Gefäßultraschall: Bei 57,1 Prozent der Untersuchten zeigt sich Atherosklerose
Veröffentlicht am: 26.10.2026 um 05:09 Uhr | Redaktion boerse-global.deDie Sonographie kann kardiovaskuläre Erkrankungen und Risikofaktoren potenziell früh erkennen, ist derzeit jedoch noch kein routinemäßiger Teil der haus- und fachärztlichen Vorsorgeuntersuchung.
Während bildgebende Verfahren und erweiterte Biomarker in der medizinischen Forschung zunehmend an Bedeutung gewinnen, setzen bestehende Vorsorgeprogramme weiterhin primär auf klassische Risikofaktoren wie Blutdruck- und Blutzuckerwerte sowie Standard-Lipidprofile.
Gleichzeitig veranlassen neue Erkenntnisse zur frühen Gefäßveränderung Fachkreise dazu, die bisherigen Screening-Strategien grundlegend zu überprüfen.
Gefäßultraschall und frühe Plaquebildung
Ein Karotis-Ultraschall dauert etwa 15 bis 20 Minuten und misst nicht-invasiv die Intima-Media-Dicke. Die Untersuchung ermöglicht es, Gefäßplaques sowie Stenosen frühzeitig sichtbar zu machen. Empfohlen wird diese Ultraschalluntersuchung insbesondere für Personen ab 50 Jahren sowie für Menschen mit chronischen Erkrankungen wie Hypertonie, Diabetes oder Fettstoffwechselstörungen.
Weitere Indikationen bilden Rauchen, Adipositas, Bewegungsmangel, familiäre Vorbelastungen für Schlaganfälle, Herzinfarkte oder periphere arterielle Verschlusskrankheiten sowie transitorische neurologische Symptome.
Wird ein Befund erhoben, umfasst die therapeutische Intervention Lebensstiländerungen, Statine, Thrombozytenaggregationshemmer und Blutdrucksenker; bei schweren Verengungen kommen eine Endarteriektomie oder Stents infrage.
Dass Gefäßveränderungen oft weit vor dem Auftreten klinischer Symptome beginnen, verdeutlichen aktuelle populationsbasierte Daten. In der REACT-Studie, die 2026 im Fachjournal NEJM veröffentlicht wurde und 16.808 Erwachsene im Alter von 18 bis 70 Jahren ohne bekannte atherosklerotische Erkrankung in Dänemark und Spanien untersuchte, wiesen 57,1 Prozent der Teilnehmenden (95-Prozent-Konfidenzintervall: 56,3 bis 58,0 Prozent) in mindestens einem untersuchten Gefäßgebiet wie Karotis, Femoralis oder Koronargefäßen nachweisbare Atherosklerose auf.
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Bei den 18- bis 29-Jährigen betraf dies 8,7 Prozent der Männer und 6,7 Prozent der Frauen, während bei den 60- bis 70-Jährigen rund neun von zehn Personen betroffen waren. Bei jungen Erwachsenen traten Plaques vor allem peripher an Karotis- und Femoralarterien auf.
Eine NEJM-Studie mit fast 17.000 Erwachsenen aus Dänemark und Spanien zeigte zudem, dass jeder dritte Mann in den Dreißigern und jede fünfte Frau Plaques in den Arterien aufweist. Bei Männern beginnt die Atherosklerose im Schnitt fünf bis zehn Jahre früher als bei Frauen. Allerdings stufen Standard-Risikorechner nur rund 2 Prozent der Personen mit vorhandenen Plaques als Hochrisikopatienten ein.
Grenzen klassischer Risikofaktoren und neue Biomarker
Konventionelle Risikomarker erfassen beginnende Gefäßprozesse mitunter nur unvollständig. In einer finnischen Studie wiesen 40 Prozent der 30- bis 39-Jährigen mit Karotisplaques keine überdurchschnittlichen Werte bei Cholesterin, Blutdruck, Blutzucker oder Rauchen auf.
Bei einem LDL-Wert unter 1,5 mmol/L entwickelt sich die Erkrankung der Untersuchung zufolge meist nicht. Fachleute empfehlen daher eine frühzeitige Bestimmung von Cholesterin und Blutdruck bereits im Alter von 20 bis 30 Jahren.
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Über das Standard-Lipidprofil hinaus geraten spezifische Proteine in den Fokus der Forschung. Eine Studie an 35.269 Teilnehmenden der britischen Biobank, validiert an 5.915 Teilnehmenden einer US-Studie, ergab, dass Entzündungs- und Gefäßumbau-Proteine rund 62 Prozent des Zusammenhangs zwischen triglyceridreichen Lipoproteinen (TRL) und dem Risiko einer ischämischen Herzkrankheit erklärten; bei Lipoprotein(a) betrug dieser Anteil etwa 14 Prozent.
Da diese Mechanismen durch das C-reaktive Protein (CRP) nicht vollständig abgebildet werden und die Proteine auch nach statistischer Kontrolle unabhängige Risikomarker blieben, wird geraten, zusätzlich Apolipoprotein B (apoB) und Lipoprotein(a) zu messen – letzteres mindestens einmal im Erwachsenenalter.
Hingegen erbrachten medikamentöse Ansätze zur reinen Erhöhung von HDL-Cholesterin keinen präventiven Nutzen: Substanzen wie Niacin, Fibrate und CETP-Hemmer führten in großen Studien zu keiner signifikanten Senkung von Herzinfarkten, Schlaganfällen oder Todesfällen.
Diskussion über die künftige Gestaltung des Screenings
Vor dem Hintergrund unzureichend erkannter Risiken steht auch der formelle Rahmen der Vorsorge auf dem Prüfstand. Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) fasste am 15. Oktober 2026 einen Beschluss zur künftigen Gestaltung der allgemeinen Gesundheitsuntersuchung, der am selben Tag in Kraft trat.
Am 23. Oktober 2026 veröffentlichte das Gremium einen formellen Aufruf zu Ersteinschätzungen. Die Rückmeldungen auf den offiziellen Fragebogen sind bis zum 23. November 2026 fällig.
Die Prüfung des G-BA umfasst Altersgrenzen, Zielgruppen, Untersuchungsintervalle, Inhalte, geschlechtsspezifische Aspekte und Zieldiagnosen mit einem ausdrücklichen Fokus auf kardiovaskuläre Erkrankungen. Diskutiert wird unter anderem, inwieweit risikobasierte Ansätze, validierte Risikorechner und gezielte diagnostische Verfahren den bisherigen Standard der allgemeinen Gesundheitsuntersuchung künftig ergänzen können.
