Gesichtserkennung scheitert: Jalil Richardson 3 Monate zu Unrecht im Gefängnis
31.05.2026 - 04:54:17 | boerse-global.de
Allein Ende Mai 2026 wurden gleich mehrere Weichenstellungen bekannt, die zeigen: Gesichtserkennung wird zum Standardinstrument an Grenzen und in Ermittlungen – obwohl die Technologie immer wieder Menschen falsch identifiziert.
Großbritannien plant KI-Altersschätzung an den Grenzen
Das britische Innenministerium treibt die Pläne für eine automatisierte Alterserkennung per KI voran. Am 29. Mai 2026 vergaben die Behörden einen Auftrag über rund 370.000 Euro an die Firma Akhter Computers Ltd, die mit dem deutschen Unternehmen Cognitec zusammenarbeitet. Ab 2027 soll die Technologie am Dover Reception Centre getestet werden.
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Ziel ist es, erwachsene Asylbewerber zu identifizieren, die sich als Minderjährige ausgeben. Die Zahlen geben dem Vorhaben Auftrieb: Von rund 6.400 Altersfeststellungen im Jahr bis März 2026 stellte sich bei 43 Prozent der Antragsteller heraus, dass sie volljährig waren.
Doch die Kritik ist massiv. Menschenrechtsorganisationen wie Human Rights Watch warnen, dass traumatische Erlebnisse das Erscheinungsbild verändern können. Zudem wurden 17 Prozent der Volljährigkeits-Feststellungen später in der Berufung aufgehoben.
Schweden erlaubt Live-Gesichtserkennung im öffentlichen Raum
Noch einen Schritt weiter geht Schweden. Das Parlament verabschiedete am 29. Mai 2026 ein Gesetz, das der Polizei ab dem 1. Juli 2026 den Einsatz von Live-Gesichtserkennung (LFR) in der Öffentlichkeit erlaubt. Die Maßnahme gilt für schwere Straftaten, Entführungen und unmittelbare Lebensgefahren.
Normalerweise brauchen die Beamten eine richterliche Anordnung. In dringenden Fällen dürfen sie die Technologie jedoch 24 Stunden lang ohne Genehmigung einsetzen – die muss dann nachträglich eingeholt werden. Hintergrund ist eine Welle von Bandengewalt, der in drei Jahren 23 Unbeteiligte zum Opfer fielen.
USA: Schwere Pannen erschüttern Vertrauen
Während die Technologie ausgebaut wird, mehren sich die Justizfälle, die ihre Unzuverlässigkeit belegen. Ende Mai 2026 wurde bekannt, dass Beamte des Heimatschutzministeriums (DHS) bei Einwanderungskontrollen eine App namens Mobile Fortify nutzen.
Ein Fall sorgt für besondere Aufmerksamkeit: Eine festgenommene Frau wurde mit der App dreimal gescannt – jedes Mal mit einem anderen Ergebnis. Keiner der Treffer stimmte mit ihrer tatsächlichen Identität überein. Diese wurde erst in einer Verarbeitungseinrichtung zweifelsfrei festgestellt. Ihre Anwältin Nelly Garcia Orjuela stellt nun die Frage, ob solche Scans nicht eine Durchsuchung darstellen – und damit das Grundgesetz verletzen.
Noch dramatischer ist der Fall von Jalil Richardson in North Carolina, der am 29. Mai 2026 ans Licht kam. Ein KI-System des Sheriff-Büros von Jacksonville identifizierte ihn mit 85-prozentiger Übereinstimmung als Autodiebstahl-Verdächtigen. Richardson saß fast drei Monate im Gefängnis. Erst als seine Arbeitszeitnachweise belegten, dass er zum Tatzeitpunkt in einem anderen Bundesstaat arbeitete, wurden die Anklagen fallengelassen. Zu spät: Seine Familie verlor Haus und Job.
Geheime Überwachungsnetzwerke in Osteuropa und Asien
Eine am 28. Mai 2026 veröffentlichte Untersuchung deckte auf, dass das serbische Innenministerium seit Jahren russische und japanische Gesichtserkennungssoftware einsetzt – ohne klare rechtliche Grundlage. Konkret geht es um FindFace Multi des russischen Anbieters NtechLab und NeoFace Watch von NEC aus Japan.
Die russische Software schafft 13,4 Millionen Vergleiche pro Sekunde und kann soziale Kontaktnetzwerke kartieren. Das japanische System liefert selbst unter schlechten Bedingungen hohe Trefferquoten. Eingeführt wurden die Systeme, nachdem spezifische Biometrie-Regeln aus einem Polizeigesetz gestrichen worden waren – aus politischer Rücksichtnahme.
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In China rüstet die Polizei derweil ihre Überwachungskameras mit KI-Sprachmodellen und vorausschauender Polizeiarbeit auf. Neue Systeme von Hikvision und Huawei erkennen Verhaltensauffälligkeiten und ermöglichen textbasierte Videosuchen. Pro Bezirk sollen die Kosten zwischen einer und zehn Millionen Yuan liegen – umgerechnet rund 130.000 bis 1,3 Millionen Euro.
Warnungen von Sozialarbeitern und Menschenrechtlern
Während Befürworter auf mehr Sicherheit und effizientere Grenzkontrollen verweisen, schlagen Organisationen Alarm. Der British Association of Social Workers und Human Rights Watch zufolge gefährden die Systeme besonders schutzbedürftige Gruppen. Die langfristige Erosion der Privatsphäre sei absehbar – und mit jeder neuen Panne werde deutlicher, dass die Technologie noch nicht reif für den flächendeckenden Einsatz sei.
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