Gendermedizin, Deutschland

Gendermedizin: Deutschland hat nur eine Professur für das Fach

Veröffentlicht am: 07.10.2026 um 01:09 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Fachleute fordern mehr geschlechtersensible Medizin; die Bundesregierung will Anfang 2027 einen Entwurf zum Präventionsgesetz vorlegen.

Gendermedizin: Große Versorgungslücken und geplante Reformschritte
Ein leerer, modern gestalteter Hörsaal in einer Universität mit einer leeren Projektionsfläche und natürlichem Lichteinfall. Illustration mit AI erstellt.

Geschlechterspezifische Aspekte spielen in der medizinischen Versorgung und Forschung eine wachsende Rolle, schlagen sich im Versorgungsalltag jedoch bislang nur punktuell nieder.

Beim Forum Gender und Gesundheit am 5. Oktober 2026 in Berlin betonten Fachleute, dass biologische und soziale Geschlechterunterschiede dringend systematisch in Prävention, Anamnese und der medizinischen Ausbildung berücksichtigt werden müssen. Bislang weisen klinische Leitlinien, akademische Lehrpläne sowie Präventionsprogramme erhebliche Lücken auf.

Geringe Verankerung in der universitären Ausbildung

Ein wesentliches Hindernis für einen flächendeckenden Wandel liegt in den universitären Strukturen. Laut Christine Aschenberg-Dugnus gibt es in ganz Deutschland derzeit lediglich eine einzige Vollprofessur für Gendermedizin. Die Vermittlung geschlechterspezifischer Lehrinhalte hängt daher häufig von Einzelinitiativen der jeweiligen Fakultäten ab.

So bietet die Universität zu Lübeck seit dem Sommersemester 2026 eine eigene Vorlesung zur Gendermedizin an, um angehende Ärztinnen und Ärzte für Differenzen bei Symptomen, Pharmakokinetik und Krankheitsverläufen zu sensibilisieren.

Diagnostische Lücken und geschlechtsspezifische Risiken

In der klinischen Praxis und Diagnostik bleiben viele geschlechtsspezifische Faktoren unberücksichtigt. Fachleute unterstrichen auf der Berliner Veranstaltung, dass Schwangerschaftskomplikationen sowie die Menopause entscheidende Hinweise auf spätere Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Frauen liefern können. Trotz dieser bekannten Zusammenhänge fehlen geschlechterspezifische Blutdruckdaten bislang in den entsprechenden medizinischen Leitlinien.

Gleichzeitig betreffen Versorgungsdefizite auch Männer. Während Fachleute eine urologische Vorsorge für Männer ab einem Alter von 45 Jahren anraten und das PSA-Screening zur Früherkennung empfehlen, wird diese Untersuchung bislang nicht als Standardleistung von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen.

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Unterschiede im Immunsystem und bei Impfungen

Wie tiefgreifend Geschlechterunterschiede bis in die Immunologie hineinreichen, zeigen Forschungsarbeiten der Uniklinik Jena. Die Wissenschaftler fordern, Alter und biologisches Geschlecht bei Impfzeitpunkten und Dosierungen stärker einzubeziehen.

Frauen zeigen den Auswertungen zufolge häufig stärkere Impfreaktionen als Männer. Bei Männern wiederum nimmt eine wesentliche T-Zell-Art mit den Jahren schneller ab, was zu einer erhöhten Anfälligkeit für Infektionskrankheiten im höheren Lebensalter führt.

Als mögliches Rechenbeispiel – ausdrücklich ohne bereits geltende Empfehlung – führten die Forschenden an, dass Männer bestimmte Schutzimpfungen künftig bereits ab einem Alter von 50 Jahren erhalten könnten, während Frauen diese erst ab 55 oder 60 Jahren empfohlen werden könnten. Die Datengrundlage dieser Analysen stammt aus Untersuchungen, die während der Corona-Pandemie an etwa 230 Männern und Frauen in Neustadt am Rennsteig erhoben wurden.

Ökonomische Dimension und gesundheitspolitische Vorhaben

Die mangelnde Berücksichtigung von Geschlechterunterschieden hat zudem erhebliche gesamtwirtschaftliche Auswirkungen. Laut einem Whitepaper des McKinsey Health Institute könnte das Schließen der medizinischen Datenlücke zwischen Frauen und Männern der Weltwirtschaft bis zum Jahr 2040 ein zusätzliches Wachstum von einer Billion US-Dollar jährlich einbringen.

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Für Männer ab 45 wird urologische Vorsorge empfohlen, das PSA-Screening ist jedoch keine Kassenleistung — und bei Frauen fehlen geschlechtsspezifische Blutdruckdaten in den Leitlinien. Wer diese Lücken in der eigenen Praxis schließen will, findet in unserer Checkliste die wichtigsten Stellschrauben. Checkliste geschlechtsspezifische Diagnostik sichern

Die Analyse warnt davor, dass historisch männlich geprägte Datensätze die Versorgung verschlechtern und der zunehmende Einsatz von künstlicher Intelligenz diese Verzerrungen ohne Gegensteuerung noch verstärken könnte.

Auf politischer Ebene kündigte Christiane Schenderlein, Staatssekretärin im Bundesgesundheitsministerium, am 5. Oktober 2026 an, dass die Bundesregierung nach Beratungen mit Verbänden und weiteren Akteuren Anfang 2027 einen Entwurf für ein weiterentwickeltes Präventionsgesetz vorlegen will. Dieser Rahmen könnte neue Grundlagen schaffen, um zielgruppenspezifische Vorsorgekonzepte verbindlicher im deutschen Gesundheitssystem zu verankern.

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