Euro-Office 1.0: Europas neue Bürosuite startet mit Format-Streit
13.06.2026 - 16:06:04 | boerse-global.de
Die neue Bürosuite aus Europa soll unabhängig von US-Konzernen machen. Doch der Streit um Dateiformate überschattet den Launch.
Am 9. Juni 2026 ging Euro-Office 1.0 offiziell an den Start – eine webbasierte Produktivitätssuite, entwickelt von einem Bündnis europäischer Technologieunternehmen um IONOS und Nextcloud. Das Ziel: eine souveräne Alternative zu den dominierenden US-Cloud-Anbietern. Doch schon jetzt gibt es heftigen Gegenwind – ausgerechnet aus der eigenen Open-Source-Community.
Der Streit um die Dateiformate
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Der Konflikt entzündet sich an einer grundlegenden Frage: Welches Dateiformat soll der Standard sein? In einem offenen Brief vom 8. Juni 2026 kritisierte Italo Vignoli von der Document Foundation (TDF), der Organisation hinter LibreOffice, dass Euro-Office standardmäßig auf Microsofts Office Open XML (OOXML) setzt – also auf DOCX, XLSX und PPTX.
Die TDF sieht darin einen fatalen Fehler. Statt die Abhängigkeit von Microsoft zu brechen, mache sich Euro-Office zum „Partner im Markt-Lock-in". Wahre digitale Souveränität erfordere das offene OpenDocument-Format (ODF) als native Sprache einer Bürosuite.
Die Kritik hat Hand und Fuß: Euro-Office bietet derzeit keine administrativen Einstellungen, um ODF verbindlich vorzugeben. Zudem blockieren die mobilen Editoren angeblich das Speichern im ODF-Format – und zwingen Nutzer so in die Microsoft-Kompatibilität.
Die Verantwortlichen von Euro-Office kontern: ODF solle langfristig der Standard werden, doch aktuell gehe es darum, die Umstiegshürden für Nutzer zu senken, die von proprietärer Software kommen.
Technische Basis: Ein Fork mit russischen Wurzeln
Euro-Office 1.0 ist ein Fork von ONLYOFFICE und steht unter der AGPLv3-Lizenz. Eine Analyse des Codebestands zeigt eine hohe Kontinuität zum Vorgänger. Branchenberichten zufolge stammen fast 99 Prozent der Code-Engine aus russischen Entwicklerteams.
Diese Herkunft sorgt für Diskussionen. Frank Karlitschek, CEO von Nextcloud, kündigte an, dass die Koalition umfassende Code-Reviews durchführen werde, um Sicherheit und Compliance zu gewährleisten. Das Euro-Office-GitHub-Repository verzeichnet inzwischen rund 5.600 Follower und 1.515 Sterne.
Integrationen und Ausbauplan
Trotz des Streits mit LibreOffice treibt die Koalition die Integration voran. Am 11. Juni 2026 veröffentlichte Nextcloud Hub 26 Spring mit eingebauter Euro-Office-Unterstützung. Auch Proton Docs und OpenProject arbeiten an der Einbindung.
Der Zeitplan für die weitere Integration:
- IONOS: Spätsommer 2026
- XWiki: Viertes Quartal 2026
Zusätzlich wurde mit Office EU ein kommerzieller Hosting-Dienst gestartet, der verwaltete Versionen für Unternehmen und den öffentlichen Sektor anbietet.
Der größere Kontext: Europas Strategie für digitale Souveränität
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Der Launch von Euro-Office fällt in eine Phase verstärkter Bemühungen um technologische Unabhängigkeit. Am 3. Juni 2026 veröffentlichte die EU-Kommission ihre „EU Open Source Strategy" als Teil eines umfassenden Souveränitätspakets. Ziel ist es, Beschaffungsrichtlinien zu modernisieren und einen „Open Internet Stack" zu fördern, der die Abhängigkeit von US-Infrastruktur reduziert.
Die Document Foundation stellt zudem die Marketing-Erzählung in Frage. Euro-Office werde als „erste europäische Open-Source-Bürosuite" beworben – dabei existierten OpenOffice.org (2001) und LibreOffice (2010) bereits lange vorher, beide mit tiefen europäischen Wurzeln.
LibreOffice reagiert auf die neue Konkurrenz mit einem Strategiewechsel: Künftig will man verstärkt auf browserbasierte Versionen, Smartphone-Apps und Echtzeit-Kollaboration setzen. Der Wettbewerb um Europas Büro der Zukunft hat gerade erst begonnen.
