Gesunde Ernährung: 2,69 Milliarden Menschen können sie sich nicht leisten
Veröffentlicht am: 25.10.2026 um 22:13 Uhr | Redaktion boerse-global.deDie Umsetzung evidenzbasierter Ernährungsempfehlungen scheitert im Alltag zahlreicher Menschen zunehmend an ökonomischen Hürden und Umweltfaktoren. Wie medizinische Fachkräfte und Fachorganisationen betonen, reichen bloße Ratschläge zur Lebensweise oft nicht aus, um das Ernährungsverhalten nachhaltig zu verändern.
Nach Angaben des UN-Berichts „The State of Food Security and Nutrition in the World 2026“ konnten sich im Jahr 2025 weltweit rund 2,69 Milliarden Menschen keine gesunde Ernährung leisten.
Bei diesem Wert handelt es sich um eine globale Schätzung, die nicht direkt auf einzelne Staaten übertragbar ist. Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) verweist darauf, dass Essgewohnheiten maßgeblich von Einkommen, Preisen und dem individuellen Lebensumfeld bestimmt werden.
Steigende Kosten, Extremwetter und globale Marktstrukturen
Obwohl die weltweite Gesamtzahl der Personen, die keinen Zugang zu einer bezahlbaren gesunden Ernährung haben, gegenüber dem Jahr 2021 zurückgegangen ist, stieg der durchschnittliche Preis für den entsprechenden Warenkorb.
Neben allgemeinen Preistreibern wie Energiekosten, geopolitischen Konflikten, Transportaufwendungen und handelspolitischen Vorgaben belasten vor allem klimatische Extreme die Versorgung. Dürren und Überschwemmungen führen regelmäßig zu Schäden an landwirtschaftlichen Ernten, Infrastrukturen und Lieferketten.
Auf strukturelle Verwerfungen verweisen auch Analysen aus Wissenschaft und Nichtregierungsorganisationen. Ana Laura González Alejo von der Nationalen Autonomen Universität von Mexiko (UNAM) legte dar, dass Ernährung durch Wirtschaftspolitik, Handelsketten und Unternehmensinteressen strukturiert werde.
Seit den 1980er-Jahren begünstige ein korporatives Regime den Vormarsch ultraverarbeiteter Produkte, während traditionelle Ernährungsweisen geschwächt würden. Mexiko zählte demnach im Zeitraum von 1999 bis 2013 zu den führenden Konsumenten solcher Erzeugnisse weltweit.
Benjamín Ajuria Muñoz (UNAM) wies zudem darauf hin, dass Lateinamerika zwar für 14 Prozent der weltweiten Nahrungsproduktion aufkomme, jedoch nur 8 Prozent der Weltbevölkerung stelle, was Probleme eines ungleichen Güteraustauschs verdeutliche.
Shalmali Guttal von der Organisation „Focus on the Global South“ kritisierte im Rahmen von UN-Gremien eine zunehmende Ausrichtung an Marktmechanismen und warnte vor der Konzentration von Konzernmacht über Märkte, Saatgut und Landflächen. Papst Leo XIV. mahnte in diesem Zusammenhang eine an Nachhaltigkeit und Gemeinwohl orientierte globale Ernährungsordnung an, in der der Zugang zu Lebensmitteln und Trinkwasser als Menschenrecht gewahrt bleibe.
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Folgen für Privathaushalte und das Gesundheitssystem
Auf Haushaltsebene führt finanzieller Druck häufig zu einer Verhaltensänderung beim Einkauf. In italienischen Familien mit knappem Budget zeigt sich, dass vermehrt zu billigeren sowie haltbareren Lebensmitteln gegriffen wird, während frisches Obst und Gemüse reduziert werden.
Die argentinische Ernährungswissenschaftlerin Vanesa Choren betonte, dass Nahrungsmittelunsicherheit die Realität vieler Haushalte bestimme und ultraverarbeitete Produkte von der Industrie oft als bequeme Alternative vermarktet würden.
Alejandra Arévalo, Präsidentin der regionalen Ernährungsorganisation Colegio de Nutricionistas de Misiones, warnte vor den medizinischen Konsequenzen eines einseitigen, krisenbedingten Konsums von Mehlprodukten. Ein solches Ausweichverhalten begünstige Übergewicht, Fettstoffwechselstörungen, Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen bereits im jüngeren Alter.
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Fachleute raten einkommensschwachen Haushalten daher unter anderem zu systematischer Wochenplanung, dem Einkauf auf lokalen Märkten und dem gezielten Rückgriff auf saisonale Produkte sowie kostengünstige Proteinquellen wie Eier oder Hülsenfrüchte.
Grenzen der Beratung in der klinischen Versorgung
Auch im direkten medizinischen Behandlungsalltag stehen Diätassistenten und Ärzte vor komplexen Hürden. Neben personellen Engpässen und Zeitmangel erschweren sprachliche und kulturelle Unterschiede die Weitergabe von Ratschlägen.
In Fachkreisen wird darauf hingewiesen, dass standardisierte Ernährungsmodelle lokale Traditionen übergehen können. In der Onkologie erfordert die Erstellung von Ernährungsplänen aufgrund von Nebenwirkungen wie Schluckbeschwerden oder Appetitlosigkeit zudem oft stundenlange Anpassungen.
Forschungsdaten zur niederländischen „Zorgmodule Voeding“ unterstreichen, dass reine Wissensvermittlung selten ausreicht; Verhaltensänderungen gelingen vor allem durch gemeinsame Entscheidungsfindung und ein unterstützendes Umfeld. Der „Global Nutrition Report 2026“ sowie Berufsverbände fordern vor diesem Hintergrund eine stärkere Verzahnung von Ernährungssystemen, Sozialschutz und klinischer Gesundheitsversorgung.
