Gerechtigkeitsempfinden: Bertelsmann-Studie misst nur 25 von 100 Punkten
Veröffentlicht am: 29.09.2026 um 07:39 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Das Gerechtigkeitsempfinden in der deutschen Bevölkerung hat einen neuen Tiefpunkt erreicht. Laut dem Religionsmonitor 2026 der Bertelsmann Stiftung liegt der entsprechende Wert bei lediglich 25 Punkten auf einer Skala von 0 bis 100. Dies stellt den niedrigsten Stand seit Beginn der Untersuchungsreihe im Jahr 2017 dar.
Gleichzeitig verharrt das Vertrauen in die Bundesregierung auf einem gedämpften Niveau von 37 Punkten, was dem Stand von 2023 entspricht. Die Erhebung basiert auf einer Befragung von 5.231 Erwachsenen, die das Infas-Institut im März durchführte.
Widersprüchliche Signale beim gesellschaftlichen Zusammenhalt
Trotz des schwindenden Vertrauens in die gesellschaftliche Gerechtigkeit liefert die Erhebung der Bertelsmann Stiftung auch gegenläufige Trends. So verbesserte sich der gesellschaftliche Zusammenhalt, gemessen anhand von neun Indikatoren auf einer Skala von 0 bis 100 Punkten, von 46 Punkten im Jahr 2023 auf nunmehr 51 Punkte. Zugleich zeigt die Bevölkerung ein anhaltendes Interesse am Gemeinwesen: Das politische Interesse kletterte auf einen Wert von 65 Punkten.
Im Rahmen der Untersuchung hob Stiftungsexpertin Yasemin El-Menouar hervor, dass Religiosität in diesem Gefüge eine relevante soziale Ressource darstelle. Das Spannungsfeld zwischen einem stabilisierten Miteinander im Nahbereich und der tiefen Skepsis gegenüber übergeordneten Strukturen prägt das aktuelle Stimmungsbild.
Pessimismus und wahrgenommene Spaltungslinien
Ergänzende Befunde zeichnen ein ähnlich kritisches Bild der gesellschaftlichen Verfassung. Eine Eigenstudie der smart insights GmbH, für die vom 3. bis 9. September 2026 insgesamt 1.044 Personen im Alter von 16 bis 75 Jahren online befragt wurden, verdeutlicht die wahrgenommenen Gräben im Land.
Lediglich 10,7 Prozent der Befragten halten Deutschland für geeint, während 50,4 Prozent das Land als nicht geeint wahrnehmen. Diese Skepsis ist regional nahezu identisch verteilt, mit 50,5 Prozent im Westen und 50,3 Prozent im Osten.
Die aktuelle Erhebung zeigt ein gespaltenes Bild: Das Gerechtigkeitsempfinden liegt bei 25 von 100 Punkten, während der gesellschaftliche Zusammenhalt im Nahbereich auf 51 Punkte gestiegen ist. Unser kostenloser Leitfaden ordnet diese Befunde ein und zeigt, wie Vertrauen und Dialog vor Ort konkret gestärkt werden können. Kostenlosen Leitfaden zum gesellschaftlichen Zusammenhalt anfordern
Als maßgebliche Trennlinien nannten die Befragten vor allem Migration und Integration mit 50,6 Prozent sowie politische Gegensätze mit 50,5 Prozent, dicht gefolgt von der Kluft zwischen Arm und Reich mit 48,5 Prozent. Unterschiede zwischen Ost und West wurden von 30,1 Prozent angeführt, wobei dieser Aspekt im Osten mit 45,1 Prozent deutlich stärker gewichtet wird als im Westen mit 26,7 Prozent.
Die Zukunftsaussichten werden überwiegend skeptisch bewertet: 55,0 Prozent blicken pessimistisch nach vorn, während nur 9,5 Prozent Optimismus äußern. Auf die Frage, wie Deutschland als Person wahrgenommen werde, stuften 75,5 Prozent das Land als bürokratisch und 53,7 Prozent als langsam ein. Sympathisch finden das Land 25,2 Prozent, unsympathisch 31,4 Prozent.
Sinkendes Vertrauen in staatliche Institutionen
Die wachsende Distanz zu staatlichen Institutionen wird durch weitere Erhebungen untermauert. Der eGovernment MONITOR 2026 zeigt auf, dass nur noch 32 Prozent der Befragten großes oder sehr großes Vertrauen in den Staat besitzen. Das Vertrauen in Behörden sank von 37 Prozent im Vorjahr auf 34 Prozent.
Bei Bürgerinnen und Bürgern, die mit den staatlichen Leistungen zufrieden sind, liegt das Vertrauen in den Staat bei 63 Prozent, während es bei Unzufriedenen lediglich 27 Prozent beträgt. 58 Prozent empfinden den Kontakt mit Behörden meist als anstrengend, und nur 15 Prozent sehen ihre Erwartungen an eine moderne digitale Verwaltung erfüllt.
Dass der Vertrauensverlust tiefgreifende Ursachen hat, belegt auch eine wissenschaftliche Untersuchung der Universität Bamberg und des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung.
Nur 32 Prozent der Befragten bringen dem Staat noch großes Vertrauen entgegen, und 58 Prozent empfinden den Behördenkontakt als anstrengend. Wer den Vertrauensverlust nicht nur beklagen, sondern im eigenen Wirkungskreis bearbeiten will, findet in unserem Leitfaden eine Checkliste für den Vertrauensaufbau und fünf Dialog-Ansätze. Checkliste und Dialog-Ansätze jetzt sichern
Die Autoren analysierten Daten des PASS-Panels und stellten fest, dass das Vertrauen in demokratische Institutionen wie Parteien, Bundesregierung, Bundesverfassungsgericht und Polizei zwischen 2019 und 2023 in allen untersuchten Einkommensgruppen sank – ungeachtet dessen, dass die realen Stundenlöhne in der Niedriglohngruppe unter 12 Euro im selben Zeitraum um rund 18 Prozent gestiegen waren.
Die Diskrepanz zwischen wirtschaftlichen Teilindikatoren und dem gefühlten Zustand des Gemeinwesens bleibt damit eine der zentralen Herausforderungen für die gesellschaftliche Stabilität.
