Gealtertes, Gehirn

Gealtertes Gehirn: Alzheimer-Risiko steigt laut Studie auf mehr als das Dreifache

Veröffentlicht am: 22.10.2026 um 21:30 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Bluttests erfassen das Alter einzelner Organe; Lebensstilfaktoren zeigen Zusammenhänge, doch die Befunde benötigen weitere Bestätigung.
Ein gläsernes Laborgefäß mit einer klaren Flüssigkeit in einem klinischen Umfeld als Symbol für medizinische Altersforschung. Illustration mit AI erstellt.

Die Definition des Alterns verändert sich in der medizinischen Forschung grundlegend. Aktuelle Analysen und Studien zeigen, dass das Altern zunehmend über das biologische Organalter statt über das Geburtsdatum definiert wird. Gleichzeitig hat sich die gesellschaftliche Wahrnehmung gewandelt: Einer Studie zufolge gilt die Schwelle, ab der Menschen als alt angesehen werden, inzwischen erst ab einem Alter von 75 Jahren.

Epigenetische Uhren und ihre Grenzen

In der Altersforschung gewinnen epigenetische Tests an Bedeutung, die auf der Untersuchung von DNA-Methylierungen beruhen. Diese Entwicklung begann 2013 mit der Horvath-Uhr der ersten Generation zur Schätzung des chronologischen Alters.

Rund fünf Jahre später folgten mit PhenoAge und GrimAge Modelle der zweiten Generation, die auf das Mortalitätsrisiko ausgerichtet sind, ehe 2022 mit DunedinPACE ein Verfahren der dritten Generation zur Erfassung der Alterungsgeschwindigkeit vorgestellt wurde.

Liegt das biologische Alter über dem chronologischen Lebensalter, erhöht sich nach Einschätzung von Luigi Ferrucci vom National Institute on Aging das Risiko für adverse Gesundheitsfolgen. Fachleute verweisen jedoch auf deutliche Einschränkungen dieser Messverfahren im praktischen Alltag.

Die Ergebnisse können abhängig von der Tageszeit, der vorherigen Nahrungsaufnahme und dem Schlaf schwanken. Zudem liefern unterschiedliche Tests voneinander abweichende Werte und erfassen vorrangig die DNA weißer Blutkörperchen, weshalb ihr Nutzen derzeit primär in der wissenschaftlichen Forschung und in klinischen Studien liegt.

Organbezogene Diagnostik über Blutwerte

Einen differenzierten Ansatz verfolgen Untersuchungen der Stanford University, die in Studien aus den Jahren 2025 und 2026 in der Fachzeitschrift Nature Medicine vorgestellt wurden. Das Verfahren bestimmt über spezifische Proteine im Blut das biologische Alter von elf Organen.

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Eine Untersuchung an fast 45.000 Personen im Alter zwischen 40 und 70 Jahren ergab, dass bei etwa jedem Dritten mindestens ein Organ biologisch deutlich älter oder jünger ausfiel als üblich.

Die Abweichungen weisen deutliche Korrelationen mit spezifischen Krankheiten auf. Ein stark gealtertes Gehirn ging mit einem mehr als dreifach erhöhten Risiko für Alzheimer sowie einem fast dreifach erhöhten Sterberisiko innerhalb der folgenden 15 Jahre einher.

Ein vorzeitig gealtertes Herz zeigte Zusammenhänge mit späterer Herzschwäche, während eine gealterte Lunge mit einem erhöhten Risiko für chronisch obstruktive Lungenerkrankungen verbunden war.

Ein gealtertes Profil der Skelettmuskulatur, das unter anderem über den Marker Neurofilament Light bestimmt wird, wies laut einer Folgestudie eine fast 13-mal höhere Häufigkeit von Amyotropher Lateralsklerose auf.

Studienleiter Tony Wyss-Coray von der Stanford University erklärte dazu, dass solche Profile Interventionen vor dem Auftreten erster Symptome ermöglichen könnten. Da die Modelle überwiegend an Menschen über 50 Jahren entwickelt wurden, seien Empfehlungen vorerst auf diese Gruppe beschränkt und erfordern vor einem breiten Einsatz weitere Untersuchungen.

Einfluss von Lebensstil und neurologischen Faktoren

Welchen Beitrag das individuelle Verhalten leisten kann, untersuchte eine im Jahr 2026 in Scientific Reports veröffentlichte Schweizer Querschnittsstudie von Theis und Kollegen anhand von Daten von 312 deutschsprachigen Erwachsenen ab 35 Jahren aus den Jahren 2012 bis 2014. Ein explorativer Index erfasste fünf Faktoren mit maximal zehn Punkten: Body-Mass-Index, körperliche Aktivität, Rauchen, Schlafqualität sowie die Zufriedenheit mit dem Sexualleben.

Bei einem durchschnittlichen Score von 5,7 lag das biofunktionale Alter der hospitalnah rekrutierten Teilnehmenden im Schnitt 8,8 Jahre unter dem kalendarischen Alter.

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Den stärksten Einzeleffekt im Index zeigte regelmäßige Bewegung gemäß den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation von 150 bis 300 Minuten mäßiger Intensität pro Woche. Die Schlafqualität wies hingegen keine signifikante Korrelation auf.

Ein scheinbarer Vorteil moderaten Alkoholkonsums verschwand nach der statistischen Anpassung an Einkommen und Bildung vollständig, während das Nichtrauchen allein ohne Effekt blieb und erst im Gesamtindex wirksam wurde. Die Autoren betonten, dass die Ergebnisse keinen Kausalitätsnachweis liefern und einer Bestätigung bedürfen.

Ergänzend deuten weitere Fachpublikationen auf organische Veränderungen hin. In einer Studie in Brain Communications mit 110 Migränepatienten und 70 Kontrollpersonen lag das computermodellierte Gehirnalter bei Migränebetroffenen durchschnittlich um 4,24 Jahre über dem Lebensalter, wobei 66 Hirnregionen Anzeichen schnellerer Alterung aufwiesen.

Der Neurologe Dr. Eric Anderson betonte in diesem Zusammenhang, dass dieser Messwert nicht mit einer zwangsläufigen Demenz oder Neurodegeneration gleichzusetzen sei.

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