitgliedstaaten höheren Budgetvorschlägen der EU-Kommission nicht zugestimmt hätten.
Auch regionale Auswertungen, wie gemeinsame Erhebungen der regionalen Gesundheitsdienste, des Statistikamts CBS und des RIVM in den Niederlanden, bestätigen dieses Muster: Bei einer landesweit durchschnittlichen gesunden Lebenserwartung von 63 Jahren variieren die Werte je nach Region um bis zu 20 Jahre.
