Gebrechliche, Blutdruckmittel

Gebrechliche ab 80: Blutdruckmittel reduzieren erfordert engmaschige Kontrolle

Veröffentlicht am: 02.10.2026 um 15:09 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Bei gebrechlichen Pflegeheimbewohnern veränderte eine überwachte Medikamentenreduktion Sterblichkeit und schwere Herz-Kreislauf-Ereignisse nicht signifikant.

Blutdruckmittel im hohen Alter: Was die RETREAT-FRAIL-Studie zeigt
Ein heller, minimalistischer Behandlungsraum in einer Pflegeeinrichtung mit einem leeren Glas Wasser und einer Patientenakte. Illustration mit AI erstellt.

Fachmedien wie Medscape und APOTHEKE ADHOC diskutieren derzeit eine grundsätzliche Frage der Altersmedizin: Sollte bei hochbetagten, gebrechlichen Patienten die Zahl der Blutdruckmedikamente reduziert werden? Anlass ist die RETREAT-FRAIL-Studie, die 2025 im New England Journal of Medicine veröffentlicht wurde und seither als Referenzpunkt für die Debatte um Deprescribing – das systematische Absetzen von Medikamenten – gilt.

Was die Studie untersuchte

Die in Frankreich durchgeführte RETREAT-FRAIL-Studie nahm mehr als 1.000 gebrechliche Pflegeheimbewohner ab 80 Jahren in den Blick. Eingeschlossen wurden Personen mit einem systolischen Blutdruck unter 130 mmHg, die mindestens zwei Blutdruckmedikamente einnahmen – eine Konstellation, die bei sehr alten, gebrechlichen Menschen häufig vorkommt und mit Risiken wie Stürzen oder Schwindel verbunden sein kann.

Bei der Hälfte der Teilnehmenden wurde die Therapie schrittweise und ärztlich überwacht reduziert, während die andere Hälfte ihre gewohnte Medikation unverändert fortführte.

Ergebnis: Kein Unterschied bei harten Endpunkten

Nach mehr als drei Jahren Beobachtungszeit zeigte sich laut den Berichten kein signifikanter Unterschied zwischen beiden Gruppen – weder bei der Sterblichkeit noch bei schweren kardiovaskulären Ereignissen. Die Reduktion der Medikamente erwies sich damit weder als schädlich noch als eindeutig vorteilhaft im Sinne harter klinischer Endpunkte.

Allerdings musste bei 7 Patienten ein zuvor abgesetztes Medikament wieder angesetzt werden, nachdem der systolische Blutdruck auf 160 mmHg oder mehr angestiegen war. Dies unterstreicht, dass eine Reduktion nicht ohne engmaschige Kontrolle erfolgen sollte.

Wichtig ist laut den Berichten zudem, dass in der Studie ausschließlich Medikamente reduziert wurden, für die keine andere kardiovaskuläre Indikation vorlag. Bei Patienten mit zusätzlichen Diagnosen wie Herzinsuffizienz ist besondere Vorsicht geboten, da hier die Fortführung der Therapie aus anderen Gründen notwendig sein kann.

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Kein Freibrief zum pauschalen Absetzen

Sowohl Medscape als auch APOTHEKE ADHOC betonen in ihren Einordnungen, dass die Studienergebnisse kein pauschales Signal zum Absetzen von Blutdruckmedikamenten darstellen.

Eine Reduktion könne bei ausgeprägter Gebrechlichkeit in Kombination mit niedrigem Blutdruck erwogen werden – robuste Hochbetagte ohne entsprechende Risikofaktoren sollten jedoch nicht pauschal in solche Überlegungen einbezogen werden. Die Entscheidung bleibt demnach eine individuelle, die eine sorgfältige Abwägung von Nutzen und Risiko sowie eine kontinuierliche Überwachung erfordert.

Deprescribing als methodische Herausforderung

Die Debatte um die RETREAT-FRAIL-Studie fügt sich in eine breitere Diskussion zum sogenannten Deprescribing ein, die auch auf einem Workshop der International Society for Pharmacoepidemiology (ISPE) in Mailand aufgegriffen wurde.

Eine dort vorgestellte systematische Übersicht über 45 Studien zu älteren Erwachsenen zeigte methodische Schwächen in diesem Forschungsfeld: Nur 22 Prozent der Studien berücksichtigten eine schrittweise Dosisreduktion, und 27 Prozent definierten den sogenannten „time zero“ – den Startzeitpunkt der Beobachtung – nicht klar. Um solche Lücken zu schließen, enthält die REMROSE-D-Initiative 23 Empfehlungen für Berichterstattung und Methodik bei Deprescribing-Studien.

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Eine ebenfalls von der ISPE unterstützte Auswertung patientenberichteter Ergebnisse aus 16 Studien zeigte zudem eine grundsätzliche Zufriedenheit der Patienten mit reduzierten Therapieschemata, allerdings bei begrenzter Übertragbarkeit der Ergebnisse auf andere Settings.

Als Vorteile des Deprescribing gelten weniger Wechselwirkungen und Nebenwirkungen, vereinfachte Einnahmepläne und eine verbesserte Lebensqualität. Als Hürden nennen die Autoren fehlendes Vertrauen zwischen Behandelnden und Patienten, mangelnde Zeit in der Versorgung sowie organisatorische Hindernisse im Praxisalltag.

Für die klinische Praxis ergibt sich aus beiden Entwicklungssträngen ein ähnliches Bild: Die Reduktion von Blutdruckmedikamenten bei gebrechlichen Hochbetagten kann im Einzelfall sinnvoll sein, erfordert aber eine sorgfältige Patientenauswahl, engmaschige Kontrolle und eine fundierte methodische Grundlage – pauschale Lösungen greifen nach aktuellem Erkenntnisstand zu kurz.

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