Gelenk-NEM: Verbraucherschutz warnt vor Überdosierung und Wechselwirkungen
Veröffentlicht am: 11.08.2026 um 05:09 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Der Markt für Nahrungsergänzungsmittel (NEM) wächst stetig, insbesondere im Bereich der Gelenkgesundheit und Kollagenprodukte. Aktuelle Analysen und Bewertungen von Verbraucherschützern sowie medizinischen Fachgesellschaften unterstreichen jedoch die Notwendigkeit einer differenzierten Betrachtung von Wirksamkeit und gesundheitlichen Risiken.
Verbraucherschutz warnt vor unkontrollierter Dosierung
Die Verbraucherzentrale NRW präzisierte Anfang August 2026 ihre Einschätzungen zur Wirksamkeit von Gelenk-Nahrungsergänzungsmitteln. Eine Expertin der Organisation betonte, dass eine unkontrollierte Dosierung dieser Präparate riskant sein kann. Nahrungsergänzungsmittel seien grundsätzlich kein Ersatz für eine ausgewogene Ernährung und primär dann sinnvoll, wenn ärztlich diagnostizierte Mangelerscheinungen vorliegen.
Besondere Vorsicht ist laut den Verbraucherschützern bei der Überdosierung bestimmter Stoffe geboten. So könne eine zu hohe Aufnahme von Vitamin D den Kalziumspiegel im Blut erhöhen, was wiederum die Bildung von Nierensteinen begünstigen und zu dauerhaften Nierenschäden führen kann. Ein weiteres oft unterschätztes Risiko stellen Brausetabletten dar, die verstecktes Natrium enthalten können. Dies könne den Blutdruck erhöhen und Wechselwirkungen mit Medikamenten auslösen. Zudem wird darauf hingewiesen, dass die Einnahme von Biotin Laborwerte verfälschen kann.
Eine Umfrage vom 1. November 2023 verdeutlicht die Relevanz des Themas: Demnach nehmen rund 45 % der Senioren regelmäßig Nahrungsergänzungsmittel ein. Als Alternativen zu diesen Präparaten empfehlen Experten einen aktiven Lebensstil sowie eine gezielte Ernährung. Für Personen ab 65 Jahren wird beispielsweise eine Zufuhr von 1 g Eiweiß pro Kilogramm Körpergewicht angeraten.
Wechselwirkungen und spezifische Gefahren bei Vorerkrankungen
Die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) veröffentlichte im August 2026 Warnhinweise für Patienten mit Schilddrüsenunterfunktion. Bestimmte Inhaltsstoffe in Nahrungsergänzungsmitteln, wie Silychristin (ein Bestandteil der Mariendistel) oder Cholin, stehen im Verdacht, wichtige Transportprozesse für Schilddrüsenhormone zu hemmen oder die Hormonwerte negativ zu beeinflussen. Ein Wirksamkeitsnachweis für Substanzen wie Selen, Cholin oder Mariendistel bei der Umwandlung der Schilddrüsenhormone T4 zu T3 liege derzeit nicht vor. Ein Experte der Uniklinik Essen riet in diesem Zusammenhang dringend von einer Selbstbehandlung ab und empfahl die ärztliche Abklärung vor jeder Dosisänderung.
Parallel dazu warnte das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) vor hochdosierten Jodpräparaten wie der Lugolschen Lösung. Bereits ein Tropfen könne die zehnfache Tageshöchstmenge an Jod enthalten, was das Risiko für Schilddrüsenerkrankungen wie Hashimoto-Thyreoiditis sowie Über- oder Unterfunktionen massiv steigere. Das BfR empfiehlt für Erwachsene eine maximale Jodzufuhr von 100 µg pro Tag über Nahrungsergänzungsmittel, während für Schwangere und Stillende ein Wert von 150 µg genannt wird. Bei einer gleichzeitigen Therapie mit L-Thyroxin sei zudem Vorsicht bei der Kombination mit Selen, Biotin, Kalzium, Eisen, Magnesium und Zink geboten.
Wer Gelenk-Nahrungsergänzungsmittel einnimmt, sollte die Warnungen der Verbraucherschützer kennen: Überdosierungen von Vitamin D und Jod können Nieren schädigen oder die Schilddrüse gefährden. Unser kostenloser Ratgeber zeigt, worauf Sie achten müssen. Ratgeber jetzt kostenlos anfordern
Marktentwicklung und Evidenz im Bereich Kollagen
Trotz der regulatorischen Warnungen verzeichnet der Kollagenmarkt ein signifikantes Wachstum. Für das Jahr 2025 wurde das Marktvolumen in Deutschland auf 540,93 Mio. US-Dollar beziffert. Prognosen gehen davon aus, dass dieser Wert bis 2035 auf 1.044,37 Mio. US-Dollar steigen wird, was einer jährlichen Wachstumsrate von 6,80 % entspricht. Auch der globale Markt für Knochenbrühe, die oft als natürliche Kollagenquelle beworben wird, wuchs von 1,02 Mrd. US-Dollar im Jahr 2022 deutlich an.
Die wissenschaftliche Datenlage zur Wirksamkeit von Kollagen bleibt jedoch heterogen. Eine Metaanalyse aus dem Jahr 2023, die 26 Studien mit insgesamt 1.721 Teilnehmern umfasste, deutete auf mögliche Verbesserungen der Hautfeuchtigkeit und Elastizität hin. Ein Bericht aus dem Jahr 2025, der 23 randomisierte kontrollierte Studien (RCTs) untersuchte, fand hingegen keine überzeugenden Belege für eine umfassende Wirksamkeit.
Innovative Forschungsansätze und alternative Therapieformen
Abseits der klassischen Nahrungsergänzung gibt es Fortschritte in der biotechnologischen Forschung. Wissenschaftler der University of Utah Health identifizierten mithilfe von künstlicher Intelligenz und genetischen Analysen den Wirkstoffkandidaten M04. Dieser hemmt das Enzym WNK2 und konnte in Zellmodellen arthrose-typische Veränderungen verhindern. Tier- oder Menschenversuche stehen hierzu jedoch noch aus.
Schilddrüsenpatienten aufgepasst: Bestimmte Inhaltsstoffe in Nahrungsergänzungsmitteln können Ihre Hormonwerte negativ beeinflussen. Erfahren Sie, welche Stoffe Sie meiden sollten und wie Sie Wechselwirkungen vermeiden. Leitfaden für Schilddrüsenpatienten sichern
Im Bereich der regenerativen Medizin untersuchte eine im Sommer 2026 veröffentlichte Studie der International Society for Stem Cell Research den Einsatz von Stammzellinjektionen (MSC) aus eigenem Knochenmark bei Kniearthrose. Nach 12 Monaten zeigten 6 von 12 Patienten eine positive Reaktion, die bei der Mehrheit bis zu 24 Monate anhielt.
Ergänzend zu pharmakologischen Ansätzen werden physikalische Therapien diskutiert. Eine Fallstudie zur Lasertherapie bei einem 62-jährigen Patienten mit Kniearthrose (Grad III) dokumentierte eine Schmerzreduktion auf der visuellen Analogskala (VAS) von 8,2 auf 1,8 innerhalb von acht Wochen. Auch die PRP-Therapie (plättchenreiches Plasma), bei der körpereigene Wachstumsfaktoren zur Regeneration genutzt werden, wird vermehrt als Option zur Gelenkbehandlung angeführt.
