Fehlzeiten-Report, Psychisch

Fehlzeiten-Report: Psychisch bedingte Ausfalltage steigen um 42 Prozent

Veröffentlicht am: 09.10.2026 um 12:09 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Psychisch bedingte Fehlzeiten und Krankengeldausgaben steigen; Fachleute betonen betriebliche Prävention und klare Arbeitsstrukturen.

Psychische Gesundheit im Job: Belastungen, Fehlzeiten und Prävention
Ein ruhiger, leerer moderner Arbeitsplatz bei Dämmerung mit einer Schreibtischleuchte und einer Pflanze. Illustration mit AI erstellt.

Die seelische Gesundheit am Arbeitsplatz gewinnt angesichts anhaltender Arbeitsverdichtung zunehmend an Bedeutung. Zum Welttag der psychischen Gesundheit am 10. Oktober 2026 machen asz-Arbeitspsycholog:innen auf typische Überlastungsmuster in Unternehmen aufmerksam und betonen die Notwendigkeit präventiver Resilienzkonzepte.

Typische Warnsignale im betrieblichen Arbeitsalltag

Nach Angaben der asz-Arbeitspsycholog:innen lassen sich betriebliche Überlastungen häufig an fünf zentralen Anzeichen ablesen. Dazu zählen eine Zunahme zwischenmenschlicher Konflikte, auffällige Veränderungen im Sozialverhalten von Mitarbeitenden sowie eine Häufung von Fehlern und Konzentrationsschwierigkeiten.

Ein weiteres Risiko besteht darin, dass besonders leistungsstarke Personen funktionale Einschränkungen oft lange überspielen und weiterarbeiten. Zudem zeigt sich chronischer Stress daran, dass die Erholung in arbeitsfreien Zeiten ausbleibt.

Die Konsequenzen spiegeln sich in den Ausfallzeiten wider: Krankenstände aufgrund psychischer Leiden dauerten im Jahr 2025 laut asz-Angaben im Schnitt 36,7 Tage, während der Mittelwert über sämtliche Diagnosen hinweg bei 9,1 Tagen lag. Seit dem 1. Januar 2013 ist die Evaluierung psychischer Belastungen gesetzlich vorgeschrieben.

Treiber der Belastung: Verdichtung und permanente Erreichbarkeit

Als wesentliche Belastungsfaktoren identifizieren die Arbeitspsycholog:innen neben Personalmangel und Arbeitsverdichtung auch ständige Erreichbarkeit, betriebliche Umstrukturierungen sowie Unsicherheiten bezüglich des Einsatzes künstlicher Intelligenz. Daten des Fachkräfteradars 2026 bestätigen diesen Druck: In 81 Prozent der betroffenen Unternehmen nimmt die Arbeitsintensität zu, in 64 Prozent fallen vermehrt Überstunden an.

Ergänzende Befunde liefert die Befragung „DearEmployee Workplace Insights“ 2025 unter 13.317 Beschäftigten aus 79 Organisationen (nach 17.349 Befragten aus 89 Organisationen im Jahr 2024). Darin stuften 13 Prozent ihre mentale Verfassung als stark oder sehr stark eingeschränkt ein, was einem Zuwachs von 3 Prozentpunkten gegenüber dem Vorjahr und dem Höchstwert seit Messbeginn 2019 entspricht.

Die Erreichbarkeit außerhalb der regulären Arbeitszeit beurteilten 42 Prozent negativ (ein Plus von 7 Prozentpunkten), während 24 Prozent die zeitliche Flexibilität kritisch sahen (+8 Prozentpunkte).

Zudem klagten 36 Prozent über dauerhafte Müdigkeit und 14 Prozent über Gefühle des Ausgebranntseins. BAuA-Forscherin Ina Schöllgen konstatierte diesbezüglich, dass seit 2020 eine deutliche und gleichbleibende Verschlechterung der mentalen Gesundheit bei Erwerbstätigen zu verzeichnen sei, ohne Anzeichen einer Besserung.

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Steigende Ausfalltage und finanzielle Folgen

Die versicherungsübergreifenden Kennzahlen belegen den Trend. Der vom WIdO und AOK-Bundesverband in Berlin vorgestellte Fehlzeiten-Report 2026 auf Basis von 14,9 Millionen erwerbstätigen AOK-Versicherten verzeichnete binnen eines Jahrzehnts einen Anstieg der psychisch bedingten Fehltage um knapp 42 Prozent – von 284 Ausfalltagen je 100 Mitglieder im Jahr 2016 auf 403 Tage im Jahr 2025. Burnout-Zusatzdiagnosen stiegen im selben Zeitraum um 77 Prozent von 11 auf 19,5 Ausfalltage je 100 Mitglieder.

Mit 28,5 Tagen pro Fall wiesen psychische Erkrankungen 2025 die längste Falldauer auf, gefolgt von Atemwegserkrankungen mit 5,7 Tagen. Zu den häufigsten Diagnosen zählten depressive Episoden, rezidivierende depressive Störungen sowie Anpassungsstörungen.

Besonders exponiert sind soziale und pflegerische Berufe: Im Dialogmarketing wurden 2025 rund 39,0 psychisch bedingte Krankschreibungsfälle je 100 Mitglieder erfasst, in der Fachkrankenpflege 31,2 und in der Altenpflege 29,5 Fälle.

Die Krankengeldausgaben für psychische Diagnosen stiegen zwischen 2021 und 2025 um 54 Prozent, die entsprechenden Fallzahlen um 25 Prozent. Insgesamt summierten sich die Krankengeldaufwendungen 2025 auf 21,6 Milliarden Euro beziehungsweise 6,1 Prozent der Gesamtausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung.

Gesetzliche Vorgaben und Handlungsspielräume

Der Österreichische Gewerkschaftsbund (ÖGB), der rund 1,2 Millionen Arbeitnehmer:innen vertritt, verweist darauf, dass psychische Erkrankungen seit Jahren zunehmen, wenngleich die Gesamtzahl der Krankenstandstage leicht rückläufig war.

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ÖGB-Referatsleiterin Claudia Neumayer-Stickler unterstrich, dass psychische Gesundheit nicht zur Privatsache erklärt werden dürfe. Die Organisation fordert wirksame Maßnahmen gegen Belastungen, adäquate Personalstände und den Ausbau betrieblicher Gesundheitsförderung.

Auch das deutsche Arbeitsschutzrecht schreibt die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen verbindlich vor. Die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV) betont anlässlich der Woche der Seelischen Gesundheit vom 10. bis 20. Oktober 2026, dass bereits organisatorische Anpassungen wie eindeutige Kommunikationswege, feste Pausenregelungen und klar definierte Zuständigkeiten den Stress maßgeblich mindern.

DGUV-Hauptgeschäftsführer Dr. Stephan Fasshauer hob hervor, dass Betriebe beim Arbeitsschutz nicht bei null anfangen müssten, sondern auf etablierte Praxisbeispiele zurückgreifen könnten. Die psychische Gesundheit bildet zugleich das Schwerpunktthema der Nationalen Präventionskonferenz 2026.

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