Gehirntraining, Bildschirm

Gehirntraining am Bildschirm: Studie mit 11.430 Menschen findet keinen Alltagstransfer

Veröffentlicht am: 24.10.2026 um 11:35 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Untersuchungen finden wenig Alltagstransfer durch Denkspiele; Bewegung zeigt laut Meta-Analyse stärkere Bezüge zur Gehirngesundheit.
Ein minimalistisch gestalteter, leerer Bibliotheksraum mit Holzregalen und natürlichem Lichteinfall. Illustration mit AI erstellt.

Digitale Trainingsprogramme zur kognitiven Leistungssteigerung erfreuen sich seit Jahren großer Beliebtheit auf Computern und Smartphones. Doch Branchenberichte und wissenschaftliche Untersuchungen hinterfragen zunehmend sowohl die Wirksamkeit als auch die kommerziellen Versprechen dieser Angebote. Im Mittelpunkt der Diskussion steht vor allem die Frage, ob Fortschritte auf dem Bildschirm tatsächlich Vorteile für das alltägliche Leben bringen.

Die wissenschaftliche Debatte um den Transfereffekt

Der Kernkonflikt digitaler kognitiver Anwendungen liegt in der sogenannten Transferierbarkeit: Führt ein höheres Niveau in einem virtuellen Denkspiel automatisch zu einer Verbesserung alltäglicher Fähigkeiten wie Autofahren oder Zeitmanagement? Bisherige Untersuchungen zeichnen hier ein skeptisches Bild.

Eine im Fachjournal Nature veröffentlichte Untersuchung von Owen und Kollegen aus dem Jahr 2010 mit 11.430 Teilnehmenden zeigte nach einem sechswöchigen randomisierten Online-Training zwar Fortschritte bei den konkret geübten Aufgaben, jedoch keinen Transfer auf die allgemeine Gedächtnis- oder Intelligenzleistung.

Sechs Jahre später bestätigte ein Review von Simons und Kollegen in der Fachzeitschrift Psychological Science in the Public Interest, dass sich weitreichende Transferbehauptungen wissenschaftlich nicht stützen lassen. Auch eine Meta-Analyse im Neuropsychology Review, die 43 Studien auswertete, kam zu dem Schluss, dass der Transfereffekt isolierter Denkspiele auf reale Alltagssituationen stark begrenzt bleibt.

Gleichwohl existieren auch neurobiologische Befunde zu Trainingsreizen: So wiesen Takeuchi und Kollegen 2010 eine strukturell messbare Zunahme der neuronalen Konnektivität nach einem Arbeitsgedächtnistraining nach.

Bereits 2008 dokumentierten Uchida und Kawashima bei 124 Personen im Alter von 70 bis 86 Jahren, dass ein sechsmonatiges tägliches lautes Lesen und Rechnen kleine, über Monate anhaltende Effekte auf Frontallappenfunktionen und Verarbeitungsgeschwindigkeit erzeugte.

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Kommerzielle Versprechen und methodische Schwächen

Bereits im Jahr 2005 nutzte das Spiel Brain Age für den Nintendo DS das Konzept eines Gehirnalters als reine Spielmetrik, nicht jedoch als fundierte medizinische Messung. Spätere Anbieter bauten das Geschäftsmodell weiter aus. So gab die Plattform Lumosity eine weltweite Nutzerschaft von 70 Millionen Menschen an, während die britische Tageszeitung The Guardian die tatsächliche Nutzerzahl eher auf etwa eine Million schätzte.

Fachleitfäden weisen darauf hin, dass vielen Applikationen eine solide wissenschaftliche Fundierung fehle. Es mangele an strengen Standards, um nachweislich wirksame Programme von gewöhnlichen Unterhaltungsspielen abzugrenzen, zudem sei häufig eine professionelle Begleitung erforderlich.

Wie dünn manche Belege ausfallen, zeigt das Programm Cerebella zur Linderung kognitiver Beschwerden in den Wechseljahren: Vorgesehen sind zehn Sitzungen über fünf Wochen mit jeweils 25 bis 30 Minuten Dauer.

Ein vorgelegter Machbarkeitsnachweis umfasste jedoch lediglich fünf Sitzungen über einen Zeitraum von drei Wochen ohne Kontrollgruppe und ohne Nennung der Teilnehmendenzahl; eine klinische Wirksamkeit ist nicht belegt.

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Körperliche Aktivität und die Zukunft durch Neurotechnologie

Fachleute betonen daher alternative und ganzheitlichere Ansätze. Die Neurowissenschaftlerin Dr. Barbara Studer erläuterte auf einer Veranstaltung in Schaffhausen, dass wirksames Gehirntraining über rein kognitiven Denksport hinausgehen müsse.

Entscheidend sei das Zusammenspiel von Bewegung, Emotionen, akustischen Reizen und Sinnhaftigkeit. Dies deckt sich mit einer Meta-Analyse im British Journal of Sports Medicine: Auf Grundlage von Daten von über 258.000 Menschen zeigte sich, dass Aktivitäten wie Wandern, Radfahren und Tanzen die Gehirngesundheit nachhaltiger unterstützen als rein virtuelle Übungen.

Parallel dazu drängen tragbare, nicht implantierbare Gehirn-Computer-Schnittstellen auf den Markt, die bereits für Meditation, kognitives Training und die Überwachung von Aufmerksamkeit an Endverbraucher vertrieben werden. Als zentrale Hürde gilt hierbei die Verlässlichkeit der erfassten Hirnsignale.

Fachautoren sehen die Notwendigkeit großskaliger Realwelt-Studien mit Tausenden Nutzern sowie klarer ethischer Richtlinien. Bis zu nennenswerten Fortschritten für den Massenmarkt könnten noch fünf bis zehn Jahre vergehen – vorausgesetzt, Investitionen fließen künftig verstärkt in wissenschaftliche Validierung und den Ökosystemaufbau statt rein in Endgeräte.

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