Gemüsebrühen im Test: Fünf von 27 Produkten fallen deutlich durch
Veröffentlicht am: 24.09.2026 um 12:42 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Nahrungsergänzungsmittel gelten vielen Verbrauchern als harmlose Gesundheitshelfer. Mehrere aktuelle Berichte relativieren dieses Bild: Sie zeigen, dass sowohl der Nutzen als auch die Risiken solcher Präparate stark vom Einzelfall abhängen – und dass auch alltägliche Lebensmittel Belastungen aufweisen können, die selten im Fokus stehen.
Vitamin B12: Zwischen Notwendigkeit und Übervorsicht
Ein besonders eindrückliches Beispiel für die Gefahren eines unerkannten Mangels lieferte ein Fall aus Hangzhou in China, über den die Southern Metropolis Daily und Guangdong Radio and Television berichteten.
Eine 42-jährige Frau, die sich drei Jahre lang rein pflanzlich ernährt hatte, entwickelte durch einen schweren B12-Mangel eine subakute kombinierte Degeneration des Rückenmarks. Sie ist kaum noch gehfähig, lebenslange Folgen sind laut Bericht möglich. Ein Fallbericht in einer Fachzeitschrift mit Laborwerten liegt bislang nicht vor.
Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) verweist darauf, dass der Körperspeicher an B12 liegt zwischen 2 und 5 Milligramm liegt, während der Tagesbedarf bei nur 4 Mikrogramm liegt – ein Missverhältnis, das erklärt, warum sich ein Mangel oft erst nach Jahren bemerkbar macht.
Eine Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2021, die 66 Fälle auswertete, kam zu dem Ergebnis, dass knapp 90 Prozent der noch selbstständig gehfähigen Betroffenen sich vollständig erholten. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) hält vegane Ernährung seit 2024 für gesundheitsfördernd, allerdings unter der Bedingung, dass ein B12-Präparat eingenommen wird.
Eine BfR-Studie aus Berlin aus dem Jahr 2020 zeigte zudem, dass 92 Prozent der veganen Teilnehmenden tatsächlich B12 supplementierten und ihr Status dadurch nicht schlechter war als bei Mischköstlern.
Eine Meta-Analyse aus dem Jahr 2024 (Niklewicz et al., Nutrition Bulletin) mit 19 ausgewerteten Studien bestätigte, dass Veganer mit B12-Supplementierung bei allen vier untersuchten Markern deutlich bessere Werte aufwiesen als ohne Supplementierung.
Gleichzeitig warnen das BfR und gesund.bund.de vor dauerhaft unnötig hoher Einnahme ohne ärztlichen Grund. Hochdosierte Präparate mit 500 bis 1000 Mikrogramm pro Dosis sind zwar wasserlöslich und werden über die Nieren ausgeschieden, gelten aber vor allem für bestimmte Risikogruppen als sinnvoll: bei nachgewiesenem Mangel, gestörter Darmaufnahme etwa nach Magenoperationen, veganer Ernährung, der Einnahme von Metformin oder Protonenpumpenhemmern sowie im höheren Alter.
Eine Übersichtsarbeit im Deutschen Ärzteblatt aus dem Jahr 2021 kam zu dem Schluss, dass gerade ältere Menschen und chronisch Magen-Darm-Erkrankte häufiger von einer gezielten hochdosierten Substitution profitieren.
Kreatin, Lithium Orotate und die Frage der Reinheit
Auch bei etablierten Supplementen wie Kreatin-Monohydrat rückt die Produktqualität in den Vordergrund. Der Berliner Anbieter Sunday Natural bewirbt Varianten mit unterschiedlichen Reinheitsgraden – von 99,9 Prozent bei mikronisiertem Creavitalis® und Creapure® bis 99,7 Prozent bei einer günstigeren, vegan synthetisierten Variante.
Wissenschaftlich belegt ist demnach, dass 3 Gramm Kreatin täglich bei Erwachsenen über 55 Jahren den Krafttrainingseffekt steigern können – vorausgesetzt, es wird mindestens dreimal wöchentlich mit einer Intensität von 65 bis 75 Prozent des Einwiederholungsmaximums trainiert.
