Gehirntraining: Regelmäßigkeit schlägt Alter und Trainingsumfang
Veröffentlicht am: 22.07.2026 um 12:18 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Wer sein Gehirn regelmäßig fordert, bleibt auch im Alter geistig leistungsfähiger. Das zeigt eine Analyse des Unternehmens Muse, die am Mittwoch veröffentlicht wurde. Die Auswertung von 53.000 Biofeedback-Sitzungen und über 1.200 Aufmerksamkeitstests bei 189 Probanden zwischen 31 und 83 Jahren liefert klare Ergebnisse: Die Regelmäßigkeit des Trainings sagt die Aufmerksamkeitsleistung präziser voraus als das biologische Alter oder der reine Trainingsumfang.
Ältere trainierte Gehirne schlagen jüngere untrainierte
Besonders spannend: Regelmäßig trainierende Personen in ihren 60ern und 70ern erzielten bessere Ergebnisse als unregelmäßig trainierende 30- bis 40-Jährige. In allen Altersgruppen zeigten konsistente Nutzer eine um 40 bis 50 Millisekunden schnellere Reaktionszeit im sogenannten Stroop-Test. Dieser misst die Fähigkeit, automatisierte Reaktionen zu unterdrücken. Während regelmäßige ältere Nutzer eine Interferenz von 192 Millisekunden aufwiesen, lag dieser Wert bei sporadisch trainierenden jüngeren Probanden bei 219 Millisekunden.
Training verändert die Hirnstruktur
Kognitives Training hat nicht nur messbare Leistungseffekte – es verändert auch die physische Struktur des Gehirns. Eine Langzeitstudie, die am 20. Juli im Fachjournal Brain Imaging and Behavior erschien, dokumentierte über vier Jahre hinweg strukturelle Veränderungen bei 190 Erwachsenen. Dazu gehören eine Zunahme der Gyrifikation und der Sulcustiefe – beides Merkmale der Neuroplastizität. Diese Veränderungen korrelierten direkt mit Verbesserungen eines spezifischen Index für Gehirngesundheit.
Auf der internationalen Alzheimer-Konferenz (AAIC) in London wurden am 20. Juli zudem Ergebnisse präsentiert, die den klinischen Nutzen unterstreichen. Studien mit dem Programm BrainHQ deuten darauf hin, dass kognitives Training unter verschiedenen Lebensstilinterventionen den stärksten Effekt auf die Kognition erzielt. Die sogenannte ACTIVE-Studie, deren Langzeitdaten bereits im Februar thematisiert wurden, zeigt: Ein spezifisches Geschwindigkeitstraining kann das Demenzrisiko über 20 Jahre um bis zu 25 Prozent senken.
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Bewegung und Bildung als weitere Bausteine
Neben digitalem Training wirken auch alltägliche Faktoren. Forschungsergebnisse in Nature Medicine vom 20. Juli belegen: Bereits 3.000 Schritte pro Tag verlangsamen die Ausbreitung von Tau-Proteinen bei Menschen mit präsymptomatischem Alzheimer. Eine Steigerung auf 5.000 bis 7.500 Schritte verstärkt diesen Effekt und kann den kognitiven Abbau um mehrere Jahre verzögern.
Auch lebenslange Bildung spielt eine Rolle. Eine Analyse der FernUniversität Hagen vom 20. Juli untersuchte die Auswirkungen einer britischen Schulreform von 1947. Ergebnis: Zusätzliche formale Bildung verbesserte das Gedächtnis im Alter von 70 bis 80 Jahren signifikant.
Schach hält das Gehirn ebenfalls fit. Die Neurologin Galina Tschudinskaja wies gegenüber RIA Novosti auf die förderliche Wirkung hin. Bei über 75-Jährigen senke regelmäßiges Schachspielen das Demenzrisiko, bei Kindern könne es die mathematischen Leistungen um bis zu 50 Prozent steigern.
Und Achtsamkeit? Eine Studie aus dem Jahr 2025 (eNeuro) bestätigte: Bereits 30 Tage Training mit täglich 10 bis 15 Minuten verbessert die Aufmerksamkeitskontrolle.
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WHO gibt zurückhaltende Empfehlung
Trotz der positiven Befunde mahnen internationale Organisationen zur Differenzierung. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) veröffentlichte am 15. Juli die zweite Auflage ihrer Leitlinie zur Demenzprävention. Darin spricht sie eine bedingte Empfehlung für kognitive Stimulation und soziale Aktivitäten aus – die Evidenzbasis sei noch gering.
Die WHO rät zudem explizit von der Einnahme von Vitamin B, E, Omega-3-Präparaten oder Multivitaminen zur Demenzprävention ab, sofern kein klinischer Mangel vorliegt. Auch für die Behandlung von Depressionen oder Schlafstörungen gebe es keine ausreichende Evidenz, dass sie das Demenzrisiko direkt senke.
Zur Unterstützung der Forschung wurde am 20. Juli durch Institute in Jülich und Koblenz die Software „siiibra“ vorgestellt. Sie soll eine präzisere Analyse multimodaler Hirndaten ermöglichen.
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