Facharzttermine: KBV plant Turbo-Modell für dringende Fälle
Veröffentlicht am: 12.09.2026 um 15:43 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die Sicherstellung zeitnaher Termine bei Fachärzten bleibt eine zentrale Herausforderung im deutschen Gesundheitswesen. Laut Berichten vom September 2026 rückt die Debatte über eine effizientere Steuerung und Vergütung der ambulanten Versorgung erneut in den Fokus.
KBV-Vorstandschef Andreas Gassen skizzierte dabei Möglichkeiten, die Wartezeiten für medizinisch dringende Fälle signifikant zu verkürzen, während gleichzeitig strukturelle Reformen des gesamten Systems diskutiert werden.
Konzepte für eine beschleunigte Terminvermittlung
Im Zentrum der aktuellen Vorschläge steht die Einführung sogenannter „Turbo-Facharzttermine“. Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), betonte, dass eine Terminvermittlung in dringenden Fällen in der Regel innerhalb einer Woche realisierbar sei.
Dieses Modell sei jedoch an eine entsprechende Vergütung für die beteiligten Praxen geknüpft. Da die Zahl solcher kurzfristigen Zeitfenster begrenzt ist, soll die Dringlichkeit strikt geprüft werden.
Hausärzte sowie der ärztliche Bereitschaftsdienst sollen hierbei eine Schlüsselrolle übernehmen, indem sie die Notwendigkeit per Überweisung bescheinigen. Alternativ könne die Zuweisung über den Patientenservice unter der Rufnummer 116 117 erfolgen.
Eine allgemeine gesetzliche Termingarantie, wie sie teilweise politisch gefordert wird, lehnt Gassen jedoch ab. Er verwies darauf, dass die hierfür notwendigen Kapazitäten in den Praxen nicht flächendeckend vorhanden seien.
Politische Zielsetzungen und statistischer Hintergrund
Die Notwendigkeit für Reformen wird durch Daten der Bundesregierung unterstrichen. Im Jahr 2024 lag die durchschnittliche Wartezeit für gesetzlich Versicherte in Facharztpraxen im Schnitt bei 42 Tagen. Vor diesem Hintergrund brachte SPD-Fraktionschef Matthias Miersch eine Frist von maximal drei Wochen für Facharzttermine ins Gespräch.
Ergänzend dazu fordern ärztliche Standesvertretungen eine Entlastung von bürokratischen und starren Vorgaben. Der Spitzenverband Fachärzte Deutschlands (SpiFa) sprach sich laut Berichten vom 11. September 2026 für die Abschaffung der Pflicht zu offenen Sprechstunden aus. Bisher müssen grundversorgende Fachärzte mindestens fünf Stunden pro Woche ohne vorherige Terminvereinbarung anbieten.
SpiFa-Chef Dirk Heinrich bezeichnete dieses Format als teuer und kaum planbar, ohne dass dadurch zusätzliche Arbeitszeit generiert werde. Mit dem GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz ist ohnehin vorgesehen, dass die Finanzierung dieser offenen Sprechstunden ab dem Jahr 2027 entfällt.
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Langfristige Reformen des Primärversorgungssystems
Über kurzfristige Terminlösungen hinaus bereiten die Regierungsfraktionen umfassendere Systemumstellungen vor. Die Abgeordneten Emmi Zeulner (CSU) und Christos Pantazis (SPD) stellten in Aussicht, dass bis Ende November 2026 ein Referentenentwurf für ein neues Primärversorgungssystem vorliegen soll.
Ein verpflichtender Start dieses Systems ist für den 1. Januar 2028 vorgesehen. Pantazis plant dabei, eine Termingarantie direkt mit dem Primärversorgungssystem zu verknüpfen, und schließt auch Bonus- oder Malussysteme für Patienten nicht aus.
Janosch Dahmen von den Grünen forderte in diesem Zusammenhang eine grundlegende Abkehr von der bisherigen Quartalslogik und von Jahresüberweisungen. Nach seiner Einschätzung seien rund 90 Prozent der medizinischen Fälle abschließend in der Primärversorgung lösbar.
Zusätzliche finanzielle Mittel seien nicht zwingend erforderlich; stattdessen müssten die vorhandenen Finanzierungsströme effizienter gesteuert werden.
In der Diskussion um finanzielle Entlastungen für Mediziner kündigte der SPD-Politiker Mahmut Yüksel zudem an, den Fixkostendegressionsabschlag für Haus- und Kinderärzte aus dem Beitragssatzstabilisierungsgesetz streichen zu wollen. Der Hartmannbund Hessen forderte ergänzend Korrekturen an den aktuellen Sparreformen.
Risiken digitaler Triage-Systeme
Ein weiterer Aspekt der Debatte ist der Einsatz digitaler Hilfsmittel zur Entlastung der Praxen. Dominik Czihal, Vize-Vorstand des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (Zi), warnte jedoch vor einer verpflichtenden digitalen Ersteinschätzung mittels App vor jedem Praxisbesuch.
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Laut Czihal drohe dadurch eine Überversorgung. Studien würden zudem zeigen, dass KI-basierte Triage-Systeme bei echten Notfällen zur Unterbewertung und bei Lappalien zur Überbewertung neigen könnten. Dies könne dazu führen, dass bis zu 20 Prozent der Fälle fälschlicherweise in Notfallambulanzen verlagert werden.
Als Beleg für die hohe Inanspruchnahme der Primärversorgung nannte Czihal die Zahl von jährlich rund 30 Millionen AU-Bescheinigungen, die allein für die ersten drei Krankheitstage ausgestellt werden.