Deutlich unklarer ist die Lage bei Lithium Orotate, einem Salz aus Lithium und Orotsäure, das international als niedrig dosiertes Nahrungsergänzungsmittel erhältlich ist.
Was Ihre Blutwerte wirklich über Ihren Versorgungsstatus aussagen, ist für viele Menschen oft schwer zu durchschauen. Dieser kostenlose Report erklärt verständlich, welche Werte wirklich wichtig sind und wie Sie Ihre Gesundheit durch gezielte Vorsorge schützen. Laborwerte-Selbstcheck: Jetzt kostenlosen Report sichern
Eine kleine Studie mit neun gesunden Männern zeigte, dass sich nach täglicher Einnahme von 5 Milligramm Lithium aus Lithiumorotat über maximal 28 Tage Lithium im Gehirn nachweisen ließ. Problematisch ist dabei, dass bei Produktangaben wie „1 mg“ oder „5 mg“ oft unklar bleibt, ob elementares Lithium oder die Gesamtverbindung gemeint ist.
Ein Produkt aus dem Bereich Tiergesundheit, das über Shop Apotheke vertrieben wird, enthält 0,5 Milligramm elementares Lithium pro Milliliter bei einer Reinheit von über 98,5 Prozent – ist in der EU jedoch weder als Lebensmittel noch als Nahrungsergänzungsmittel zugelassen und nicht für den Verzehr bestimmt.
Verschreibungspflichtige Lithiumsalze wie Lithiumcarbonat, die in der Medizin etwa bei bipolaren Störungen eingesetzt werden, dürfen mit solchen Supplementen keinesfalls gleichgesetzt werden.
Wenn Nebenwirkungen gravierend werden
Wie ernst pflanzliche Präparate genommen werden müssen, zeigt der Fall der 44-jährigen Lois Kinder aus Warrington in England. Die Frau, die laut ihrer Familie zuvor fit und gesund war, nahm rund ein Jahr lang täglich Ashwagandha ein. Anschließend verfärbten sich Haut und Augen gelb, ihre Tochter fand sie schließlich bewusstlos auf.
Im Krankenhaus wurde akutes Leberversagen diagnostiziert; die Ärzte vermuteten laut ihrem Ehemann Ollie einen Zusammenhang mit dem Präparat. Kinder wurde auf die Dringlichkeitsliste für eine Lebertransplantation gesetzt und erhielt Ende Juli ein Spenderorgan.
Während der Operation erlitt sie drei Herzstillstände und eine längere Sauerstoffunterversorgung. Sie überlebte, trug nach Angaben der Familie aber Hirnschäden davon und befindet sich weiterhin in neurologischer Rehabilitation.
Eine abschließende medizinische Veröffentlichung zu dem Fall steht noch aus. Schwere Leberschäden durch Ashwagandha gelten als selten, wurden in der Fachliteratur aber bereits beschrieben.
Probiotika mit komplexer Rezeptur
Neben Einzelsubstanzen kommen zunehmend komplexe Kombinationspräparate auf den Markt. Der Hersteller Dr. Jacob's Medical aus Taunusstein bewirbt sein Produkt Zen Biotics® mit neun Bakterienstämmen und insgesamt 6 Milliarden koloniebildenden Einheiten pro Kapsel, ergänzt um 230 Milligramm GABA, 80 Milligramm L-Glutamin, 8 Milligramm Niacin und 3 Milligramm Pantothensäure.
Sieben besonders empfindliche Stämme seien laut Hersteller dreifach mikroverkapselt und durch eine magensäureresistente Kapselhülle geschützt, das Produkt eigne sich demnach auch bei Histaminintoleranz.
Wer sich mit der Wirkung von Inhaltsstoffen befasst, sollte auch die Rolle von stillen Entzündungen im Körper nicht unterschätzen. Erfahren Sie in diesem kostenlosen Ratgeber, wie Sie mit der richtigen Ernährung Beschwerden lindern und Ihre Vitalität steigern können. Ratgeber zur entzündungshemmenden Ernährung gratis herunterladen
Belastungen in Lebensmitteln als Kontrastpunkt
Während bei Supplementen vor allem Dosierung und Reinheit im Zentrum stehen, zeigen aktuelle Lebensmitteltests, dass auch scheinbar unbedenkliche Alltagsprodukte Belastungen aufweisen können.
