Foto-Gedächtnis-Effekt: Warum Screenshots die Erinnerung schwächen
Veröffentlicht am: 26.08.2026 um 14:09 Uhr | Redaktion boerse-global.de
In der psychologischen Forschung wird zunehmend untersucht, wie die Nutzung digitaler Endgeräte kognitive Prozesse beeinflusst. Eine im August 2026 in der Fachzeitschrift „Memory & Cognition“ veröffentlichte Untersuchung der Binghamton University liefert detaillierte Einblicke in den sogenannten „Photo-Taking-Impairment-Effect“.
Die Forschungsarbeit unter der Leitung von Sophia Fabrizio belegt, dass die Speicherung von visuellen Informationen durch Fotos oder Screenshots paradoxerweise dazu führt, dass sich Menschen schlechter an die aufgenommenen Inhalte erinnern können.
Experimentelle Befunde zur Erinnerungslücke
Die Studie der Binghamton University basiert auf einer Versuchsreihe mit insgesamt sieben Experimenten, an denen 892 Probanden teilnahmen. Im Rahmen der Untersuchungen betrachteten die Teilnehmer verschiedene Kunstwerke. Ein Teil der Probanden hielt diese visuell per Foto oder Screenshot fest, während eine Kontrollgruppe die Objekte lediglich betrachtete.
In anschließenden Tests, die etwa zehn Minuten nach der Betrachtung durchgeführt wurden, zeigten sich signifikante Unterschiede in der Gedächtnisleistung. Teilnehmer, die die Objekte fotografiert hatten, schnitten bei der Rekonstruktion von Details und der Identifikation der Bilder schlechter ab als jene, die auf technische Hilfsmittel verzichtet hatten.
In einem markantes Ergebnis der Untersuchung ist die Wiedererkennungsrate bei Screenshots: Diese fiel laut den Studienergebnissen auf einen Wert von unter 60 Prozent.
Bemerkenswert ist zudem die Stabilität dieses Effekts. Die Forscher beobachteten, dass die Verschlechterung der Erinnerung selbst dann eintrat, wenn die Screenshots unmittelbar nach der Aufnahme wieder gelöscht wurden. Der Effekt scheint sich zudem nicht nur auf die fotografierende Person selbst zu beschränken, sondern erstreckt sich auch auf umstehende Personen, die den Vorgang beobachten.
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Ursachenforschung: Mechanismen der kognitiven Entlastung
Die Wissenschaftler der Binghamton University führen das Phänomen auf verschiedene psychologische Mechanismen zurück. Im Zentrum steht dabei die sogenannte kognitive Entlastung (cognitive offloading). Sobald ein Mensch ein Foto macht, signalisiert das Gehirn, dass die Information extern gespeichert ist und somit keine Notwendigkeit mehr besteht, sie intern im Langzeitgedächtnis zu verankern.
Zusätzlich identifizierte das Forschungsteam weitere Faktoren:
- Geteilte Aufmerksamkeit: Der Akt des Fotografierens bindet Aufmerksamkeit für die Bedienung des Geräts, die Bildkomposition oder technische Einstellungen.
- Aufmerksamkeits-Disengagement: Die Probanden lösen sich geistig schneller von dem betrachteten Objekt, da der Fokus auf den technischen Prozess der Aufnahme übergeht.
Diese Mechanismen führen dazu, dass die Tiefe der Informationsverarbeitung während des Betrachtens abnimmt, was die spätere Abrufbarkeit der Details erschwert.
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Einordnung in den Alltag und Handlungsempfehlungen
Die Relevanz dieser Erkenntnisse wird durch die schiere Masse an digitalem Bildmaterial verdeutlicht. Schätzungen zufolge entstehen weltweit täglich rund 5,3 Milliarden neue Fotos. Vor dem Hintergrund der nachgewiesenen Beeinträchtigung der Gedächtnisleistung empfehlen Experten eine bewusstere Nutzung der Fotofunktion.
Um die eigene Erinnerungsleistung zu erhalten oder zu fördern, legen die Ergebnisse der Binghamton University verschiedene Strategien nahe. Anstatt automatisch zum Smartphone zu greifen, sollten Beobachter Objekte zunächst intensiv und ohne technische Ablenkung betrachten. Das bewusste Beobachten fördert die neuronale Verankerung.
Des Weiteren zeigt die Studie, dass alternative Methoden der Informationssicherung deutlich effektiver sind. So verbessere das handschriftliche Notieren von Informationen die Erinnerungsleistung im Vergleich zu Screenshots messbar. Fachleute raten dazu, Screenshots nur sehr gezielt einzusetzen und diese zu einem späteren Zeitpunkt aktiv aufzuarbeiten, um den Effekt des kognitiven Offloadings zu kompensieren.
