Fettleber, Risiken

Fettleber: Neue Risiken für Herz und Nieren entdeckt

Veröffentlicht am: 10.09.2026 um 14:14 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Forschende verknüpfen MASLD mit Herz- und Nierenrisiken und untersuchen Wirkstoffe, Biomarker sowie Entzündungsmechanismen für neue Therapien.

MASLD im Fokus: Neue Ansätze für Leber, Stoffwechsel und Nieren
Ein steriler Labortisch mit einem einzelnen Reagenzglas in einem modern ausgestatteten medizinischen Forschungslabor. Illustration mit AI erstellt.

Die metabolische Fettlebererkrankung (MASLD) entwickelt sich zu einem der größten globalen Gesundheitsprobleme. Eine Übersichtsarbeit von Forschenden der University of Manchester und der Northern Care Alliance NHS, veröffentlicht in Current Opinion in Nephrology and Hypertension, kommt zu dem Schluss, dass bereits bis zu einer von drei Personen weltweit betroffen ist.

Bis zum Jahr 2040 könnte die Erkrankung laut der Analyse mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung betreffen. Besonders bei fortgeschrittener Fibrose steige das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, chronische Nierenerkrankungen und einen frühzeitigen Tod deutlich an.

Auf der therapeutischen Seite zeigt der Übersichtsarbeit zufolge der Wirkstoff Semaglutid bereits einen Nutzen bei MASLD, während Tirzepatid und Retatrutid derzeit in klinischen Studien untersucht werden.

Entzündungsmechanismen in der Leber im Fokus

Wie eng Fettstoffwechsel und Entzündungsgeschehen in der Leber verknüpft sind, verdeutlicht eine Arbeit der Universität Gießen um Prof. Elke Roeb, veröffentlicht in Cellular and Molecular Gastroenterology and Hepatology. Die Forschenden beobachteten, dass der Botenstoff Interleukin-13 (IL-13) im Blut bei starkem Übergewicht nach einer Gewichtsabnahme deutlich ansteigt.

In Mausmodellen ohne IL-13 zeigte sich mehr Leberfett und eine beeinträchtigte Fettsäureverbrennung. IL-13 aktiviert demnach den IL-13R?1/JNK/FOSL2-Signalweg und reduziert dadurch die Einlagerung von Triglyceriden. Das Protein FOSL2 ließ sich in der Studie bei Patienten mit Fettleber und MASH (metabolic dysfunction-associated steatohepatitis) verstärkt nachweisen.

Ergänzend dazu identifizierte ein Team des Jiangsu Province Hospital of Chinese Medicine in Nanjing – unter Leitung von Tiansu Lv, Hongshan Dai und Shihu Zhang, mit Feng Zhang und Xiqiao Zhou als korrespondierenden Autoren – in einer in Genome Medicine veröffentlichten Studie eine bislang unbekannte Makrophagen-Population, der die Enzyme AGXT2 und PYCR3 fehlen.

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Diese Zellen treiben Entzündung und Fibrose in der Leber voran. In Zellversuchen ließ sich der schädliche Zellphänotyp durch die Gabe von Glycin und Prolin umkehren.

Pflanzenstoffe und neue Therapieansätze

Auch aus der Naturstoffforschung kommen Impulse: Ein Team der Central South University in China wies in einer in Phytotherapy Research publizierten Studie nach, dass Liquiritigenin, ein Wirkstoff aus chinesischem Süßholz (Glycyrrhiza uralensis), in Zell- und Mausversuchen die übermäßige Lipidansammlung in der Leber verringert.

Der Stoff steigere Lipolyse und Lipophagie über den PLIN2-ATGL-Signalweg und könnte perspektivisch als Bestandteil funktioneller Lebensmittel genutzt werden.

Beim Unternehmen Can-Fite BioPharma dokumentiert ein Fallbericht den Einsatz von Namodenoson, einem A3AR-Agonisten, bei fortgeschrittener dekompensierter Leberzirrhose. Bei dem behandelten Patienten bildete sich der Aszites zurück, Diuretika konnten abgesetzt werden, und es zeigten sich nur noch minimale Ösophagusvarizen.

Nach rund 28 Monaten Behandlung erfolgte im Januar 2026 eine erfolgreiche orthotope Lebertransplantation. Namodenoson befindet sich derzeit in Phase 3 bei Leberkrebs und in Phase 2b bei MASH.