Öko-Test untersuchte in seiner Ausgabe 10/2026 insgesamt 27 Gemüsebrühen und stufte fünf Produkte als „mangelhaft“ oder „ungenügend“ ein, darunter ein Markenprodukt. In fast allen konventionellen Brühen fand sich mindestens ein Pestizid, meist mehrere gleichzeitig; bei einem Produkt wurden Spuren von vier verschiedenen Pestiziden nachgewiesen.
Kritisch bewertet wurden dabei Pestizidmixe sowie einzelne Wirkstoffe wie Difenoconazol, das unter Krebsverdacht steht, sowie Clothianidin und Pyraclostrobin, die als vermutlich reproduktionstoxisch gelten. Zusätzlich gab es Punktabzüge für einen Salzgehalt von über 0,90 Gramm pro 100 Milliliter zubereiteter Brühe sowie für zugesetzte Aromen und Geschmacksverstärker.
Bemerkenswert: Alle 17 getesteten Bio-Produkte erreichten mindestens die Note „gut“. Als Testsieger mit der Bestnote „sehr gut“ gingen die Knorr Bio GemüseBouillon für 34 Cent pro Liter sowie die Rewe Bio Gemüsebrühe mit 20 Prozent Gemüseanteil für 20 Cent pro Liter hervor. Bei den konventionellen Produkten erreichten zwei die Note „gut“, drei nur „ausreichend“.
Auch das Chemische und Veterinäruntersuchungsamt (CVUA) Stuttgart wurde fündig: In allen 26 untersuchten Lakritzproben wies das Amt Acrylamid nach, mit Gehalten zwischen 10 und 693 Mikrogramm pro Kilogramm und einem Mittelwert von 138 Mikrogramm pro Kilogramm. Der höchste Wert fand sich bei einem Produkt mit schwarzer Zuckerrohrmelasse als Zutat, bei dem bis zu 2000 Mikrogramm pro Kilogramm gemessen wurden.
Zusätzlich verwiesen die Prüfer auf Glycyrrhizin, das bei hoher Aufnahme den Mineralstoffwechsel beeinflussen, den Blutdruck erhöhen und Wassereinlagerungen verursachen kann, sowie auf Ammoniumchlorid (Salmiaksalz), das bei hohen Gehalten den Ionenhaushalt stören und zu Übelkeit, Erbrechen oder neuronalen Störungen führen kann.
Die in der EU festgelegte Höchstmenge für Glycyrrhizin in Süßwaren von 1500 Milligramm pro Kilogramm wurde bei Lakritze laut CVUA jedoch in keinem Fall überschritten.
Fazit für Verbraucher
Die verschiedenen Berichte zeichnen ein differenziertes Bild: Nahrungsergänzungsmittel können bei gezieltem Einsatz – etwa B12 bei nachgewiesenem Mangel oder Kreatin im Krafttraining älterer Erwachsener – nachweislich nützen.
Gleichzeitig zeigen Einzelfälle wie der ausgeprägte Leberschaden nach Ashwagandha-Einnahme oder die unklare Dosierungspraxis bei Lithium Orotate, dass Reinheit, Dosierung und individuelle Risikofaktoren entscheidend bleiben.
Parallel verdeutlichen die Tests von Öko-Test und dem CVUA Stuttgart, dass auch scheinbar unauffällige Lebensmittel wie Gemüsebrühe oder Lakritz Belastungen mit Pestiziden, Acrylamid oder anderen Substanzen aufweisen können – ein Hinweis darauf, dass Qualitätsbewertung nicht auf Supplemente beschränkt bleiben sollte, sondern die gesamte Ernährung in den Blick nehmen muss.
Mehr zum Thema bei Augsburger Allgemeine: „Pestizide, Salz, Aromen: 5 Gemüsebrühen fallen im Öko“
