Fruchtfliegen-Gehirn, Forscher

Fruchtfliegen-Gehirn: Forscher kartieren 166.000 Neuronen vollständig

Veröffentlicht am: 22.09.2026 um 02:22 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Ein internationales Team erfasst 166.000 Neuronen und 125 Millionen Synapsen der männlichen Fruchtfliege für neue Vergleiche und Simulationen.

Forschungsverbund vollendet vollständige Nervenkarte der Fruchtfliege
Abstrakte Visualisierung eines komplexen neuronalen Netzwerks mit leuchtenden synaptischen Verbindungen in einem Labor. Illustration mit AI erstellt.

Die Neurowissenschaft hat Anfang September 2026 einen bedeutenden Fortschritt in der Erforschung komplexer biologischer Systeme erzielt. Einem internationalen Forschungsverbund, bestehend aus dem HHMI Janelia Research Campus, dem MRC-Labor Cambridge und Google Research, ist es gelungen, das erste vollständige Konnektom einer adulten männlichen Fruchtfliege (Drosophila melanogaster) fertigzustellen. Diese detaillierte Karte des Nervensystems umfasst nicht nur das Gehirn, sondern das gesamte zentrale Nervensystem einschließlich des Bauchnervenkabels und beider Sehlappen.

Dimensionen und technische Realisierung der Kartierung

Der nun veröffentlichte Datensatz, der unter der Bezeichnung „MaleCNS v1.0“ geführt wird, dokumentiert über 166.000 Neuronen und rund 125 Millionen synaptische Verbindungen. Die Forscher identifizierten dabei etwa 11.700 verschiedene Zelltypen.

Ein wesentlicher Faktor für den Erfolg des Projekts war die Zusammenarbeit mit Google Research. Das Unternehmen agierte als maßgeblicher Partner und stellte spezialisierte Algorithmen zur automatisierten Rekonstruktion der neuronalen Verbindungen zur Verfügung.

Durch den Einsatz dieser Technologien konnte die Effizienz bei der Erstellung des Konnektoms im Vergleich zu früheren Verfahren um mehr als das 1000-fache gesteigert werden. Die wissenschaftlichen Details der Arbeit wurden in der Fachzeitschrift Cell veröffentlicht. Ergänzend dazu wurde bekannt, dass die Bionet Group für weiterführende Forschungsaspekte Mittel der US-Forschungsbehörde DARPA erhält.

Vergleich der Geschlechter und funktionale Schaltkreise

Die Fertigstellung des männlichen Konnektoms ermöglicht erstmals einen präzisen Vergleich mit dem Nervensystem der weiblichen Fruchtfliege, das bereits im Jahr 2024 kartiert wurde. Forschungsleiter Gerry Rubin wies darauf hin, dass dieser Vergleich essenziell sei, um die neurologischen Grundlagen von komplexem Sozialverhalten bei beiden Geschlechtern einer Tierart zu verstehen.

Parallel dazu lieferte eine Studie des CAS-Zentrums für Hirnwissenschaften Mitte September 2026 tiefere Einblicke in spezifische Teilsysteme. In der Fachzeitschrift Current Biology beschrieb die Forschungsgruppe um Wang Fei die mechanosensorischen Feedback-Schaltkreise, die bei der männlichen Drosophila die Kopulation steuern.

Hierbei spielen drei Typen von Sinnesborsten (SUR, EVL und MG) eine zentrale Rolle. Die Untersuchung zeigt, wie exzitatorische und inhibitorische Interneuronen – konkret als copEN und copIN benannt – den Prozess der Paarung und deren Terminierung präzise steuern.

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Praktische Anwendungen und Limitationen künstlicher Systeme

Obwohl das Konnektom laut Google Research eine statische Karte und kein bewusstes System darstellt, wird der Datensatz bereits für diverse Simulationen genutzt. Der Ingenieur Alex Wormuth integrierte das Modell testweise in die Software des Spiels Doom, wobei das System über 25 Millionen Verbindungen zur Verarbeitung von Bildsignalen nutzte.

Im Rahmen des Projekts „Stonkfly“ wurde das neuronale Netz zudem für die Klassifikation von E-Mails eingesetzt, wobei es eine Präzision von 80 Prozent im Vergleich zu herkömmlichen, kleinen künstlichen Netzen erreichte.

Die Forschung verdeutlicht jedoch auch die Kluft zwischen biologischen Strukturen und aktueller KI-Technik. Ein Team der NYU Grossman School of Medicine stellte in einer Studie in iScience fest, dass moderne Bilderkennungsprogramme bei der Erfassung von Gesamtsilhouetten deutlich schlechter abschneiden als Menschen.

Während künstliche neuronale Netze lokale Texturen priorisieren und einfache Umrisse oft als „Fenstergitter“ oder „Kettenhemd“ missinterpretieren, bleibt die menschliche Gestalterkennung robuster.

Einordnung in die globale Hirnforschung

Mit 166.000 Neuronen bleibt das Nervensystem der Fruchtfliege im Vergleich zu höheren Säugetieren klein. Zum Vergleich: Eine Katze verfügt über etwa 760 Millionen Neuronen, ein Affe über zirka 6 Milliarden und das menschliche Gehirn über rund 86 Milliarden Neuronen.

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Moderne KI-Modelle scheitern an Aufgaben, die biologische Nervensysteme mühelos lösen: Bei der Erkennung von Gesamtsilhouetten liegen selbst große Bilderkennungsnetze deutlich hinter menschlichen Probanden. Der kostenlose Leitfaden zeigt, welche Prinzipien biologischer Informationsverarbeitung sich aus dem Fruchtfliegen-Konnektom ableiten lassen — und wo die Grenzen aktueller KI-Technik liegen. Leitfaden zu biologischer vs. künstlicher Bildverarbeitung sichern

Dennoch markiert die vollständige Erfassung des Drosophila-Konnektoms einen entscheidenden Schritt für die Skalierung künftiger Projekte in der Robotik und der Entwicklung von Sehprothesen, da es die Prinzipien biologischer Informationsverarbeitung auf molekularer Ebene zugänglich macht.

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