Exilby® ab September: Cannabis-Extrakt gegen Nervenschmerzen zugelassen
13.06.2026 - 09:35:07 | boerse-global.de
Neue neurowissenschaftliche Erkenntnisse und die Zulassung eines Cannabis-Vollspektrum-Extrakts eröffnen völlig neue Therapieoptionen. Im Kern geht es nicht mehr nur um Gewebeschäden, sondern um die Verarbeitung von Schmerzsignalen im Nervensystem.
Forscher entdecken separaten Schmerzschaltkreis im Gehirn
Ein entscheidender Durchbruch gelang einem Team um Xiaoke Chen. Die im Fachjournal Nature veröffentlichte Studie identifiziert einen eigenständigen Hirnschaltkreis, der chronische Schmerzsignale unabhängig von akuten Reizen verarbeitet. Der Pfad verbindet Rückenmark, Thalamus, Kortex und Hirnstamm.
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In Experimenten konnten die Forscher diesen Kreislauf stummschalten – die chronischen Schmerzen ließen nach, während die Reaktion auf akute Schmerzreize intakt blieb. Parallel dazu entdeckten Teams der UT Dallas und der RWTH Aachen sogenannte schlafende Nozizeptoren als zentrale Akteure bei neuropathischen Schmerzen. Die Ergebnisse, vorgestellt am 12. Juni 2026 in Cell, zeigen ein spezifisches molekulares Profil dieser Nervenzellen. Rund 20 Prozent der Erwachsenen in den USA leiden an neuropathischen Schmerzen – die neuen Marker könnten gezielte Therapien ermöglichen.
Kliniken setzen auf multimodale Behandlung
Die Kliniken ziehen nach. Das Westpfalz-Klinikum Kirchheimbolanden erweitert sein Angebot um einen Schwerpunkt für Schmerztherapie unter der Leitung von Dr. Kathrin Fortmüller-Drews und Dr. Raphaele Lindemann. Das Konzept sieht eine mindestens siebentägige stationäre Behandlung vor – mit ärztlicher Betreuung, Physiotherapie, psychologischer Unterstützung und Alltagstraining.
Auch im Städtischen Klinikum Wolfenbüttel betonten Experten die Bedeutung einer frühen, konsequenten Therapie. Neurologe Dr. Peter Cordes: Die Zeitnähe der Behandlung ist entscheidend. Neurochirurg Dr. Martin Willmann ergänzt, dass weniger als ein Prozent der Nackenschmerz-Fälle operiert werden. Zu den konservativen Methoden zählen Triggerpunkt-Akupunktur, Aromatherapie und Botulinumtoxin.
Cannabis-Medikament als Opioid-Alternative
Ein Meilenstein in der Pharmakotherapie: Das Münchner Unternehmen Vertanical erhielt am 11. Juni 2026 die Zulassung für Exilby®. Der Cannabis-Vollspektrum-Extrakt ist zur Behandlung chronischer neuropathischer Schmerzen und Kreuzschmerzen zugelassen. Phase-3-Studien mit über 1.200 Patienten belegten über zwölf Monate eine signifikante Schmerzreduktion und bessere Verträglichkeit als herkömmliche Opioide.
Gründer Clemens Fischer, der mehrere hundert Millionen Euro in die Forschung investiert hat, sieht das Präparat als langfristige Alternative. In Deutschland werden jährlich rund 20 Millionen Opioid-Rezepte ausgestellt. Die Markteinführung in Deutschland und Österreich ist für September 2026 geplant. Die US-Gesundheitsbehörde FDA hat das Medikament bereits als Durchbruchstherapie eingestuft – ein Abhängigkeitspotenzial zeige sich nicht.
Elektroakupunktur belegt Wirksamkeit bei Arthrose
Auch komplementäre Verfahren liefern neue Daten. Eine 2026 in eClinicalMedicine veröffentlichte Studie mit 480 Patienten untersuchte Elektroakupunktur bei Knie-Arthrose. Die Probanden, die über sechs Wochen dreimal wöchentlich behandelt wurden, verbesserten sich auf der WOMAC-Skala um 65 Punkte. Die Kontrollgruppe mit Schein-Akupunktur erreichte nur 25 Punkte. Begleitende MRT-Untersuchungen belegten zudem verbesserte Entzündungswerte.
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Die Verbindung zwischen Psyche und Schmerz wird ebenfalls deutlicher. Bereits eine Studie der Universität Basel und der Ruhr-Universität Bochum aus dem Jahr 2015 zeigte, dass Depressionen das Risiko für Gelenkerkrankungen wie Arthrose erhöhen. Etwa ein Drittel der depressiven Patienten lebt mit mindestens einer zusätzlichen körperlichen Erkrankung.
CRPS-Patienten kämpfen um Anerkennung
Trotz aller Fortschritte: In der Versorgungspraxis bleiben Hürden. In Deutschland sind mehr als 130.000 Menschen vom komplexen regionalen Schmerzsyndrom (CRPS, auch Morbus Sudeck) betroffen. Dr. Amir Zolal vom Klinikum Chemnitz plädiert für eine konsequent multimodale Behandlung, die auch Neurostimulatoren einbezieht. Doch die sozialrechtliche Anerkennung gestaltet sich oft schwierig – besonders wenn primäre Verletzungen klinisch als verheilt gelten, die neurologische Schmerzsymptomatik jedoch persistiert.
