Frühe, Traumata

Frühe Traumata: Untersuchung mit 8831 Menschen zeigt schwerere Beschwerden

Veröffentlicht am: 02.10.2026 um 17:01 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Eine internationale Auswertung verbindet Traumata vor dem sechsten Geburtstag mit stärkeren Beschwerden; eine Charité-Studie prüfte Dronabinol gegen Albträume.

Traumabegriff im Fokus: Frühe Kindheitserfahrungen belasten besonders schwer
Ein einzelner, verwitterter Stein auf einer glatten Holzoberfläche in ruhigem, natürlichem Licht. Illustration mit AI erstellt.

In der psychologischen Fachwelt mehren sich die Stimmen, die vor einer unpräzisen Verwendung des Traumabegriffs warnen. Wenn jede schwere Lebensphase oder emotionale Belastung pauschal als Trauma deklariert wird, droht nach Ansicht von Kritikern der Blick auf die spezifischen Mechanismen echter psychischer Verwundungen verloren zu gehen.

Eine Reihe aktueller Fachpublikationen und internationaler Untersuchungen plädiert daher für eine klarere Trennung zwischen belastenden Erfahrungen und tiefgreifenden Traumafolgestörungen.

Kritik an der Ausweitung des Traumabegriffs

In ihrem im Klett-Cotta Verlag erschienenen Band „Wenn alles Trauma ist“ (256 Seiten, ISBN 978-3-608-98974-8, 37,95 Euro) problematisieren Jonas Tesarz und Günter H. Seidler die zunehmende begriffliche Unschärfe in der klinischen Praxis.

Den Autoren zufolge handelt es sich bei einem Trauma nicht um einen einfachen Reaktionsprozess auf Stress, sondern um einen fundamentalen Strukturbruch der bisherigen Erfahrung. Sie fordern eine präzise Differenzierung zwischen dem eigentlichen belastenden Ereignis, dem daraus resultierenden subjektiven Leiden und einer tatsächlichen psychischen Folgestörung.

Eine ähnliche Verschiebung in der Wahrnehmung thematisierte der Psychiater Christian Rück. Er gab zu bedenken, dass die Gesellschaft einen Preis für eine neu entstandene Traumakultur zahle.

Während das aus dem Griechischen stammende Wort ursprünglich eine Wunde oder einen Schaden bezeichne, werde der Begriff in der gegenwärtigen Debatte zunehmend auf das äußere Ereignis selbst verengt, statt die eigentliche seelische Verwundung in den Mittelpunkt zu stellen.

Frühe Kindheitserfahrungen wiegen besonders schwer

Welche gravierenden Spuren echte Traumatisierungen hinterlassen können, zeigt eine im European Journal of Psychotraumatology veröffentlichte Untersuchung eines Teams um Dan Jenkins von der Universität Freiburg in der Schweiz. Im Rahmen des Projekts „Global Psychotrauma Screen“ werteten die Forschenden Angaben von 8831 Befragten im Alter zwischen 16 und 85 Jahren aus 38 Ländern aus.

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Die Daten belegen, dass traumatische Erfahrungen vor dem sechsten Geburtstag mit deutlich schwereren psychischen Beschwerden einhergingen als Ereignisse im Erwachsenenalter.

Vor allem Gefühle von Wertlosigkeit, unkontrollierbare Wutausbrüche, Selbstverletzung sowie Dissoziation traten nach frühen Verletzungen gehäuft auf. Sexuelle Gewalt in der frühen und mittleren Kindheit sowie emotionaler Missbrauch zogen besonders ausgeprägte Symptome nach sich.

Auf einer Skala von bis zu 17 Punkten lag die durchschnittliche Belastung in Japan bei 6,4 Punkten, während sie in Neuseeland 13,5 Punkte erreichte. Einschränkend gaben die Studienautoren an, dass jeweils nur die am schwersten empfundene Einzelerfahrung erfasst wurde und die Repräsentativität der Stichprobe unklar bleibt.

Neue Ansätze in Versorgung und Therapie

Parallel zur theoretischen Neubestimmung entstehen praxisorientierte Konzepte für Betroffene. Im Jahr 2026 veröffentlichten Elisabeth Kaiser, Katalin Dohrmann, Thomas Elbert, Brigitte Rockstroh und Maggie Schauer bei Beltz Juventa das „Praxishandbuch Narrative Trauma-Arbeit (NAT). Selbstwirksamkeit durch Biografiearbeit“ (201 Seiten, ISBN 978-3-7799-8564-8, 20,00 Euro in Deutschland, 20,60 Euro in Österreich).

Die Methode leitet sich aus der Narrativen Expositionstherapie ab und umfasst vier Schritte vom Screening-Interview mittels Ampelsystem bis zu strukturierten Erzählsitzungen. Das Verfahren richtet sich gezielt an Fachkräfte in sozialen, schulischen und heilkundlichen Kontexten ohne psychotherapeutische Approbation.

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Auch im Bereich der Behandlung akuter Symptome gibt es neue klinische Befunde. Eine in der Fachzeitschrift Nature publizierte Untersuchung der Charité an 171 Menschen mit posttraumatischer Belastungsstörung überprüfte den Einsatz von Dronabinol gegen Albträume.

Nach einer zehnwöchigen Einnahme der THC-Tropfen besserte sich die Symptomatik bei über der Hälfte der Probanden deutlich. Bei mehr als einem Drittel der Behandelten verschwanden die für die Belastungsstörung typischen Albträume im Studienverlauf vollständig, ohne dass schwere Nebenwirkungen auftraten.

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