Das Unternehmen Genfit wiederum setzt auf Diagnostik: Laut einer IQVIA-Marktstudie könnten bis 2033 rund 86 Millionen Amerikaner mit Fettleber oder erhöhten Leberenzymen von Bluttests mit der NIS4/NIS2+-Technologie profitieren.

Der Spitzenumsatz dieser Technologien in den USA könnte laut der Studie bis 2033 über 1,5 Milliarden US-Dollar erreichen, bei mehr als sieben Millionen Tests pro Jahr. Seit 2025 sind zudem zwei FDA-zugelassene MASH-Therapien in den USA verfügbar.

Verbindung zu Adipositas und systemischer Entzündung

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Eine Studie aus Leipzig unterstreicht die systemische Dimension: Adipositas betrifft demnach 19,7 Prozent der Erwachsenen in Deutschland. Bei 100 untersuchten adipösen und normalgewichtigen Personen fanden sich vermehrt intermediäre Monozyten, wie sie auch bei rheumatoider Arthritis auftreten.

Nach bariatrischen Operationen und einem Gewichtsverlust von etwa 45 Kilogramm bildeten sich diese Monozyten bei 111 untersuchten Patienten zurück, während Entzündungswerte, Langzeitblutzucker und Blutfette sanken. Eine geplante randomisierte Studie mit 200 Teilnehmenden soll nun Colchicin und eine IL-1-Blockade als mögliche Interventionen prüfen.

Auch eine indische Übersichtsarbeit im Journal of Herbal Medicine widmet sich der Darm-Leber-Achse: Phytocannabinoide wie CBD, THC, THCV und CBG könnten über die Darmflora die Lebergesundheit beeinflussen, etwa durch Förderung von Akkermansia- und Lactobacillus-Bakterien. Präklinische und Beobachtungsstudien deuten auf eine hepatoprotektive Wirkung hin, randomisierte klinische Studien stehen jedoch noch aus.

Nierenfunktion als unterschätzter Risikofaktor

Die enge Verknüpfung von Leber-, Stoffwechsel- und Nierengesundheit zeigt sich auch in aktuellen kardiologischen Leitlinien. Die European Society of Cardiology stellte auf dem ESC Congress 2026 gemeinsam mit der European Renal Association erste Leitlinien speziell für die Kombination aus Herz-Kreislauf-Erkrankung und chronischer Nierenkrankheit (CKD) vor, veröffentlicht im European Heart Journal.

Schätzungen zufolge sind in Europa rund 100 Millionen Menschen von CKD betroffen. Die Leitlinien empfehlen, bei jeder Diagnose einer Herz-Kreislauf-Erkrankung auch auf CKD zu testen – mittels Blut- und Urintest auf Albumin, zusammengefasst im Merksatz „STAMP on CKD“ – sowie eine frühzeitige Behandlung mit RAS-Inhibitoren, SGLT2-Inhibitoren und Statinen.

Auch die Deutsche Gesellschaft für Nephrologie (DGfN) machte in einem Bericht vom 8. September 2026 auf die oft unentdeckte chronische Nierenkrankheit bei Herz-Kreislauf-Patienten aufmerksam.

Kreatinin allein reiche zur Früherkennung nicht aus, betonte die Nephrologin Sibylle von Vietinghoff. Der Wert falle oft erst dann auf, wenn die Nierenfunktion bereits erheblich eingeschränkt sei. Nach Angaben der DGfN ist etwa jeder zweite Mensch mit Herzschwäche betroffen. Empfohlen wird zusätzlich die Bestimmung von eGFR im Blut und UACR im Urin.

Anlässlich des Berlin-Marathons Ende September rät die Fachgesellschaft zudem Menschen mit Bluthochdruck, Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder früherer Nierenschädigung, ihren Blutdruck und Nierenstatus prüfen zu lassen, und warnt vor der vorsorglichen Einnahme von NSAR wie Ibuprofen, Diclofenac und Naproxen. In einer randomisierten Ultramarathon-Studie trat unter Ibuprofen häufiger eine akute Nierenschädigung auf als unter Placebo.

Die Summe dieser Forschungslinien zeichnet ein Bild, in dem Leber, Fettstoffwechsel, Immunsystem und Nieren als miteinander verknüpftes System erscheinen – mit Konsequenzen, die weit über die Leber selbst hinausreichen.

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