Datenschutz macht Europa wettbewerbsfähiger, sagen Forscher
Veröffentlicht am: 17.09.2026 um 05:00 Uhr | dpa, AD HOC NEWSEin Abbau von Datenschutzstandards ist nach Ansicht von Wissenschaftlern kein geeignetes Mittel, um Europas Wettbewerbsfähigkeit in der digitalen Wirtschaft zu stärken.
Studie stellt Deregulierung infrage
Zu diesem Schluss kommt ein Grundsatzpapier des Projekts „Plattform Privatheit“, das unter Federführung des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung und der Universität Kassel erarbeitet wurde. Statt auf pauschale Deregulierung zu setzen, müsse Europa seine wirtschaftliche Zukunft auf datenschutzfreundliche Technologien, digitale Souveränität und vertrauenswürdige Innovationen aufbauen.
Kritik an Bürokratie, nicht am Datenschutzprinzip
Die weit verbreitete Annahme, weniger Datenschutz bedeute mehr Innovation, sei empirisch nicht haltbar, betonen die Autoren um Michael Friedewald und Alexander Roßnagel. Die Datenschutz-Grundverordnung sei nicht die zentrale Ursache für Innovationshemmnisse, heißt es in dem Papier.
Gleichzeitig benennen die Forscher spürbare Probleme für Start-ups sowie kleine und mittlere Unternehmen. Sie litten besonders unter bürokratischem Aufwand und Rechtsunsicherheit, während große Digitalkonzerne die Anpassungen meist besser bewältigen könnten.
Mehr Fokus auf Datenqualität
Für Künstliche Intelligenz und datengetriebene Geschäftsmodelle setzen die Autoren nicht auf reine Datenmaximierung. Entscheidend seien vielmehr Datenqualität, Passgenauigkeit und die Exklusivität von Trainingsdaten.
Die Forscher empfehlen, Pflichten stärker am tatsächlichen Verarbeitungsrisiko auszurichten, Hersteller von Standard-Software stärker in die Verantwortung zu nehmen und dateneffiziente KI-Verfahren gezielt zu fördern.
Datenschutz als Standortvorteil
Besonders in sensiblen Bereichen wie Gesundheitswesen, Finanzdienstleistungen und Verwaltung könne verlässlicher Datenschutz zum Wettbewerbs- und Vertrauensvorteil werden. Das Papier versteht Grundrechtskonformität damit nicht als Gegenpol zur Innovationspolitik, sondern als mögliches Qualitätsmerkmal europäischer Digitaltechnologie.
Einordnung
Die Studie reiht sich in eine längere Debatte über Europas digitale Wettbewerbsfähigkeit ein: Seit Jahren steht die Frage im Raum, wie sich strenge Grundrechtsvorgaben mit schneller technologischer Entwicklung verbinden lassen. Der zentrale Befund des Papiers ist deshalb politisch relevant, weil er den verbreiteten Ruf nach pauschaler Deregulierung zurückweist und stattdessen auf gezielte Entlastung, Rechtssicherheit und technologische Qualität setzt.
Besonders bedeutsam ist der Fokus auf kleine und mittlere Unternehmen. Während große Plattformen regulatorische Anforderungen oft mit spezialisierten Rechts- und Compliance-Strukturen abfedern können, treffen unklare Vorgaben und Bürokratie kleinere Anbieter meist härter. Genau dort entscheidet sich häufig, ob aus einer guten Idee ein skalierbares Produkt wird.
Für die europäische Digitalpolitik ist die Argumentation auch deshalb wichtig, weil sie Datenschutz nicht nur als Kostenfaktor beschreibt, sondern als Standortmerkmal. In sensiblen Branchen wie Gesundheit, Finanzwesen und Verwaltung kann Vertrauen selbst zum Wettbewerbsvorteil werden. Das verschiebt die Debatte von der simplen Frage nach mehr oder weniger Regulierung hin zur praktischeren Frage, wie Regeln so gestaltet werden, dass sie Innovation ermöglichen und zugleich belastbare Standards sichern.
