Gedächtnis: Protein Syt3 steuert aktiv das Vergessen im Gehirn
Veröffentlicht am: 11.09.2026 um 17:43 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die Terroranschläge vom 11. September 2001 markieren einen Wendepunkt der Zeitgeschichte, der sich nicht nur politisch, sondern auch tiefgreifend in das kollektive und individuelle Gedächtnis eingeschrieben hat.
Zum 25. Jahrestag rücken Analysen in den Fokus, die untersuchen, wie solche traumatischen Erlebnisse die Funktionsweise und Struktur des menschlichen Gehirns verändern. Das Phänomen, dass sich die meisten Menschen präzise daran erinnern können, in welcher Situation sie von den Anschlägen erfuhren, ist dabei ein zentraler Gegenstand der Gedächtnisforschung.
Das Phänomen der Flashbulb Memories
In der psychologischen Forschung werden diese dauerhaften Erinnerungen als „Flashbulb Memories“ bezeichnet. Laut der Erinnerungsforscherin Astrid Erll zeichnen sich diese dadurch aus, dass sie über das gesamte Leben hinweg stabil bleiben. Neben den Ereignissen von 9/11 werden oft auch regionale Katastrophen, wie das Flugschau-Unglück in Ramstein, als Beispiele für solche tiefen Einprägungsprozesse genannt.
Für die anhaltende Faszination und die intensive Auseinandersetzung mit diesen Ereignissen führen Experten verschiedene psychologische Modelle an. Die „Terror Management Theory“ dient hierbei als Erklärungsansatz für die psychischen Bewältigungsmechanismen angesichts massiver Bedrohungen.
Zudem wird das Konzept der „Morbid Curiosity“ (morbide Neugier) diskutiert. Aus evolutionsbiologischer Sicht könne dieses Interesse als Überlebensmechanismus verstanden werden, um potenzielle Gefahren besser einschätzen und verarbeiten zu können.
Die molekulare Basis von Gedächtnis und Vergessen
Während traumatische Erlebnisse oft dauerhaft gespeichert werden, widmet sich die biologische Forschung den Mechanismen, die das Vergessen steuern. Ein Forscherteam um Dr. Camin Dean am European Neuroscience Institute Göttingen (ENI-G) identifizierte bereits in einer im Januar 2019 im Fachjournal Science veröffentlichten Studie ein spezifisches Protein, das hierbei eine Schlüsselrolle spielt.
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Das Protein Synaptotagmin-3 (Syt3) ist demnach dafür zuständig, Neurotransmitter-Rezeptoren aus den post-synaptischen Membranen zu entfernen, was den Prozess des Vergessens aktiv fördert. In Untersuchungen mit Syt3-defizienten Mäusen zeigte sich, dass diese zwar normal lernten, das Erlernte jedoch nicht vergessen konnten.
Die Forscher konnten zudem nachweisen, dass eine Blockade durch ein Peptid das Vergessen bei Mäusen verhinderte und in einem Alzheimer-Modell das Gedächtnis normalisierte. Diese Erkenntnisse verdeutlichen die chemischen Prozesse, die über die Beständigkeit oder den Verlust von Informationen im Gehirn entscheiden.
Folgen traumatischer Belastungen
Die klinische Psychologie definiert die Folgen direkter oder indirekter Traumatisierung als Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS). Diese Diagnose wird gestellt, wenn Symptome über mehr als einen Monat anhalten und das soziale, familiäre oder berufliche Leben maßgeblich beeinträchtigen.
Zu den Kernsymptomen gehören das wiederholte Erleben des Traumas, ausgeprägtes Vermeidungsverhalten, emotionale Veränderungen sowie eine dauerhafte Übererregung (Hypervigilanz).
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In der Behandlung haben sich Standardtherapien wie EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing) oder Expositionstherapien etabliert. Ergänzend hierzu werden pferdegestützte Therapien, etwa die Hippotherapie oder Equitherapie, eingesetzt. Diese dienen laut Fachberichten als Supplement zu den klinischen Verfahren, können diese jedoch nicht vollständig ersetzen.
Auswirkungen von chronischem Stress
Neben akuten Traumata stellt chronischer Stress eine erhebliche Belastung für die kognitive Gesundheit dar. Dieser äußert sich körperlich durch Symptome wie Herzrasen, Schlafstörungen oder Magen-Darm-Probleme. Mental führen dauerhafte Belastungen oft zu Konzentrationsschwierigkeiten, Gedächtnisproblemen und anhaltendem Gedankenkreisen.
Langfristig begünstigt chronischer Stress die Entstehung schwerwiegender Folgeerkrankungen, darunter Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Magengeschwüre sowie das Burnout-Syndrom. Die Forschung zum 25. Jahrestag von 9/11 unterstreicht somit die Notwendigkeit, sowohl die psychologischen als auch die physiologischen Mechanismen der Traumaverarbeitung weiter zu entschlüsseln.
